Das musst du dir selber beibringen

Ob du in deinem Job richtig gut bist, hängt manchmal von Fähigkeiten ab, die dir niemand beibringt. Fünf Geschichten über Extraqualifikationen.
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Heiko fährt als Pharmareferent jeden Tag durch Bayern. Eine Geschichte über AUTOFAHREN:

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Illustration: Julia Schubert


Als ich mich für die Stelle als Pharmavertreter entschied, sagte eine Freundin: „Klar, das kannst du, mit Menschen umzugehen ist doch deine Stärke!“ Natürlich muss ich gut verkaufen können, ich möchte die Ärzte schließlich von den Produkten unserer Firma überzeugen. Dass ich nebenbei aber vor allem ein absoluter Verkehrsprofi sein muss, ist vielen Leuten gar nicht klar. Tatsächlich verbringe ich 75 Prozent meines Tages im Auto. Sieben Arztpraxen sollte ich an einem Tag im Schnitt besuchen. Bei einem Gebiet wie meinem, das von Heiden-heim bis Lindau und quer durch das Allgäu bis zum Ammersee reicht, fahre ich deshalb gut 1000 Kilometer die Woche. Ich fahre durch die verschiedensten Regionen, über Auto-bahnen, Landstraßen, durch Stadtverkehr, mit allen Vor- und Nachteilen. Ich bin aber schon immer gern Auto gefahren, das macht mir also überhaupt nichts aus. Trotzdem ist es damit nicht getan. Die Termine und die Route muss ich komplett selbst organisieren. Dabei helfen mir natürlich mein Computer und das Navigationsgerät. Aber wichtig ist, dass ich immer strukturiert bleibe, ohne zu starr von meinem Tagesplan abhängig zu sein. Wenn mich ein Kollege anruft und sagt: Klinik X braucht dringend heute noch ein Muster von Medikament Y, weil die Patientin morgen in den Urlaub geht, dann muss ich meine Route so ändern, dass das passt. Was sich bewährt hat, ist, immer genug Zeit für eine Route einzuplanen. Häufig ist die Straße leer, und man glaubt sich viel zu früh am Ziel - doch tatsächlich gerät man drei Kilometer vor dem Ziel in einen Riesenstau. Wenn man das schon ansatzweise eingeplant hat, kann einem das viel Nervenstress ersparen. Zu früh zu einem Termin zu kommen kann übrigens nie schaden. Ich sitze gern eine Weile im Warte-zimmer und gehe im Kopf noch mal durch, was ich mit dem jeweiligen Arzt besprechen möchte. Gegen richtig üble Verkehrsprobleme bin aber natürlich auch ich nicht gefeit. An einem meiner ersten Arbeitstage stand ich plötzlich in einer Vollsperrung. Verzweifelt rief ich meinen Chef an, aber der war entspannt. „Passiert“, sagte er einfach nur. „Gut, dass ich Bescheid weiß. Aber ärgern Sie sich nicht, auf einige Dinge haben Sie eben keinen Einfluss.“ Da helfen perfekte Organisation und Ortskenntnis auch nicht mehr weiter.


Yvonne ist angestellte Friseurmeisterin. Eine Geschichte über SMALLTALK:

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Illustration: Julia Schubert


Mir war immer klar, dass ich eines Tages in einem kreativen Beruf arbeiten möchte. Dass ich als Friseurin aber nicht nur ideenreich sein soll und schneiden können muss, war mir anfangs gar nicht so bewusst. Erst im Laufe der Ausbildung lernte ich, dass aus mir zusätzlich auch noch eine Meisterin des Small Talks werden muss. Mir fiel das nicht leicht. Ich bin grundsätzlich eher ein verschlossener Mensch,  und ich wusste erst nicht, wie ich auf fremde Leute zugehen soll. Ich habe meine gesamte Ausbildungs­zeit daran arbeiten müssen, richtig locker und gesprächig zu werden. Besonders hart ist das, wenn man einfach mal einen schlechten Tag hat oder wenn einem ein schwieriger Charakter begegnet, bei dem man so gar nicht weiß, wie man ihn denn nun anfassen soll. Die Menschen sind nicht gleich. Jeden neuen Kunden muss ich sofort einschätzen, um ihn so zu behandeln, dass er sich wohlfühlt. Mittlerweile kann ich das sehr gut. Aber es hat Jahre gedauert, und ich musste mich jeden Tag aufs Neue extrem pushen. Man braucht wirklich eine Menge schauspielerisches Talent, um konstant nett und freundlich und aufmerksam zu sein. Fragen, die immer gut und locker funktionieren, sind: Wie geht es dir, was machst du so? Dabei entstehen oft nette Gespräche, denn es ist ja auch tatsächlich interessant, was die vielen verschiedenen Leute beruflich so machen. Manchen merkt man es allerdings auch gleich an, dass sie sich überhaupt nicht unterhalten möchten. Die lesen dann Zeitung oder antworten nur ganz kurz und knapp und gucken einem nicht in die Augen. Das kann dann kurz unangenehm sein oder aber sehr entspan­nend. Man bewegt sich eben immer auf einem ziemlich schmalen Grat.
Wirklich unangenehm finde ich es mittlerweile nur noch, wenn ich an jemanden gerate, der so gar nicht zu meinem Charakter passt und ganz verquere Meinungen vertritt. Da wird das mit dem lockeren Gespräch dann ein bisschen anstrengend, weil man einfach keinen gemeinsamen Nenner findet. Aber das ist schon in Ordnung. Beim nächsten Kunden wird es vielleicht umso netter.


Mitch reist als Kameramann durch die Welt. Eine Geschichte über KOFFERPACKEN:

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Illustration: Julia Schubert


Nach meiner Ausbildung zum Toningenieur dachte ich: Jetzt gehst du entspannt ein bisschen zum Fernsehen und machst einfach eine Zeit lang mal Kameraassistenz. Aber von wegen. Plötzlich wurde ich für die verschiedensten Sendungen um die ganze Welt geschickt. Mein erster Trip ging gleich nach Namibia, und allein in diesem Jahr war ich schon in Hongkong, Vietnam, Malaysia, Rio, New York, Bolivien, Kolumbien, in der Mongolei und auf Borneo. 
Ich muss sehr organisiert sein, ich bin immer am Ein­packen und am Auspacken. Tricks habe ich dabei keine, zumindest nicht bewusst. Gerade das Packen fällt mir immer noch sehr schwer, obwohl ich es längst gelernt haben sollte. Zu Hause sitze ich dann oft lange vor den vielen Stapeln an potenziellen Reiseklamotten und kann mich nicht entscheiden, was diesmal wirklich mitmuss. Im Dschungel brauche ich Adventurekleidung, dort laufe ich teilweise wochenlang in ein und derselben Hose herum. Drehen wir wiederum für ein Promimagazin am roten Teppich, muss ich gesellschaftsfähig und gepflegt aussehen und stets ein gebügeltes Hemd parat haben. Viele Länder und Geschichten kannst du aber gar nicht richtig einschätzen. Damit du aber am Flughafen nicht immer für Übergepäck zahlen musst, bleibt dir nichts anderes, als mit den Klamotten einfach zu pokern. Ich lerne immer wieder aufs Neue, mit wie wenig man auskommt. Es hat mich zum Beispiel lange Zeit traurig gemacht, unterwegs auf meine Platten oder andere Gegenstände verzichten zu müssen. Aber mittlerweile habe ich verstanden, dass man wirklich nicht viel braucht, um gut leben zu können. Das Unterwegssein lehrt einen Geduld und Toleranz. Woran aber auch ich mich gewöhnen musste, war, auf meinen Magen aufzupassen: Wenn ich in einer mongolischen Nomadenhütte morgens, mittags und abends nichts anderes zu essen bekomme als Hammelfleisch, ist das schon hart …
Sobald ich Zeit habe, rufe ich von unterwegs meine Tochter an. Sie ist fünf Jahre alt und hat sich schon daran gewöhnt, dass ihr Papa nur unterwegs ist. Trotzdem vermissen wir uns oft, und ich bin traurig, sie so lange nicht in den Arm nehmen zu können. Es hilft, wenn man sich per Skype wenigstens sehen kann. Wenn ich dann endlich zu Hause bin, verbringen wir meistens gleich mehrere Tage am Stück miteinander.


Pascal leitet die Filiale einer Cafébar. Eine Geschichte über MENSCHENKUNDE:

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Illustration: Julia Schubert


Ich bin durch das Kellnern zu meinem jetzigen Job gekommen. Klar, Leergut sortieren, Cocktails mischen, Cappuccino machen, offen mit Menschen umgehen, schnell und spontan reagieren – das ist alles nicht so schwierig. Aber ich hatte eben noch einige andere Stärken, die mich dahin gebracht haben, wo ich jetzt bin: Orga­nisationstalent, starke Nerven und vor allem einen sehr psychologischen Blick. Viele Leute sagen ja, Gastronomen seien auch gute Psychologen. Wir können Menschen sehr gut lesen. Das müssen wir auch. Denn ein richtig guter Laden braucht glückliche Kunden. Die bekommt er vor allem durch richtig gutes Personal und richtig gute Waren. Um diese auszuwählen, brauchst du ein sehr gutes Gefühl. In Vorstellungsgesprächen musst du blitzschnell herausfinden, ob jemand besser hinter der Bar oder vor der Bar aufgehoben ist, wo seine Stärken und Schwä­chen liegen. Der Dienstplan muss so zusammengestellt sein, dass das Team immer perfekt leistungsfähig ist.
Du kannst mit dem richtigen Händchen auch die Zusammensetzung deiner Kundschaft bestimmen – du musst es sogar bis zu einem gewissen Grad. Du solltest schnell merken: Welcher Kunde schadet meinem Laden vielleicht, und wie gehe ich mit ihm um? Welche Kunden wiederum helfen meinem Laden, welche behandle ich also besonders zuvorkommend? Du triffst jeden Tag unzählige Menschen, beobachtest Tausende kleiner Gesten. Du siehst die Auswirkungen von allem, was du tust und sagst, sofort. Daraus lernst du. Du bist, wenn du so willst, nicht nur Psycho­loge, sondern auch Verhaltensforscher. Anders als viele denken, ist Gastronomie nicht nur Handwerk und BWL. Es ist vor allem Kommunikation und Stimmung. Und wenn du kein sehr feines Gefühl für Personal, Waren und Kunden hast, läuft dein Laden nicht.


Annabelle hat eine Tierarztpraxis in München. Eine Geschichte über SEELSORGE:

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Illustration: Julia Schubert


Meine Mutter hat immer gesagt: Wieso studierst du denn nicht Humanmedizin? Ich habe geantwortet: „Ach, dann kommen immer diese Leute und jammern so viel und haben hier ein Wehwechen und da ein Wehwechen –ich weiß nicht, ob ich das wirklich möchte!“ Mit Tieren ist das einfacher, dachte ich, die sprechen ja nicht mit einem. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass die nicht von allein in die Praxis spazieren. Sondern mit ihren Besitzern. Und die muss ich manchmal intensiver therapieren als den eigent­lichen Patienten. Das habe ich erst während meiner Assistenz in einer kleineren Praxis begriffen. Der Arzt dort konnte unglaublich gut mit Menschen umgehen, und von ihm habe ich mir vieles abgeschaut. Das Außergewöhnliche bei der Behandlung von Tieren ist: Sie werden nicht besonders alt. Ein Hund wird gerade einmal 14 oder 15 Jahre, das ist im Vergleich zu einem Menschenleben nichts. Als Tierliebhaber beerdigt man während seines Lebens mehrere Tiere. Man muss immer wieder neu mit dem Verlust und der Trauer um ein geliebtes Lebewesen umgehen. Immer wieder leiste ich neben der medizinischen Behandlung also auch Trauerarbeit. Es ist nicht einfach, den richtigen Ton zu finden, wenn man jemandem sagt, dass sein Tier so krank ist, dass es das Beste ist, es einzuschläfern. Ich war anfangs erschrocken, für wie viele ältere Menschen ein Tier ihr absolutes Ein und Alles ist. Sie haben keine Eltern mehr, keine Geschwister, und ihre Kinder leben am anderen Ende der Welt. Was bleibt ihnen übrig, als all ihre Liebe und ihr Partnerschaftsbedürfnis in ein Kätzchen oder ein Hündchen zu legen. Als Arzt ist man dann natürlich dafür verantwortlich zu trösten und, wenn es irgendwie geht, dafür zu sorgen, dass das Tier noch eine Weile am Leben bleibt. Oft kommen diese älteren Menschen aber noch gar nicht einmal, weil das Tier krank ist. Sie kommen, weil sie Kontakt suchen. Ich habe hier eine ältere Dame mit einem kleinen Pudel­mischling; sie kommt jeden Tag, um eine Dose Hunde­futter oder eine andere Kleinigkeit zu kaufen. Der tägliche Ausflug gibt ihr Geborgenheit, er ist ein All­tagsritual. Sie quatscht dann ein bisschen an der Theke, greift einmal in unsere Schale mit Schokolade und verabschiedet sich wieder. Wir freuen uns darüber. Es ist ein sehr erfüllendes Gefühl, wenn man einem Menschen eine solche Geborgenheit bieten kann.

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Text: mercedes-lauenstein - Fotos: Juri Gottschall

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