Rastlos

Abschied nehmen und in der Fremde zurechtkommen - wenn die Eltern im Ausland von Job zu Job jetten, muss man als Schüler immer wieder von vorn anfangen. Manche können später nicht mehr damit aufhören.
clemens-haug


May Germer ist zwar schon fünfzehn, aber Bus fahren in Berlin ist gerade eine ziemliche Herausforderung. Der Fahrer soll ihr doch einfach nur ein Ticket verkaufen, wünscht sie sich. Stattdessen blafft der Mann sie unfreundlich an: „Welche Fahrkarte?“ May hat keine Ahnung. Die Situation ist ihr unangenehm. Der Fahrer schaut sie entgeistert an. Vor ihm steht eine junge Frau, hochgewachsen, blond, akzentfreies Deutsch. Von der kann man doch erwarten, dass sie weiß, welches Ticket sie braucht! Will die ihn veralbern? Er fängt an zu lachen. In diesem Moment würde May vor Scham am liebsten im Boden versinken.

Man sieht es ihr nicht an, aber May ist in Deutschland eigentlich eine Fremde. Ihr Vater ist Außenhandelskaufmann. Genau wie ihre Mutter war er schon immer von Asien begeistert, daher auch ihr Vorname. Als May fünf Jahre alt war, zog die Familie von Hamburg nach Singapur. Mit zehn ging es nach Shanghai, mit zwölf nach Hongkong, ein Jahr später wieder zurück nach Shanghai. May wuchs in den Compounds auf – so nennt man in Asien die Viertel, in denen die Ausländer aus dem Westen mehr oder weniger abgeschottet leben – und ging auf deutsche Schulen. Nur während der Sommerferien besuchte sie öfter Verwandte in Deutschland. Den Großteil ihres Lebens hat sie in Südostasien verbracht.

May, aufgewachsen in Singapur, Honkong und Shanghai

Heute ist May neunzehn und studiert in Braunschweig Architektur. Sie weiß auch längst, wie man deutsche Busse benutzt. Trotzdem sehnt sie sich oft nach Asien zurück. „Dort ist es einfacher, mal etwas nicht zu verstehen, weil einen jeder als Ausländer erkennt“, sagt sie. In Deutschland hält man sie für eine Einheimische, der man nichts erklären muss. Aber das ist sie nicht. Sie hat einen deutschen Pass. Heimisch fühlt sie sich hier aber nicht.

Weil sich die Welt zunehmend global vernetzt, weil Firmen, Forschungseinrichtungen und Regierungen ihre Mitarbeiter immer häufiger mit Arbeitsaufträgen ins Ausland schicken, wachsen mehr und mehr Kinder an Orten fern ihrer Heimat auf. Sie müssen sich in fremden Kulturen zurechtfinden, manche gleich mehrmals, weil die Eltern für einen weiteren Karriereschritt noch mal das Land oder den Kontinent wechseln. Die Zahl deutscher Auslandsschulen stieg in den vergangenen zehn Jahren von 117 auf 142. Statt 16 300 sitzen dort jetzt 20 800 deutsche Schüler in den Klassenzimmern. Und das sind noch nicht alle: Viele deutsche Jugendliche besuchen andere internationale Schulen, weil es am Einsatzort ihrer Eltern keine deutsche Schule gibt.

Manchmal verlieren diese Kinder den Bezug zu ihrem Heimatland. Man nennt sie Third Culture Kids. Eingeführt hat diesen Begriff die US-Soziologin Ruth Hill Useem in den Fünfzigerjahren, als sie die Lebensweise von Amerikanern in Indien untersuchte. Dabei stellte sie fest: Die auch Expatriats genannten Emi-granten hatten sich zwar von ihrer Ursprungskultur entfernt, aber die Umgangsformen des Gastlandes noch nicht vollständig angenommen. Sie und ihre Kinder lebten in einem eigenen Kosmos zwischen den Welten. In einer dritten Kultur.

In den vergangenen fünfzehn Jahren ist ein ganzer Berg an Ratgeberliteratur zum Thema Auswandern und Kindererziehung erschienen. Die Autoren attestieren dem Expat-Nachwuchs besondere Fähigkeiten. Die Jugendlichen könnten sich schnell in fremde Kulturen einfühlen, weil sie oft mit mehreren Sprachen und an verschiedenen Orten auf der Welt aufgewachsen seien. Viele hätten aber Schwierigkeiten damit, eine Heimat zu finden, fühlten sich orientierungslos und hätten oft Angst vor Bindungen, weil sie sich ihr Leben lang immer wieder verabschieden mussten. Einig ist man sich offenbar nur in einem: Wenn man seine Schulzeit im Ausland verbringt, hinterlässt das Spuren.

In Braunschweig fährt May täglich mit dem Rad zur Uni. Von ihrer WG bis in den Hörsaal braucht sie fünfzehn Minuten. Sie mag den Weg durch den Park entlang der mittelalterlichen Wallanlagen. Sie mag auch die Stadt. Aber deswegen ist sie nicht hierhergekommen, das hatte pragmatische Gründe. „Das Studium kostet vergleichsweise wenig, außerdem konnte ich die Sprache“, sagt sie. Sie vermisst Shanghai. Dort hat sie sich oft in ein Taxi gesetzt und sich in ein fremdes Viertel bringen lassen. Sie blickte dann aus dem Fenster, betrachtete die Straßen und Häuser und genoss das Gefühl, nicht zu wissen, wo sie ist – das Unbekannte, die Endlosigkeit der riesigen Stadt, die Spannung. Braunschweig kann ihr das nicht bieten. Die Stadtteile würden ihr nach einer Woche ausgehen.

Freundschaften aufgeben zu müssen war für May kein besonderes Problem. Sie merkte, dass keiner der Abschiede für immer war. Sie ist mit dem Internet und Skype groß geworden, es fiel ihr leicht, den Kontakt zu halten. Das hat sie den Third-Culture-Kids der Fünfzigerjahre voraus.

Auch sonst scheint das Konzept aus den Fünfzigerjahren manchmal seltsam schlicht und teilweise veraltet zu sein. Deshalb hat die Heidelberger Ethnologin Marie Sander die Kinder der Expatriats in ihrer Doktorarbeit noch einmal neu untersucht. Sie hat May und andere Schüler der deutschen Schule in Shanghai ein Jahr lang begleitet und beobachtet, wie sie Freundschaften lebten und wie sie sich in der Epxat-Gemeinschaft zurechtfanden. Ihre Ergebnisse überraschen: „Die Jugendlichen müssen keinen bestimmten Ort Heimat nennen können, um glücklich zu werden“, sagt die Wissenschaftlerin. „Wichtiger ist, dass sie ihr Leben als zusammenhängende Geschichte erzählen, dass sie einen Sinn in ihren Erfahrungen entdecken konnten.“ Um das zu erreichen, mussten sich die Jugendlichen in Shanghai ein Stück ihrer exotischen Umwelt erobern. Dabei haben sie aber nicht viel anderes gemacht als ihre Altersgenossen in Deutschland: Die Jüngeren trafen sich zum Shoppen, die Älteren stürzten sich ins Nachtleben.



Georg Röder ging einfach Fußball spielen. Der gebürtige Münchner war dreizehn Jahre alt, als seine Familie ins afrikanische Mosambik zog. Sein Vater hatte eine Stelle als Entwicklungshelfer in Beira angetreten, der zweitgrößten Stadt des Landes. Weil es dort nur eine kleine Gemeinschaft westlicher Aus­länder gab und weil die Familie sich nicht in deren abgezäuntes Viertel zurückziehen wollte, musste sich Georg seine Freunde unter den Einheimischen suchen. „Da gab es immer Jungs, die auf der Straße kickten. Also bin ich hingegangen und hab gefragt, ob sie noch jemanden brauchen.“ Weil er schon während der Grundschule ein Jahr in Brasilien gelebt hatte, beherrschte er genug Portugiesisch, um sich zu verständigen. Mit seinen neuen Freunden hat er später auch die Bars der Stadt kennengelernt. „In Deutschland haben sie einen immer vor der Sicherheitslage in Mosambik gewarnt. Immerhin war es das sechstärmste Land der Welt. Aber ich hab da trotzdem super Freunde gefunden. Die sozialen Unterschiede waren eigentlich nie ein Thema“, resümiert er heute. Sie wurden es erst, als er nach Deutschland zurückkehrte: Die meisten seiner Freunde in Mosambik haben nicht regelmäßig Zugang zum Internet. Dadurch waren viele Abschiede für Georg endgültig.

Georg, aufgewachsen in Brasilien, Bayern und Mosambik

Georg machte an seinem alten Gymnasium in München Abitur, obwohl einige der Lehrer skeptisch reagierten. Wo er denn in den letzten Jahren zur Schule gegangen sei, wollten sie wissen. „Als ich dann gesagt habe: in Mosambik, sind ein paar von ihnen in schallendes Gelächter ausgebrochen und haben mir geraten, ich könne es ja mal an der Hauptschule probieren“, erzählt er. Aber sein Schuldirektor räumte ihm eine Probezeit ein. Georg bestand und machte sein Abitur.

Danach war er erst mal wieder weg. Er ließ Freunde und Freundin erneut zurück und ging für ein Jahr nach Lissabon. Er wollte seinen mosambikanischen Dialekt in korrektes Portugiesisch verwandeln. Und ihm fiel die Decke auf den Kopf. „Es musste etwas Neues passieren. An einem Ort verändert sich einfach zu wenig.“

Diese Rastlosigkeit zieht sich weiter durch Georgs Lebenslauf: Weil ihm ein deutscher Abschluss als Grundlage besser erschien, ist er für das BWL-Studium zurückgekommen. Bis zum Bachelor hat er noch zwei Semester in Passau vor sich, aber er plant schon für den Master im Ausland. Die Bewerbungen in Kopenhagen und Lissabon laufen bereits.

Der Abschied wird ihm nicht schwerfallen. Georg kann nicht anders, er muss weiter, er braucht Szenenwechsel, und er ist dabei relativ kompromisslos. Man könne sich daran gewöhnen, dass Kontakte abreißen, und wenn eine Beziehung halten soll, müsste die Freundin schon mitkommen. „Ich glaube nicht, dass ich sesshaft werden könnte, wenn ich von interessanten Jobs außerhalb Deutschlands erfahren würde. Vielleicht bin ich durch meine Auslandsjahre etwas sprunghaft geworden“, sagt er nachdenklich. Es könnte gut sein, dass seine Kinder irgendwann auch im Ausland zur Schule gehen.

Text: clemens-haug - Illustration: Filipek

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