Die Schüler von Trakt C2

Für sie ist ein Schulabschluss nicht nur ein Schulabschluss. Er ist vielleicht ihre letzte Chance. Zu Besuch in einer Klasse hinter Gittern.
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Freibadwetter ist das Schlimmste. Wenn die Hitze in der Luft schwirrt, dann will Jonas  (Alle Namen von Häftlingen von der Redaktion geändert) nach draußen, auf die Wiese oder ans Wasser. „Aber es bringt nichts, sich das zu wünschen“, sagt er, schiebt sein Kinn nach vorn und verschränkt die Arme. Seit dem Frühjahr sitzt er im Gefängnis, seit einer Woche im Realschulkurs, erste Reihe ganz links. Der Kurs hat mit einem Sommer im Freibad nicht viel gemein. Trotzdem macht er Jonas an solchen Tagen das Leben leichter: „Da geht zumindest die Zeit schneller vorbei“, sagt er.  

Erste Reihe, ganz links, das ist Jonas' Platz.

Ein Jahr lang lernen die neun Schüler hier in der JVA Vechta in Niedersachsen zusammen. Bis zur Prüfung. Einer der wichtigsten ihres bisherigen Lebens – auch wenn sie das vielleicht gar nicht einsehen. „Wenn sie hier nicht die Kurve kriegen, wird es eng“, sagt Schulleiter Manfred Tiemerding, ein großer Mann mit einem ergrauten Prinz-Eisenherz-Haarschnitt, einem freundlichen Gesicht und dreißig Jahren Arbeitserfahrung im Justizvollzug. Die JVA Vechta ist ein besonderes Gefängnis. Hier sitzen nur Männer, die bei der Verurteilung unter 25 waren, sogenannte Jungtäter. Die 330 Männer sind zu alt für den Jugendvollzug, aber noch so jung, dass sie mit einer Ausbildung oder mit einem Schulabschluss nach ihrer Entlassung auf dem Arbeitsmarkt eine reelle Chance haben.  

Der Schulabschluss im Knast ist also nicht nur ein Schulabschluss. Das Zeugnis kann ein Ausweg aus dem sich drehenden Kreisel der Straftaten sein. Die Gefangenen sollen darauf vorbereitet werden, in Zukunft straffrei zu leben, und es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und Kriminalität: Ein Schulabbrecher wird mit einer mehr als doppelt so hohen Wahrscheinlichkeit straffällig wie eine ansonsten vergleichbare Person mit mittlerer Reife oder Abitur. Natürlich ist Bildung nur einer von vielen Faktoren einer erfolgreichen Resozialisierung – aber einer, den man im Gefängnis beeinflussen kann. 7.30 Uhr. Deutschunterricht. Jonas füllt einen Lückentext in Jungsschrift aus. Der 23-Jährige sitzt breitbeinig, mit Kapuzenpullover und Jogginghose, auf dem Stuhl. Seine blonden Haare trägt er wie Bushido – an der Seite raspelkurz geschoren, oben ein paar Millimeter länger, wie die meisten in der Klasse. Auf dem kleinen Finger ist ein rundes Tattoo zu sehen, selber gestochen mit einer Haarschneidemaschine und einem Kugelschreiber. Ein Glückspilz soll es sein. Oleg, sein Banknachbar und Zellenmitbewohner, hat das gleiche. Irina Luft, eine energische Lehrerin mit kurzen roten Haaren und Perlenkette, steht vor den neun Schülern im kleinen Klassenzimmer und schreibt Beispiele aus der Rechtschreibreform auf. Majonäse statt Mayonnaise, behände statt behende, dass statt daß. Es ist frontaler Auswendiglern-Unterricht, mit grüner Tafel und Kreide. Mit zusammengezogenen Augenbrauen vergleicht Jonas die Tafel mit seinem Übungsbogen, er wirkt interessiert.



„Was soll denn ein Reihentanz sein?“, fragt er und dreht sich nach hinten.
„Eine Polonäse“, sagt Sergey in der zweiten Reihe.  
„Ach, stimmt!“, sagt Jonas und lacht. „Ist schon etwas her, dass ich feiern war.“  

Jonas ist zu 19 Monaten Haft verurteilt, wegen Diebstahls. Das dritte Mal sitzt er hinter Gittern, vorher zweimal Jugendgefängnis in Hameln, jetzt ist er hier. Draußen rutschte er immer wieder ab, nahm Drogen – Heroin, Cannabis, Alkohol. In sein hübsches, jungenhaftes Gesicht haben sich Augenringe eingegraben.   Jonas hat, wie ein Drittel der Insassen, die Hauptschule draußen abgeschlossen. Ein weiteres Drittel hat die Schule abgebrochen – normal für ein deutsches Gefängnis. „Aber das Zeugnis bringt mir nicht viel. Ich hatte nur Vieren und Fünfen, damit hätte ich eh keine Chance gehabt“, sagt er. Schließt er nächsten Sommer die Realschule ab, wird später wahrscheinlich kaum jemand nach seinem Hauptschulzeugnis fragen. Aber warum genau er im Unterricht sitzt, was ihm das Lernen bedeutet, darauf antwortet Jonas nur schwammig. Er zuckt mit den Schultern. „Ist halt sinnig.“ „Warum nicht?“ „Was denn sonst?“ Floskeln. Dann sagt er: „Vielleicht bekomme ich dadurch Hafterleichterung.“ Er weiß genau: Schulbesuch und gutes Benehmen werden positiv in der Sozialprognose vermerkt.  



Alle Gefangenen müssen arbeiten oder an Bildungsangeboten teilnehmen. Wer sich weigert, muss seine Haftkosten selbst zahlen, pro Tag 13 Euro. Das macht kaum einer. Nichts zu tun sei sowieso langweilig, sagt Jonas. Die rund zehn Quadratmeter kleine Zelle engt ein, der Tag zieht sich in die Länge. Die Schüler verdienen pro Tag 11,64 Euro, für einfache Arbeiten wie Flurewischen oder Essenausteilen gibt es 1,39 Euro weniger. Hochgerechnet macht das eine Dose Tabak Unterschied pro Monat. Ein Anreiz, Kaffee und Zigaretten sind im Gefängnis limitiert und begehrt. Aber das Allerwichtigste für Jonas: Die Zeit, diese endlose Zeit hinter Gittern, geht beim Lernen schneller vorbei als beim Flurewischen. Also lieber Schule.  



Zum Unterrichtsbeginn läutet keine Klingel. Nur die riesigen Schlüsselbunde am Gürtel der Lehrer und Justizbeamten rasseln in der Stille zwischen den Stunden. Wenn die Schüler von Trakt C2 in Badelatschen und mit einem Ordner unter dem Arm ins Schulgebäude schlurfen, interessiert es nicht mehr, was drüben im Gefängnis passiert ist, wie krass oder wie stark sie sind. Sie lernen den Satz des Pythagoras, müssen wissen, wann Gutenberg den Buchdruck erfand.  

Lehrerin Irina Luft hat keine Angst - auch wenn es außer einem Alarmknopf und ihrem Notfall-Walkie-Talkie keine Sicherheitsvorkehrungen im Klassenzimmer gibt.

8 Uhr. Eine Mischung aus Männerparfüm und Rauch hängt in der Luft. Die Gitterstreben unterteilen die Aussicht auf den Freihof in Rechtecke, die 5,30 Meter hohe Betonmauer mit Stacheldraht ist immer in Sicht. Nach einer halben Stunde Deutsch werden die Schüler unruhig. „Guck mal“, raunt Oleg Jonas zu und zeigt in den Duden. „Kanake. Bedeutet: Bewohner der Südsee.“ Gelächter. Sascha und Andi in der letzten Reihe schreiben voneinander ab. Irina Luft ermahnt sie: „Jeder arbeitet für sich allein!“ Die Lehrerin geht von Schüler zu Schüler, beugt sich über die Hefte, klopft hier und da mit ihrem Fingernagel in einen der Duden, die die Schüler alle vor sich auf dem Tisch haben. Außer einem Alarmknopf und einer Art Sicherheits-Walkie-Talkie in ihrer Hosentasche gibt es keine Sicherheitsvorkehrungen. Angst habe sie gar nicht, sagt Irina Luft, Pöbeleien kämen selten vor. „Es sind kleinere Klassen, und es ist viel ruhiger als an einer normalen Schule.“ Außerdem sind die Regeln im Kurs streng. „Wenn man Scheiße baut, fliegt man raus“, sagt Jonas. Manfred Tiemerding, der Schulleiter mit dreißig Jahren Erfahrung, kann sich nicht erinnern, dass in seiner Laufbahn jemals ein Lehrer angegriffen worden wäre. Er weiß genau, aus welchen Gründen die Männer sitzen, ob sie in Freiheit Menschen bedrängt, ausgeraubt und verprügelt haben. „Aber was die Jungs vorher angestellt haben, interessiert mich erst mal nicht“, sagt er. „Die Gefangenen merken es auch schnell, wenn jemand auf sie herabblickt.“ Tiemerding hat sich sein Arbeitsmotto ausgedruckt und über den Schreibtisch gehängt: „Lernen kann man stets nur von jenem, der seine Sache liebt. Nicht von dem, der sie ablehnt.“ Er plant die Ausbildungen, stellt die Stundenpläne zusammen und achtet darauf, wie die Klassen zusammenpassen. Und er entscheidet, wer in die Gefängnisschule gehen darf. Sechs Plätze in der Realschulklasse sind noch unbesetzt, sie werden frei gehalten für diejenigen, die in den nächsten Monaten ins Gefängnis kommen. Die Voraussetzung: Sie müssen zur Schule gehen wollen, das Niveau der jeweiligen Klasse schaffen können und für das Schuljahr inhaftiert bleiben. Auf der Aufnahmestation, wo die Neuhäftlinge die ersten drei Wochen verbringen, wird ihr Schulstand geprüft, sie müssen Wissenstests machen. „Viele hatten noch nie ein Positiverlebnis in der Schule“, sagt Tiemerding. „Wenn die hier nach einem Jahr Lernen durchfallen, dann ist das nur ein weiterer Beweis für sie, dass das alles nichts bringt.“ Das will er unbedingt verhindern.  



Vergangenes Jahr haben alle 39 Schüler in Vechta ihren Real-, Haupt- oder Förderschulabschluss geschafft. Die Prüfungsanforderungen sind dieselben wie an den Schulen draußen. Für Jonas ist „draußen“ weit entfernt. Er legt sich 75 Kilo zum Bankdrücken auf, sein Muskelshirt saugt sich dunkel mit Schweiß, er presst seine Lippen aufeinander, stemmt die Stange hoch. Es ist die Sportstunde der Realschüler. In der Turnhalle unten im Schulgebäude scheppert Trancemusik aus den Boxen. Beim Krafttraining konzentrieren sich die Schüler, sie wollen pumpen. Jonas und seine Mitschüler haben ein breites Kreuz und Oberarme, dick wie Autoreifen – obwohl sie bloß einmal in der Woche an die Geräte dürfen und im Sport sonst Fuß- oder Basketball spielen. „Jedes Mal, wenn ich in den Knast gekommen bin, war ich so“, sagt Jonas und hält seinen kleinen Finger hoch. Der Drogenkonsum hatte ihn ausgemergelt. „Raus komme ich immer wieder fit und durchtrainiert“, sagt er.  

Vielleicht wird er diesmal nicht rückfällig: Jonas überlegt, zu seiner Mutter zu ziehen. Auf keinen Fall will er zurück in die Stadt. „Sonst geht das Spiel von vorn los – ich kenne da ja alle Leute in der Szene“, sagt er.  

Im Herbst 2014 soll er entlassen werden. Zu spät für Freibadwetter. Zu spät für den Sommer. Aber früh genug für den nächsten – und für viele weitere Sommer. 


Text: fiona-webersteinhaus - Fotos: Kathrin Sprik