Klassenfahrt für immer

Das Programm einer Studienfahrt ist voller wertvoller Programmpunkte, die den Unterricht sinnvoll ergänzen sollen. Doch die wirklich wichtigen Dinge lernt man abseits der Ausflüge.
nadja-schlueter



Das nackte Bett war beängstigend. Zu Hause kümmerte sich Mama darum, dass dort, wo ich schlief, alles sauber und flauschig war. Hier, in der Jugendherberge, war Mama nicht dabei. Ich war zehn Jahre alt, auf meiner ersten Klassenfahrt und das obere Hochbett neben dem Fenster des Viererzimmers war meines und musste bezogen werden. In meiner Erinnerung habe ich mich mehrfach im Spannbettlaken verfangen und den Bezug erst einmal auf links über die Decke gezogen (oder die Decke in den auf links gedrehten Bezug gestopft). Unsere Klassenlehrerin zeigte uns schließlich hilfreiche Tricks, und als meine Mutter mir irgendwann einmal erklären wollte, dass man am besten die Arme in den umgestülpten Bezug steckt, die Ecken der Decke fasst und dann alles ineinanderschüttelt, da wusste ich schon längst Bescheid. Gelernt auf der Klassenfahrt. Wie so vieles, was nicht auf dem Lehrplan der Schule, aber irgendwo auf dem Lehrplan des Lebens steht.

Klassenfahrten sind dazu da, dass die Schüler etwas lernen. Auf dem Ijsselmeer das Segeln und wie man als Team Hand in Hand arbeitet. In Oberstdorf das Skifahren und wie dynamisch eine Gruppe ist. Und in Paris etwas über Kunst und Kultur und wie man gemeinsam ein Referat über die Mona Lisa hält. Das sieht das pädagogisch wertvolle Programm so vor. Doch die wirklich wichtigen Unterrichtsstunden der Klassenfahrt werden nachts in den Zimmern des Schullandheims abgehalten, in der Freizeit auf dem Weg durch die fremde Stadt oder morgens, wenn sechs Leute hintereinander durchs Bad müssen. Die Geschichte der Mona Lisa und ihr geheimnisvolles Lächeln hat man nach einer Woche wieder vergessen, aber all die Dinge, die nicht im Programm stehen, die bleiben. Ich beziehe mein Bett noch heute so, wie ich es auf meiner ersten Klassenfahrt gelernt habe.  

Ein sehr wichtiges Klassenfahrtlehrstück war das Austüfteln der Zimmerkonstellationen. Am liebsten wollte man natürlich mit denen Schlafplatz und Badezimmer teilen, neben denen man auch in Deutsch und Sachkunde saß und mit denen man sich nachmittags zum Radfahren traf. Mit den Freunden eben. Aber manchmal gab es in den Zimmern mehr oder weniger Betten, als man Freunde hatte. Dann musste man Kompromisse eingehen, sich von einer Freundin trennen oder akzeptieren, dass die, mit der man gerade zerstritten war, in der kommenden Woche nachts die gleiche Luft atmen würde wie man selbst. Sich arrangieren muss man heute immer noch. Ob in der Referatsgruppe an der Uni, im Job, auf Fortbildung oder auch bloß im Auto der Mitfahrgelegenheit – man kann sich nicht immer die besten Freunde als Gesellschaft aussuchen. Wenn man es doch kann, hat man in den Tagen in der Jugendherberge sicher noch eine weitere Sache gelernt: Der beste Freund in Sachkunde und beim Radfahren ist nicht zwangsläufig auch der beste Freund im Badezimmer. Man lernt einzuschätzen, wer sich in welcher Situation wie verhalten wird und in welchen Situationen man daher gut zusammen funktionieren wird und in welchen eben nicht.  

Überhaupt das Zusammensein: Es gibt kein Umfeld, in dem man besser die ersten Versuche in partymäßigem und verliebtem Zusammensein machen kann als auf einer Klassenfahrt. Ein Haufen pubertierender und (in den meisten Fällen) gemischtgeschlechtlicher Schüler, die durch täglichen gemeinsamen Unterricht schon ganz ordentlich aneinander gewöhnt sind, haust auf einmal Wand an Wand. Nachts schleicht man dann natürlich durch die Flure, und die Mädchen verstecken sich im Jungszimmer im Schrank, wenn der Klassenlehrer kommt. Danach sitzt man im Schlafanzug im Kreis, nippt an seinem ersten Alkoholmischgetränk, einer legt seine leere Mixery-Flasche in die Mitte, und schon übt man sich in Teenager-Partyspielen, die man noch oft wird spielen müssen und für die es immer gut ist, eine besonders kesse Frage oder kreative Aufgabenstellung in der Hinterhand zu haben. Dann gerät man auch noch irgendwie neben den süßesten aller Klassenkameraden, kuschelt (sitzend!) ein bisschen in seinem Bett, bis alle anderen kichernd den Raum verlassen – und ehe man sich versieht, hat man das erste Mal unbeholfen geknutscht. Das hat das pädagogische Programm ganz sicher nicht vorgesehen. Pädagogisch wertvoll ist es doch.  

Jede Klassenfahrt, egal in welchem Alter, ist voller erster Male. Das erste Mal ohne Eltern verreisen und an Heimweh leiden. Das erste Mal das Bett machen. Das erste Mal sein Geld selbst verwalten. Das erste Mal knutschen. Das erste Mal in einer fremden Stadt am Abend allein unterwegs sein und sich mit seinem Schulenglisch durchschlagen. Und wenn ab dem Teenageralter der Lehrer, der schützend seine Hand über die Köpfe und Bettlaken hält, nicht mehr gern gesehen ist, wird die Klassenfahrt zu einem mehrtägigen Lehrgang darin, sich von der Aufsicht durch Autoritäten zu befreien und ihre Verbote zu umgehen: länger aufbleiben, Alkohol trinken und rauchen, das andere Geschlecht besuchen, die Freizeit ausdehnen. Denn nirgends gilt die Regel „Verbote sind dazu da, gebrochen zu werden“ mehr als auf einer Klassenfahrt. Und gerade wenn man diese Regel befolgt, lernt man besonders viel. Segeln muss man ja nicht unbedingt können. Knutschen und sich mal was trauen aber schon.    

Auf der nächsten Seite liest du, warum selbst das Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft eine Art Klassenfahrt ist.



Die berühmteste Klassenfahrt Deutschlands ist das Trainingslager der Fußballnationalmannschaft

Fußballer verdienen viel Geld und fahren teure Autos - trotzdem gibt es im Leben eines Profikickers Parallelen zu dem eines Neuntklässlers. Vor allem dann, wenn die Nationalmannschaft ins Trainingslager fährt. Das nämlich ist nichts anderes als eine Klassenreise.

Klar sind da Unterschiede: Es gibt Training statt Museumsbesuch, Luxushotel statt Jugendherberge und zum Essen Riesengarnelen statt Riesenschnitzel. Den Fußballtross zieht es in die Natur. Neuntklässler wollen nach Berlin.

Aber es überwiegen die Gemeinsamkeiten. Die Reisegruppe umfasst hier wie dort 20 bis 30 Leute; es gibt den Lehrer (Löw), Schüler (Spieler) und Begleitpersonal - wobei die Profis beim Betreuungsschlüssel dank Ärzten, Fitnesstrainern und Köchen besser abschneiden. Für beide Gruppen gilt: Wer sich vorab mies präsentiert, darf nicht mit (wird nicht nominiert); wer sich danebenbenimmt, der muss früher heim (Stefan Effenberg). Das iPhone ist auch bei den Profis das wichtigste Gepäckstück, und in Sachen Spaß kann es eine Zweier-WG mit Schweini und Poldi mit dem wildesten Zehnerzimmer aufnehmen. Apropos wild: Wer zu spät ins Bett geht, bekommt Ärger. Wenn er erwischt wird. Nicht nur Schüler sind Meister im Ausbüxen: Sepp Maier und Uli Hoeneß etwa entflohen 1974 der kasernenartigen, streng bewachten Sportschule Malente. In tiefer Nacht machten sie sich auf die 100 Kilometer lange Reise nach Hamburg zu ihren Frauen. Weil zu betrunken, mussten sie für die Hinfahrt einen Sicherheitsbeamten um dessen Auto und Chauffeursdienste bitten. Auf dem Rückweg fuhr Maier. Leider war die Fußbremse jetzt kaputt, weshalb der Torwart im Morgentraining kurz nach seiner Rückkehr kaum einen Ball fassen konnte. Zu sehr schmerzten die Blasen an den Fingern, vom ewigen Ziehen der Handbremse.

Heute versucht der Verband, Lagerkoller erst gar nicht aufkommen zu lassen. DFB-Organisationschef Georg Behlau sagt: „Wir drängen zu nichts, schaffen aber Angebote. Dazu zählen Kanutouren, Fahrradausflüge oder ein Formel-1-Besuch wie zuletzt in Monaco. Und die Frauen dürfen inzwischen öfters im Hotel übernachten.

Von Florian Haas  

Auf der nächsten Seite erzählt Sänger Sebastian Madsen, was das Leben auf Tour mit einer Klassenfahrt gemeinsam hat.


Klassenfahrten enden nicht, wenn die Schulzeit hinter einem liegt. Wenn Sebastian Madsen, 31, Sänger und Gitarrist der Band Madsen, auf Tour geht, fühlt sich das oft ganz ähnlich an:

„Unsere Rituale beim Tourstart? Einsteigen und Bier trinken. Die Freude loszufahren ist eine ähnliche wie die, die wir hatten, wenn es damals auf Klassenfahrt ging. Es ist, als wären wir wieder Teenager. Und genau wie Teenager machen wir auf Tour viel Quatsch. Das wird mit der Zeit immer schlimmer. Man erlebt ja irgendwie jeden Tag das Gleiche, schläft viel, hängt durch. Dabei entwickelt sich ein ganz eigener Humor, viele Band-Insider werden geboren. In einer eingeschworenen Gemeinschaft kann man natürlich viel mehr Gas geben. Man fühlt sich freier - so wie früher, in den Grüppchen, die sich auf Klassenfahrt bildeten. Ich bin zum Beispiel kein großer Freund versauter Witze, aber auf Tour erzähle ich schon mal welche. Das gehört zur Abflachung auch dazu: Die Verhaltensregeln des Alltags werden missachtet. Zudem fehlt uns heute ja der Lehrer. Unser Tourleiter guckt zwar, dass zur Abfahrt alle rechtzeitig im Bus sind, behält den Überblick und übernimmt viel Organisatorisches. Aber er ist nicht da, um auf uns aufzupassen. Das müssen wir schon selbst. Auf Tour muss man immer auch ein bisschen Disziplin beweisen. Jeden Tag saufen ist einfach nicht drin. Dafür fallen andere Pflichten weg - im Gegensatz zur Klassenfahrt. Ich bin zwar immer gern in Museen gegangen, schon damals. Nur wenn ich es musste, wenn es also ein fester Programmpunkt war, hatte ich oft keinen Bock. Heute entscheide ich allein, was ich zwischen den Konzerten mache. Und nicht mal die empfinde ich als Pflicht. Sie machen mir ja Spaß.‟

Protokoll: Erik Brandt-Höge

Text: nadja-schlueter - Illustration: Joanna Swistowski

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