Mache ich das Richtige?

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Mit zwanzig hatte ich keinen blassen Schimmer, wohin mit mir und meinem Leben. Schauspielschule? Germanistikstudium? Oder Biobauernhof? Wie wär’s mit Entwicklungshilfe? Aber kann ich das denn überhaupt? Halt ich das durch? Bin ich intelligent genug dafür? So stand ich monate-, wenn nicht gar jahrelang an der Kreuzung namens Berufswahl rum, schaute in alle vier Himmelsrichtungen und wusste einfach nicht, welche Straße ich nehmen sollte, während um mich herum scheinbar alle gut gelaunt und fest entschlossen in schillernde Lebensentwürfe hineinbrausten.

Abgemildert wurde dieses permanente Hadern und Zaudern nur durch den Gedanken, dass das wahrscheinlich zum Erwachsenwerden dazugehört wie ein psychischer Wachstumsschmerz. Wenn ich erst mal vierzig bin, so dachte ich, werde ich so fest im Leben sitzen wie ein Harley-Fahrer auf seiner Maschine, die Zukunft wird dann vor mir liegen wie ein Highway, der sich ruhig und übersichtlich bis zum silbern glitzernden Horizont des eige­nen Lebensabends schlängelt.

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Illustration: Julia Schubert



Von wegen. Es ist immer noch wie mit zwanzig, nur dass ich mittlerweile 22 Jahre älter bin. Statt auf einer Harley durchs Leben zu brausen, buddel ich mich durch den dunklen Tunnel namens Alltag und hab keinen blassen Schimmer, ob wenigstens die Richtung stimmt. Hadern ist gar kein Ausdruck. Großhadern trifft es besser. Bin ich ein guter Vater? Sollten wir nicht vielleicht doch noch mal aus unserer Stadtwohnung ausbrechen und so kommunemäßig was ganz anderes versuchen? Und bei jedem Text die immer gleiche Frage, ob das jetzt halbwegs stimmig ist. Wenn man sehen könnte, wie viel in diesen paar Zeilen hier gelöscht, wieder versucht, neu gelöscht, umgestellt wurde – das Ganze würde aussehen wie eine dieser total zerkrakelten Beethoven-Partituren.

Manchmal tröste ich mich mit dem Gedanken, dass all das zermürbende Gezweifel ja vielleicht ein Zeichen der Reife ist. Wenn ich einem dieser monströsen Egobooster in Konferenzen, in der Kantine oder auf einer Party dabei zuhören muss, wie er wieder mal alle Gespräche um sich herum zuplaniert mit dem eigenen neunmalklugen Gewäsch, denk ich: Wahrscheinlich gar nicht so verkehrt, ab und an leise Zweifel am eigenen Daseinsentwurf zu hegen. Und man muss ja auch ein totalimprägnierter Depp sein, wenn man mit 42 nicht zuweilen denkt: Ist es das? Wollte ich das wirklich so? Und verdammt, was war noch mal gleich der Sinn des Lebens? Den wollt ich doch eigentlich mal finden. Und jetzt fühlt es sich an, als hätte ich mich seit Jahren in irgendwelchen abseitigen Fußnoten verstrickt oder die ISBN-Nummer auswendig gelernt, statt den zentralen Text selbst zu studieren – den einen Text, der mir endlich die Richtung weist, der direkt und auf erlösende Art durch das Große Rätsel führt. Der sagt: So machst du es jetzt, Rühle, gimme five, so und nicht anders.

Ab und zu hat man ja solche jähen Lebenserfüllungsmomente. Als ich am Tag nach meinem Abiturfest in einen Zug nach Südfrankreich stieg, um dort meinen Zivildienst abzuleisten, schaute ich stundenlang zum Fenster raus und dachte nur: Genau. Alles haargenau richtig. Das Wort „Zeitfenster“ gab es damals noch nicht. Aber ich stand während dieser Fahrt stundenlang an meinem eigenen Zeitfenster, schaute am Abend dabei zu, wie mein bisheriges Schülerleben in der Vergangenheit hinterm Brenner verschwand, schaute morgens, bei Sonnenaufgang, hinter Genua, in eine unbekannte, aber meeresblau glitzernde Zukunft und hatte die ganze Nacht über das Gefühl: Wow, das Leben.

Das ist vielleicht der Hauptunterschied zwischen zwanzig und 42: Mein Zeitfenster schien in solchen geglückten Momenten von München bis Nizza zu reichen. Da passten dann all die verschiedenen Möglichkeiten auch problemlos alle auf einmal ins eigene Zukunftspanorama. Werd ich halt schauspielernder Entwicklungshelfer. Oder Germanist aufm Biobauernhof. Nee, genau, jetzt hab ich’s, schriftstellernder Biobauer in Malawi. Aber eh man sich  versieht, sind die Zeitfenster, durch die man noch krabbeln könnte, wieder ein Stück kleiner geworden. Jetzt kann man sich natürlich sagen: Der ausgewanderte Demeter-Autor im südlichen Afrika würde sich sicher mit mindestens genauso großen Lebenszweifeln herumschlagen, wie es der Journalist in München tut.

Andererseits: Weiß man’s?

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Text: alex-ruehle - Foto: chriskuddl / ZWEISAM / photocase.com

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