So sieht's aus

Von der Abireise erzählen? Pah! Heute kann jeder mit dem Handy filmen und die selbst geschnittene Doku auf Youtube stellen. Nur laufen diese Filme immer gleich ab.
christina-waechter


Auf schwarzem Hintergrund fährt grasgrüne Comic-Sans-Schrift von links nach rechts ins Bild: „Die Abifahrt der K12 der Friedrich-Bonhoeffer-Gesamtschule in Mannheim 2011 - unzensiert“. Dazu kommt aus dem Off das Klavier-Intro des Coldplay-Gassenhauers „Clocks“.  


Die Kamera schwenkt über Hinterköpfe von jungen Menschen, die in einem Reisebus sitzen. Der Kameramann spricht einen Jungen an und fragt, was ihm gerade durch den Kopf geht. Der Junge ruft: „Gei-jel! Die Abifahrt ist ja wohl definitiv jetzt schon Legende!“ Kurze Schnitte im Rhythmus der Musik zeigen weitere Hinterköpfe im Bus beim konspirativen Saufen. Vor dem Busfenster sieht man eine deutsche Ausfallstraße vorbeiziehen.  




Schnitt, Musikwechsel. Billiger Bumstechno. Das zeigt an: Jetzt wird’s ernst, man ist am Ort des Geschehens angekommen, einem typischen Pauschaltouristenort im Süden. Die Kamera schwenkt einmal mehr wild herum, diesmal, um dem Betrachter in allen Facetten zu zeigen, wie das Hotel von außen aussieht und wie viel Gepäck „die Jessy“ dabeihat.  


Innenaufnahme eines spartanisch eingerichteten Vierbettzimmers. Auf einem der Hochbetten hat sich die Partyfraktion eingerichtet und die Zweiliterflaschen mit Billig-Alk ausgepackt. Die Tür geht mit einem Rumms auf - herein springt ein halb nackter Abiturient, der beim Anblick der Kamera sofort wieder Reißaus nimmt. Gackerndes Gelächter und Schreie: „Der Matze! Ist so! Krass!“  




Nächster Tag. Die Kamera zeigt verquollene Gesichter beim Scheibletten-Frühstück mit Eistee aus dem Tetrapak. Es werden die Abenteuer der letzten Nacht in allen Details ausgebreitet. Dann besprechen sie die Pläne für den kommenden Tag. Die zwei Allermutigsten haben schon ein erstes Konterbier geöffnet und prosten dem Zuschauer zu.  


Auf der Busfahrt zum obligatorischen Besichtigungstermin ist Zeit, erste Einschätzungen über das Hotel, den Service, das Urlaubsziel und die Stimmung einzuholen. Allgemeiner Tenor bei den Befragten: Alles ist total super beziehungsweise geil. Nur das vegetarische Frühstücksangebot wird kritisiert - zu wenig, und nichts ist frisch.  




Zeitsprung. Es ist früher Abend, die Kamera zeigt im Zeitraffer vier Jungs, die sich vor dem kleinen Spiegel in ihrem Zimmer die Haare in Form gelieren. Dabei lassen sie eine Flasche kreisen und freuen sich sichtlich.


Wir sehen zur Begleit-Techno-Hitmusik (David Guetta feat. Akon „Sexy Bitch“) eine Diashow von Partyfotos. Mädchen prosten mit Cocktails in die Kamera, Jungs tanzen im Schaum, Mädchen schauen mit Schnute in die Kamera, Jungs schauen cool in die Kamera, ein Mädchen übergibt sich auf dem Parkplatz. Ein schlafender Junge wird am Körper mit Edding bemalt, auf einem Bett liegen ein Junge und ein Mädchen eng umschlungen, während drei kichernde Jungs durch die geöffnete Tür schauen.




Der nächste Tag. Unter einer Markise haben sich die Überlebenden des Massakers versammelt und erzählen vom legendären und besten Abend, den sie jemals erlebt haben. Einer hat sogar „was gehabt“ mit einer Einheimischen. Es werden Wunden in die Kamera gehalten, die man sich am Vorabend beim Versuch, das Stockbett zu erklimmen, geholt hat.  


Abspann: Noch einmal die besten Szenen zusammenschneiden (Wie der Matze reingekommen ist! Wie der Busfahrer so krass bremsen musste! Wie die Janine auf dem Parkplatz kotzen musste!), dazwischen immer wieder eingeblendet eine Totale des Hotels im Sonnenuntergang. Und ein Foto von der finalen Getränke-Strichliste, auf der zu sehen ist, wie viele Liter Bier, Wein und Wodka Bull auf der Reise vertilgt wurden.    


Zu „It’s Raining Men“ von den Weather Girls läuft auf schwarzem Grund von links eine Schrift ins Bild: „Die Abifahrt der K12 der Friedrich-Bonhoeffer-Gesamtschule in Mannheim 2011 - hier wurden Legenden geschmiedet. Wir sehen uns wieder - keine Frage! Euer Matze und Tom.“ 



  • teilen
  • schließen