Heckscheibenzeit.

Keine Schulzeit geht einfach so zu Ende - das A bis Z der letzten Schultage.
moritz-baumstieger

Abschlussball: Es ist geschafft – das muss gefeiert werden. Aber: Achtung bei der Kleiderwahl! Auch andere Damen aus dem → Jahrgang könnten das originelle Ballkleid bei H & M entdeckt haben. Vorsicht auch beim Konfirmationsanzug. Mutti meint zwar, dass der noch prima sitzt – sie schwärmt aber auch noch von dem putzigen Wuschelkopf, den du früher hattest.

Bücher zurückgeben: An jedem letzten Schultag gibt es einen armen Trottel, der statt des → Zeugnisses warme Worte vom → Direktor mitbekommt. „Du, liebe/r Andrea/s, kannst dir dein Zeugnis nächste Woche im Sekretariat abholen. Aber erst, wenn du alle Bücher abgegeben hast. Ein Wunder übrigens, dass du Chaot/in die Prüfung geschafft hast …“ Also: dran denken!
 
Chance, letzte: Wer heute nicht in den Armen des heimlichen Schwarms landet, wird es nie mehr schaffen. Den Flirt besser nicht mit dem Satz anfangen: „Was ich dir die letzten zehn Jahre schon sagen wollte …“ Das verschreckt eher. Ansonsten ist die Gelegenheit günstig. Mischt sich Alkohol mit Wehmut, geben sich sogar die blasse Prinzessin aus der Parallelklasse oder der Surfer mit dem VW-Bus nicht mehr ganz so cool.

Direktor: Da steht er nun auf der Bühne. Teilt → Zeugnisse aus, schüttelt Hände und vermittelt den stolzen Eltern den Eindruck, er kenne jeden Schüler persönlich. Dabei hat er nicht einmal zurückgegrüßt, wenn du ihn früher auf dem Gang getroffen hast. Aber nimm es professionell: Er muss morgen wieder in die Schule – dir steht die Welt offen.

Erwachsen werden: Teil eins wäre hiermit geschafft – Glückwunsch! Teil zwei beginnt morgen und könnte kompliziert werden. Von nun an entscheiden nicht mehr der Stundenplan und Frau Peters Vorliebe für lange Hausaufgaben darüber, was du mit deiner Zeit anstellst. Sondern du ganz allein.

Ferien: Nach der langen Lernerei sollte es drin sein, die Füße hochzulegen, durch
→ Indien zu tingeln oder mit den Mitschülern eine → Pauschalreise zu machen. Und danach könntest du dir ja über­legen, ob das Praktikums­angebot von Onkel Hans vielleicht doch gar nicht so doof ist.

Gong: Irgendwann ertönt er, der letzte Schulgong deines Lebens. Egal, ob es die Melodie des Big Ben in London ist, eine schrille Glocke oder das klassische Ding-dang-dong: Augen schließen, durchatmen und den Moment genießen. Wann immer du kaugummizähe Veranstal­tungen ertragen musst, wird dir diese Erinnerung helfen.

Heckscheibe: Wer einen Führerschein hat, ist ein Held. Wer ein Auto hat, ist ein noch größerer Held. König ist aber der, auf dessen Heckscheibe jetzt „Abi 2011“ oder „Quali 2010“ zu lesen ist. Meist kratzen die stolzen Schulabgänger den Slogan jedoch schnell wieder ab, weil man sich so als Erstsemester outet – und weil man bei jeder Verkehrskontrolle ins Röhrchen blasen muss.

Indien: Manche müssen nach dem Schulabschluss erst einen kleinen Umweg machen, bevor sie ihren Lebensweg finden. Beliebtes Reiseziel der Selbsterfahrer: Indien. Ein kleiner Tipp: Das Rückflugticket in die Lieblingsunterhose tackern und keinesfalls gegen das zerschlissene Heft mit den „echt krassen Geheimtipps“ des abgebrannten Althippies tauschen. Sonst wird aus dem Umweg eine Einbahnstraße.

Jahrgang: Ihr wart einzigartig, klar. Nie zuvor kamen Schüler auf die Idee, Zahnpasta auf Türklinken zu schmieren. Nie zuvor gab es einen Jahrgang, der es auf der Studienfahrt heftiger hat krachen lassen, und natürlich bleibt ihr für immer in Kontakt. Die Wirklichkeit sieht anders aus, aber das ist egal: Sie fängt erst morgen an.

Kohle: Bisher ging es nur darum, gute Noten mit nach Hause zu bringen. Jetzt könnte in diesem Zusammenhang Geld etwas mehr Bedeutung bekommen. Wer keinen spendablen Papa hat, sollte sich schleunigst über das Thema BAFöG informieren oder sich eine gute Ausbildungsstelle suchen.

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Illustration: Julia Schubert



Lehrer: Sie haben dich gequält, jetzt kannst du ihnen die Meinung sagen. Aber, nicht vergessen: Lehrer sind auch nur Menschen. Und meistens hat man im Nachhinein an die größten Fieslinge die lustigsten Erinnerungen. Außerdem: Deine Lehrer können dir zwar keinen Verweis mehr geben, Beleidigungen werden aber auch im echten Leben bestraft. Nach § 185 Strafgesetzbuch.

Muttis Pausenbrot: Heute findet ein Lebensmittelskandal sein Ende: Jeden Morgen zauberte Mutti aus zwei Scheiben Vollkornbrot, einer Scheibe Gouda und viel Liebe eine Brotzeit für ihren Schatz. Und jeden Morgen schmiss der Schatz auf dem Schulweg das Brot hinter die nächste Hecke. Das Weißmehlbrötchen mit der Industriewurst, das die Frau des Hausmeisters verkaufte, war einfach leckerer.

Nerds: Gibt es in jedem → Jahrgang und sind ein beliebtes Ziel für Lästereien und Gemeinheiten. Wem so etwas Spaß macht, der sollte sich heute noch einmal ranhalten, denn beim nächsten Klassentreffen wird der Karl mit den komischen Pullis schon CEO eines Internet-Startups sein. Und mit dummen Scherzen über jemanden, dem Google gerade Milliarden für seine Garagenfirma gezahlt hat, steht man schnell allein da.

Olfaktorisch: Ein Wort, das eigentlich nur Lateinstreber verstehen und in Deutschaufsätze einstreuen. Es bedeutet: „den Geruch betreffend“. Dass jede Schule einen ganz bestimmten hat, nimmt man als Schüler eigentlich nicht wahr. Beim ersten Klassentreffen nach zehn Jahren sagen dann aber alle: „Wahnsinn – das riecht ja noch genau wie damals!“

Pauschalreise: Die Welt, die dir jetzt offen steht, ist so groß; manche tasten sich in die unbegrenzten Möglichkeiten lieber im Kollektiv vor. Sie buchen mit ihrer Abschlussklasse eine Busreise nach Rimini, Lloret de Mar oder Prag. Dort fließen Sangria und Büchsenbier unbegrenzt. Zum Glück gibt es Handykame-ras und → Youtube. Sonst würde sich am Ende niemand mehr daran erinnern.

Queen: Sie haben den Hit geschrieben, den ihr beim → Abschlussball um halb zwölf zum siebten Mal grölen werdet: „We Are the Champions“. Und damit er auch beim achten Mal nicht langweilig wird, müsst ihr euch gleich eine superwitzige Umdichtung der nächsten Zeile merken: „Noooooo time for Lehrers, ’cause we are the champions – of Gesamtschule Gartenstadt.“

Rede: Einer von euch wird sie halten müssen: die Abschlussrede. Falls das Los auf dich
fällt, hier die zwei Möglichkeiten: entwe-der pennälerphilosophische Betrachtungen zu den Tücken des → Erwachsenwerdens oder eine Abrechnung mit den → Lehrern. Auch hier gilt: Eine starke Rede lebt zwar von starken Ausdrücken, es müssen aber nicht unbedingt Kraftausdrücke sein.

Streich: Bevor euer → Jahrgang Geschichte ist, wollt ihr noch ein wenig Geschichte schreiben. Um einen Tag Schulausfall zu erzwingen, wird deshalb ein Misthaufen vor das Schultor gekarrt oder auf dem Hof eine große Mottoparty gefeiert. Am besten meldest du
dich für die Schicht, die das Ganze aufbaut. Und schaust dann den anderen entspannt zu, wie sie unter Aufsicht des Hausmeisters die Gülle aus den Fugen kratzen.

T-Shirts: Auch wenn nicht jeder jeden leiden konnte: Heute zeigt ihr noch einmal Zusammenhalt. Der wird durch die T-Shirts symbolisiert, die der örtliche Copyshop für euch bedruckt hat. Dass euer kreativer Schriftzug „ABI ins Körbchen“ oder „QUALItät hat ihren Preis“ nach zwei Wochen rausgewaschen ist, ist nicht so schlimm: Wer will schon so durch → Indien ziehen?

Unterricht: Einerseits klasse: Du musst nie wieder Zeit absitzen, in der du nur auf den → Gong wartest. Andererseits schade: Wann kann man je wieder so entspannt SMS schreiben, ein Schwätzchen halten und das Wochenende planen? 

Verwandte: Ach, die lieben Onkel und Tanten. Im Idealfall rücken sie, von den Noten beeindruckt, ein paar Euros für die Zukunftsgestaltung raus. Meist stellen sie aber die eine leidige Frage: „Und – weißt du jetzt endlich, was du werden willst?“

Wecker: Kann jetzt ganz tief in der Nachttischschublade vergraben werden. Oder, auch toll: Weiterhin jeden Tag den Wecker auf sieben Uhr stellen – und dann bis Mittag 30 Mal die „Snooze-Taste“ drücken.

X-Chromosom: Du musst es von nun an nicht mehr vom Y-Chromosom unterscheiden
können. Wie Xanthippe buchstabiert wird, ist auch nicht mehr wichtig – und wen haben schon Xerxes’ Schlachten interessiert? Vor allem hat auch das hektische Xerografieren der Mitschriften deiner Mitschüler ein Ende. Das schöne Wort heißt nichts anderes als „Kopieren“.

Youtube: Dass diese Internetseite existiert, sollte man im Hinterkopf behalten. Vor allem, wenn der Sekt beim → Abschlussball hervorragend die Kehle runterläuft. In Zeiten, in denen jeder Zweite ein Smartphone besitzt, bleiben sonst vom großen Tag nur Filmchen mit Titeln wie „Hacki voll Hacke“ oder „Voll krass: Rolli frisst sein → Zeugnis auf“.

Zeugnis: Zuallerletzt das Allerwichtigste – das Abschlusszeugnis. Es ist zugleich Entlassungsschein aus dem Gefängnis und Eintrittskarte in das Leben nach der Schule. Was genau draufsteht, ist am letzten Schultag völlig egal. Am Tag danach nicht mehr, denn Unis und zu-künftige Chefs interessieren sich für Noten. Leider.

Dieser Text ist im Magazin jetzt - Schule&Job der "Süddeutschen Zeitung" erschienen. Eine Übersicht der Texte aus dem Heft findest du im Label Schule_und_Job.

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