Die wollen, dass du Fehler machst.

Ausbilder Alfred Thunig und Professor Stephan Bierling erklären, was Azubis und Studierende gemeinsam haben - und warum es nicht schlimm ist, wenn du dich beim Lernen auch mal plagen musst.
peter-wagner

Herr Thunig, Herr Bierling, was macht einen guten Auszubildenden und einen guten Studenten aus?
Thunig: Ich will nicht nur Einser und Zweier im Zeugnis sehen, ich will einen guten Typ im Betrieb haben.
Bierling: Drei Dinge suche ich. Das erste: Begeisterungsfähigkeit für einen Gegenstand. Das zweite: Disziplin. Intelligenz ist ohne Disziplin nicht sonderlich viel wert. Das dritte ist kritisches Denken. Man sollte fähig sein, den Stoff zu hinterfragen und das eigene Urteil zu begründen. Die drei Sachen zusammen ergeben den idealen Studenten.

Stimmt es, dass die Abiturienten, die heute an die Hochschule gehen, besser sind als noch vor 20 Jahren?
Bierling: Natürlich, sie müssen mehr können. Die Anforderungen, die wir stellen, sind größer geworden. Wenn ich denke, was ich können musste bei Studiumsbeginn – das ist so unglaublich viel weniger als das, was die heute draufhaben. Computer- oder Fremdsprachenkenntnisse zum Beispiel sind sehr viel mehr gefordert als zu meiner Zeit.

Bei acht, neun Jahren Englisch-unterricht können die Kenntnisse nicht so schlecht sein.
Bierling: Hm, viele glauben, sie würden gut Englisch sprechen …

Und sind doch nicht so gut?
Bierling: Englisch ist eine schwierige und vielfältige Sprache, gerade im Wissenschaftsbereich. Da ist es mit den Basics nicht getan. In meinem Fach „Internationale Politik“ sind 95 Prozent der wichtigen Bücher auf Englisch verfasst. Englisch ist an der Uni wie der Führerschein im Straßenverkehr.

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Illustration: Julia Schubert

Alfred Thunig (links im Bild) leitet beim Antennenhersteller Kathrein in Rosenheim die Aus- und Weiterbildung. Das Unternehmen hat weltweit mehr als 6000 Mitarbeiter. Stephan Bierling ist Professor für Internationale Politik an der Universität Regensburg und hat unter anderem ein Buch über die Geschichte des Irakkriegs verfasst.

Herr Thunig, bekommen Sie viele Bewerbungen von Gymnasiasten?
Thunig: Die Zahl hat zugenommen. Früher war es eine Ausnahme, dass wir einen Gymnasiasten bekommen haben. Heute machen sie 20 Prozent der Bewerber aus.

Wie kommt es zu dem Anstieg?
Thunig: Viele wollen zuerst eine fundierte Berufsausbildung, ehe sie in ein theoretisches Studium gehen.

Nehmen Sie gern Gymnasiasten?
Thunig: Schon. Aber wenn wir nur den schwachen Gymnasiasten haben können, nehmen wir lieber den guten Realschüler. Wir wollen aber auch nicht den schlechten Realschüler. Dann nehmen wir den guten Hauptschüler.

Herr Bierling, tauchen in den Politikwissenschaften Studenten mit Ausbildung auf?
Bierling: Selten. Wir hatten mal zwei, die eine Banklehre gemacht hatten und dann sehr erfolgreich studiert haben.

Könnte die Universität mehr Praktiker vertragen?
Bierling: Die Uni ist in den letzten zehn Jahren doch schon sehr praxisorientiert geworden. Was die Studenten heute an Praktika und Exkursionen machen, was die an Erfahrungen im Ausland sammeln – wenn ich meinen Lebenslauf vom Studiumsende neben den Lebenslauf eines meiner heutigen Absolventen lege, schneide ich schlecht ab.

Die Aufteilung zwischen „Praktikern“ und „Theoretikern“, zwischen Azubis und Studenten hat ihren Ursprung in der Industrialisierung. Nach und nach werden die Ausbildungssysteme aber durchlässiger. Sind die Grenzen zwischen beruflicher Bildung und Studium schon verschwommen?
Bierling: Ja, das glaube ich. Die Regeln in der Wirtschaft haben sich dramatisch verändert. Sie heißen: Lernt mehr, seid kreativer, bringt mehr Eigeninitiative mit. Das ist das Gebot für die Ausbildung im 21. Jahrhundert. Selbst in der Fabrik brauchen wir Leute, die im Team arbeiten, die sich fortbilden, die Probleme selbstständig erkennen und lösen, die fähig sind, neue Infos aufzunehmen. 
Thunig: Ich bin ketzerisch und sage, dass die Grenzen noch bestehen. In vielen Elternhäusern wird ein großer Aufstand um den Übertritt auf das Gymnasium gemacht. Als ob es ein Übel sei, erst mal auf die Realschule zu gehen und eine Ausbildung zu machen. Ich kann später doch immer noch über eine Meister- und Technikerschule in ein Fachhochschulstudium einsteigen.

Bei Ihnen im Werk arbeiten auch Ingenieure. Finden Sie es gut, dass der Diplomingenieur durch den Bachelor ersetzt wurde?
Thunig: Ich tu mich schwer, einen Diplomingenieur mit einem Bachelor zu vergleichen. Es fehlt was. Für einen ordentlichen Vergleich muss der Bachelor-Absolvent schon noch einen Master machen, finde ich.

Die Firma, bei der Sie arbeiten, liegt in Südostbayern auf dem Land. Gehen die Schulabgänger dort immer noch eher in eine Ausbildung als zur Hochschule?
Thunig: Schon, man entscheidet sich noch bewusst für eine Haupt- und Realschule, weil man weiß: Da waren die Mama und der Papa, da gehen die Nachbarskinder hin.

Herr Bierling, nur ein Viertel der Kinder von nichtakademischen Eltern nehmen ein Studium auf. Hat die Uni zu bestimmten Milieus immer noch keinen Zugang?
Bierling: Ja, das ist bestimmt der Fall. Meine Uni in Regensburg hat erst in den 70ern den Vollbetrieb aufgenommen. Wir haben viele Studenten, die die erste akademische Generation in ihrer Familie sind. Vor zehn Jahren habe ich in München unterrichtet, da hat man häufig die zweite oder dritte Generation von Akademikern aus einer Familie in der Vorlesung. Das ist ein anderer sozialer Kontext. Für uns in Regensburg ist es eine schöne Aufgabe, die „Bildungsschätze“ einer Region zu heben, die jahrzehntelang hinten runterfiel. Die Oberpfalz oder der Bayerische Wald waren lange Zeit ein sehr strukturschwaches Gebiet. Jetzt herrscht in und um Regensburg eine große Aufbruchstimmung. BMW hat ein Werk, Siemens ist dort aktiv, es gibt Biotechnologiefirmen, auch die Uni und die FH sind wichtige Arbeitgeber.

Sie beide erleben jedes Jahr neue Auszubildende und Studenten. Bleiben Ihnen Einzelne in Erinnerung?
Thunig: Wenn ich die Augen schließe, sehe ich viele Köpfe vor mir. Leute mit Tränen der Freude im Gesicht – weil sie bestanden haben. Das sind Menschen, die zeigen, was alles geht, wenn man fleißig und motiviert ist.
Bierling: Ich mache jeden Sommer eine Exkursion nach Washington – zum Weißen Haus, ins State Department und so weiter. Bislang waren 450 Studenten bei diesen Fahrten dabei, und deren Bilder hängen bei mir im Büro an der Wand. Da erinnere ich mich an jeden Einzelnen. 1997 habe ich mich mit vier besonders gut verstanden. Die haben derart Blut geleckt an der US-Politik, dass sie alle nach dem Studium unbedingt nach Amerika wollten. Jetzt sind alle dort verheiratet, arbeiten bei der UNO, beim Worldwatch Institute, bei einer Ratingagentur, eine hat ihren Doktor an einer Elite-Uni gemacht …

Finden Ausbilder und Lehrer vor allem jene Typen gut, in denen sie sich wiedererkennen?
(beide lächeln) Thunig: Jeder von uns funktioniert nach einer bestimmten Struktur. Und Leute mit einer ähnlichen Struktur lernt man gern wieder kennen.

Herr Bierling, was zeichnet die Studenten aus, die gerade bei Ihnen lernen?
Bierling: Die sind pragmatisch. Viele schauen, wie sie ihre Punkte mit dem geringsten Aufwand kriegen. Manche versuchen deshalb Dozenten zu meiden, die besonders anstrengend sind. Viele fragen in den Vorlesungen nach Skripten. Am Anfang habe ich auch alles ins Internet gestellt. Aber dann habe ich festgestellt, dass die Skripte in der Prüfung auswendig wiedergegeben wurden. Jetzt stelle ich nichts mehr ins Netz. Die Leute sollen denken lernen, nicht wiederkäuen. Sie sollen die Lust am Studieren und die Liebe zum Fach entdecken. Aber beides ist schwierig zu vermitteln. Das neue Bachelor-System trichtert den Studenten die Feigheit vor dem Fehler ein. Ich will aber, dass sie sich trauen, Fehler zu machen! Und ich will, dass sie später begründen können, wie es zu den Fehlern gekommen ist.
 
Kennen Sie dieses Lernverhalten auch, Herr Thunig?
Thunig: Natürlich, ich spreche dann immer vom „pragmatischen Minimalismus“. Aber auch wenn es für die Auszu-bildenden Sinn ergibt, ich halte nichts davon. Die schönsten Mathe-Aufgaben waren für mich immer die, in die man sich verbissen hat, bei denen man die Blätter zerrissen und noch mal von vorn begonnen hat. Irgendwann am Abend stand das Ergebnis, und in der Nacht hat man brillant geschlafen. Das ist Erfolg, finde ich. Man darf nicht nur den einfachen Weg gehen. Das Leben ist interessanter, wenn man sich plagen muss.

Ihre Tochter macht jetzt Abitur. Was wird aus ihr?
Thunig: Sie will Bauingenieurwesen an der TU München studieren.

Haben Sie ihr dazu geraten?
Thunig: Ein paar naturwissenschaftliche Gene wird sie von mir bekommen haben. 

Kam eine Ausbildung infrage?
Thunig: Sie hat sich eine Ausbildung vorbehalten. Sie sagt: „Ich bin das erste G8-Kind. Vor mir werden alle G9-Abiturienten versorgt. Ich weiß ja nicht, ob ich auch unterkomme.“ Falls sie keinen Studienplatz bekommt, macht sie eine Ausbildung zur Bauzeichnerin und studiert dann.

Dieser Text ist im Magazin jetzt - Schule&Job der "Süddeutschen Zeitung" erschienen. Eine Übersicht der Texte aus dem Heft findest du im Label Schule_und_Job.

Text: peter-wagner - Foto: Tanja Kernweiss

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