Endspurt

Je näher das Abitur rückt, desto näher rückt für unsere Autorin auch der Abschied von ihrem Elternhaus. Klar, sie wird zurückkommen. Aber es wird anders sein. Ein paar Gedanken zu der Zeit, in der man aufhört, ein Kind zu sein.
hannah-arnu

Bisher war sie immer weit entfernt: die Zeit, in der ich das Abitur in der Tasche haben würde, wenn ich von zu Hause ausziehen würde, kurz: wenn die Kindheit zu Ende sein würde. Als kleines Mädchen hatte ich konkrete Vorstellungen von mir als erwachsener Frau. Ich sah mich unabhängig und frei, ich sah mich in einem wunderschönen Haus leben, möglichst einem Schloss. Nun rückt die Zeit, die ich mir immer nur vorstellte, näher. Im Frühling werde ich Abitur machen, und es wird einiges anders sein als erwartet. Zumindest nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe.

Die Bilder hat die Autorin mit ihrem Handy gemacht. In einem halben Jahr werden es Erinnerungen an zu Hause sein.

Bei dem Stress in der Schule habe ich selten Gelegenheit, mir über die Zukunft und die anstehenden großen Veränderungen Gedanken zu machen. Gut, ich habe mich für ein Soziales Jahr im Ausland beworben. Aber genaue Vorstellungen, wie mein Leben künftig aussehen wird, verdränge ich meistens. Ich erlebe eher kurze Anflüge einer Ahnung davon, dass bald alles anders sein wird. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist wohl eine Mischung aus Vorfreude, Nervosität und Schrecken. Das, wofür die Pubertät angeblich die Voraussetzung schaffen soll, nämlich die Loslösung von den Eltern, steht nun wirklich bevor. Ich merke es an kleinen Dingen. So hatte ich eigentlich die Angewohnheit, mein Zimmer mindestens zweimal im Jahr umzustellen, neu zu streichen oder umzudekorieren. Als mich neulich wieder die Lust auf einen Ikea-Ausflug mit anschließender Räumaktion packte, war ich sehr bald ernüchtert. Wozu sollte ich mir denn noch die Mühe machen, wo doch bald mein jüngerer Bruder – so wie ich es ihm versprochen habe – in mein altes Zimmer ziehen wird?

Insgesamt ist es eine komische Vorstellung, bald keinen Raum mehr in meinem Elternhaus zu haben, der mir ganz gehört. Bald werde ich, wenn ich nach Hause komme, eine vorübergehende Besucherin in einem Gästezimmer sein. In diesem Gästezimmer werden wohl zunächst meine Möbel stehen, und ich werde es wahrscheinlich häufiger nutzen als gedacht. Ein eigenartiges Gefühl bleibt trotzdem.

Aber wird sich überhaupt groß etwas verändern? Ich bin doch sowieso schon kein Kind mehr. Wann ich nach Hause komme, wann ich komme und gehe, kann ich so ziemlich bestimmen. Ich verdiene den Großteil meines Taschengeldes selbst, und im Haushalt musste ich auch schon immer mit anpacken. Trotzdem beschleicht mich die Ahnung, dass die Dinge, die ich heute selbstverständlich finde, bald nicht mehr sein werden. Die Wäsche wird gewaschen, auch wenn ich nicht mit anpacke. Der Kühlschrank wird bestückt, auch wenn ich nicht mit einkaufe. In den Momenten, in denen mir bewusst wird, wofür ich bald ganz alleine sorgen muss, fühle ich nun oft Dankbarkeit dafür. Wie häufig muss man den Müll rausbringen, damit man keine Fruchtfliegen in der Küche hat? Woher weiß ich, welche Wäsche ich bei wie viel Grad waschen muss? Und wo um alles in der Welt kommt das Geld für mein Leben her?
 
Sosehr ich es immer wieder genossen habe, zu Hause sturmfrei zu haben und eine Ahnung davon zu bekommen, wie es ist, allein und in völliger Freiheit zu leben – ich war immer froh, wenn wieder meine Eltern die Verantwortung im Alltag übernommen haben. Bis jetzt beschränken sich meine Kochkünste auf einige Nudelgerichte, Tiefkühlpizza und Pfannkuchen. Zum Leben reicht das noch nicht. Zum Leben braucht man doch noch Überweisungen, Versicherungen, Steuern. Eben Dinge, von denen ich keine Ahnung habe.
Auch als ich mir neulich eine Grippe eingefangen hatte, ertappte ich mich beim Kindsein: Ich wünschte mir, dass meine Mutter sich rund um die Uhr um mich kümmerte, dass sie mich unterhielte und mir Tee kochte. Halb belustigt und halb besorgt fragte sie mich: „Was machst du denn, wenn du dann nicht mehr zu Hause wohnst und krank wirst?“ In dieser Situation, in der ich mich elend und hilfsbedürftig fühlte, zweifelte ich plötzlich daran, das Leben jemals richtig meistern zu können, ja überhaupt überlebensfähig zu sein. Auch die Eigenschaft meiner Mutter, immer zu wissen, wo ich Dinge, die ich suche, hin­gelegt habe, werde ich wohl vermissen. Ein einfaches „Mama, wo ist mein Geldbeutel?“ hat mir den verschollenen Gegenstand oft zurückgebracht. Wie kann man nur einen so guten Überblick haben?

Auch für meinen kleinen Bruder scheint es noch befremdlich zu sein, dass er wohl bald ein Einzelkind sein wird — zumindest die meiste Zeit. Er hat die Sorge, dass sich all die elterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit auf ihn konzentrieren werden. Am Esstisch, an dem mein Stammplatz dann leer bleibt, werden sich die Gespräche wohl doppelt so oft um seine schulischen Leistungen, Ausgehzeiten und Freundschaften drehen. Doch auch er kann es, das glaube ich zumindest, manchmal kaum erwarten. Denn bald darf er endlich das größere Zimmer haben und muss sich in der Frühe vor der Schule nicht mehr streiten, wer zuerst ins Bad darf. Aber wenn er dann eines Tages auch ausgezogen ist, wie wird dann das Leben meiner Eltern aussehen? Bei einer befreundeten Familie, die auf dem Dorf lebt, war vor einiger Zeit auch der Zeitpunkt des Abschiednehmens gekommen. Die Tochter zog aus. Beim Bepacken des Autos schaute eine ältere Nachbarin der Mutter besorgt über den Zaun zu. „Als ich damals ausgezogen bin“, erzählte sie, „hat meine Mutter gleich Krebs bekommen!“ Sehr ermutigend.

Nun mache ich mir bei meinen Eltern keine Sorgen wegen einer Erkrankung. Trotzdem stelle ich mir die beiden manchmal vor, wie sie zu zweit in dieser großen Wohnung leben, zu zweit essen, zu zweit fernsehen, zu zweit alt werden. Denn irgendwie werden sie das doch bald sein – ein äl­teres Ehepaar mit erwachsenen Kindern. Vielleicht wird ihr Leben aber erst richtig losgehen, wenn sie endlich frei von allen elterlichen Verpflichtungen sind und nur noch das machen, worauf sie Lust haben. Ihr Alltag wird wohl weniger laut und bunt sein, stellten sie neulich nach einem Abendessen fest, zu dem spontan Freunde von meinem Bruder und von mir dazustießen, sodass wir statt vier Personen nun zehn waren. Nach angeheizten Diskussionen über Youtube-Videos, lautem Gelächter und der Ankündigung, dass wir jetzt das Chaos hinterlassen und weggehen würden, meinten sie, und es klang ehrlich: „Ach, Kinder, ohne euch wäre es wirklich langweiliger!“

Manchmal habe ich auch Sorgen, dass meine Freunde bald in aller Welt verstreut sind und dass wir uns aus den Augen verlieren. Natürlich gibt es, wie sollte es sonst sein, die großen Pläne, gemeinsam in eine WG zu ziehen. Mit den Menschen, mit denen man sich am besten versteht zusammenzuwohnen – was sollte es Besseres geben? „Das machen wir ganz sicher“, es scheint alles schon festzustehen. Doch natürlich wissen wir, dass Auslandsaufenthalte oder unterschiedliche Studienorte uns wahrscheinlich doch auseinanderbringen werden. Wir werden uns vielleicht nie wieder so nahe sein wie jetzt.

Oft ertappe ich mich dabei, wie ich melancholisch werde. Ich schaue mir alte Fotoalben an, weil ich weiß, dass ich sie nicht mitnehmen werde. Ich wünsche mir mein Lieblingsgericht, weil ich weiß, dass es bald niemanden in der Nähe gibt, der es so gut kochen kann wie mein Vater. Ich denke daran, dass es möglicherweise der letzte Weihnachtsurlaub war, den ich mit meiner Familie gemacht habe. Doch alle diese Abschiede be­deuten auch den Anfang von etwas Neuem. Alle Möglichkeiten werden mir bald offenstehen, ich werde selbst entscheiden können, was ich tue und lasse, es wird niemand da sein, der mir manchmal so sehr auf die Nerven geht wie meine Familie, aber eben auch niemand, der mir im Alltag Sicherheit und Geborgenheit gibt. Das Einzige, was mir zu hoffen bleibt: dass dieses Zuhause für immer mein Zuhause bleibt.

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