Studiere nicht, schwebe!

Wer es in Amerika zu etwas bringen will, muss aufs College. Zumindest ist das eine verbreitete Annahme. Dale Stephens sieht das mittlerweile anders - er kämpft jetzt weltweit für ein gutes Leben ohne Hochschulabschluss.
peter-wagner

Ein Student in den USA gibt bis zu seinem Abschluss — abhängig vom College und vom Bundesstaat, in dem er studiert — zwischen 13 000 und 30 000 Dollar für Studien­gebühren aus. Das ist nicht eben wenig Geld. Viele Absolventen nehmen für die Summe einen Kredit auf, in der Hoffnung, ihn nach dem Studium abzahlen zu können. Aber die Rechnung geht häufig nicht mehr auf, wegen der Wirtschaftskrise bekommen viele Absolventen keinen Job. Der 20-jährige Dale Stephens aus Kalifornien sagt nun: Vergesst das College! Lernt im Internet, reist um die Welt, engagiert euch in Projekten, gründet Unternehmen, findet heraus, was euch wirklich interessiert. Dale versteht nicht, warum wir uns in Schulen und Hochschulen einem aus seiner Sicht veralteten Bildungssystem unterordnen. Er glaubt, dass man dort vergisst, was einem Spaß macht. Woher er diese Gewissheit nimmt? Mit elf Jahren ist Dale von der Schule gegangen. Seine Erfahrungen mit dem „Unschooling“, dem selbstbestimmten Lernen, ermutig­ten ihn, die „UnCollege“-Bewegung zu gründen: Wer das College sein lässt und selbstbestimmt lernt, glaubt Dale, wird glücklicher. Und macht außerdem keine Schulden.



jetzt.de: Dale, du bist nach der fünften Klasse von der Schule gegangen, weil es dir dort zu langweilig war. Du hast schließlich selbstbestimmt gelernt. Wie geht das?
Dale Stephens: In Amerika gibt es die Homeschooling- oder auch Un­schooling-Bewegung: Du darfst von der Schule gehen und dich von deinen Eltern unterrichten lassen oder einfach selbstbestimmt lernen.


In Deutschland ist das wegen der Schulpflicht nicht erlaubt. Wie lernt man, wenn man allein lernt?
Homeschooler sind bei uns gut organisiert. In jedem Landkreis gibt es Gruppen, die auch Räume unterhalten. Zu Beginn jeden Jahres haben wir uns getroffen und überlegt, was wir lernen möchten. Das ist wesentlich beim selbstbestimmten Lernen: Du setzt dir ein Ziel und teilst den Weg dorthin in Schritte auf. Jede Gruppe entscheidet selbst über die Kurse und über die Experten, die hinzugezogen werden sollen.

Wie sah eine typische Homeschooling-Woche aus?
In der siebten Klasse hatten wir montags eine Sportgruppe. Dienstag traf sich die Mathegruppe — einer von uns hat den Unterricht geleitet, ein Vater war da, um Fragen zu beantworten. Mittwochmorgen: Englischunterricht mit drei Schülern und drei Eltern. Donnerstag habe ich den Chemiekurs im College besucht, abends bin ich zum Französischkurs. Freitags hat sich die Geschichtegruppe getroffen, samstags war noch mal Sport.

Macht das Internet selbstbestimmtes Lernen einfacher?
Na klar. Heute eine Lerngruppe zu einem bestimmten Thema zu finden ist allein durch Facebook unendlich viel einfacher. Es gibt inzwischen viele Seiten mit Lernvideos.
Und dieses eigenständige Lernen möchtest du jetzt auf die Studienzeit übertragen?
So ist es. Niemand muss Schulden für ein Studium machen, jeder kann sich selbst ausbilden und das lernen, was er für einen Job oder seine Interessen braucht.

Was sind deine Eltern von Beruf?
Meine Mutter war Lehrerin. Mein Vater ist Ingenieur.

Und sie haben dich nicht zur Rede gestellt, als du dein Studium nach einem Semester hingeworfen hast?
Meinem Vater wäre es schon lieber gewesen, ich hätte fertigstudiert. Er findet, dass das Leben ohne Abschluss risikoreicher ist. Er hat Schiss, dass ich scheitere. Aber in den vergangenen Monaten, seit der Gründung von UnCollege, hat er gesehen, dass ich mehr geschafft habe, als mit einem Collegestudium möglich gewesen wäre.

Du bist seit fast einem Jahr Thiel-Stipendiat*, reist um die Welt und sprichst über ein Leben ohne Studium. Du hast dir mit UnCollege dein Projekt gezimmert, aus eigenem Antrieb. Was mache ich, wenn ich nicht so motiviert bin und keine Idee habe, was ich statt Schule oder Uni mache?
Es wäre dumm zu sagen: Jeder soll zu Hause unterrichtet werden. Genauso dumm ist es aber zu sagen: Jeder soll zur Schule. Ich finde: Jeder soll seinen eigenen Weg gehen können. Mir ist klar, dass nicht jeder motiviert genug ist, um selbstbestimmt zu lernen. Aber wieso ist das so? Warum fällt es uns so schwer, unsere intrinsischen Motivationen zu entdecken? Weil wir in einem System unterrichtet werden, in dem es nur darum geht, den nächsten Test zu bestehen. Sobald du in deinem Leben nur noch auf die Noten schaust, spielt es keine Rolle, was du da lernst und ob es dich überhaupt interessiert.

In der Schule und an der Hochschule gibt es aber Lehrer, die einem den Weg weisen und sagen, was es zu lernen gibt.
Das ist ein Problem des Systems: Es macht Entscheidungen einfach.

Wie meinst du das?
Die Lehrer sagen dir, was du zu tun hast, und du versuchst immer nur, das nächste Level zu erreichen. Gute Schule, gute Uni, guten Job, besseren Job. Wer nur damit beschäftigt ist, das nächste Level zu erreichen, vergisst, wer er ist und was er wollte.

Du magst es nicht, wenn man dir Ziele vorkaut.
Meine Mutter war 15 Jahre Lehrerin. Ich habe mit ihr über Hack your Education geredet, das Buch, an dem ich schreibe. Sie sagte: Das Wichtigste in der Schule ist, Schüler selbst über ihre Ziele entscheiden zu lassen. Wenn du sie ihre Lernziele selbst definieren lässt, fühlen sie sich für das Ergebnis verantwortlich.

Dein wichtigstes Argument gegen ein Studium ist, dass sich viele Studenten verschulden, vor allem in Amerika. Das hat auch die Occupy-Bewegung aufgegriffen: Unter den Protestierenden waren immer wieder verschuldete Studenten, die nach ihrem Abschluss keinen Job bekommen haben. Occupy kam für deine Idee gerade recht, oder?
Ich habe mitbekommen, wie sich durch Occupy die Sicht auf UnCollege verändert hat. Am Anfang hieß es: Dale, es macht doch wirtschaftlich keinen Sinn, nicht aufs College zu gehen! Jetzt heißt es: Dale, wir haben verstanden. Die Menschen fragen mich jetzt: Was soll ich tun, wenn ich nicht aufs College gehe?

Sagen wir, ich mache dieses Jahr meinen Schulabschluss und weiß noch nicht, ob ich studieren soll. Was rätst du?
Sagen wir, du hast einen freien Monat zur Verfügung. In den ersten Tagen würde ich einfach nur nachdenken.

Worüber?
Was dich interessiert.

Aha.
Du wirst sehen, dass die Antwort nicht leicht zu finden ist.

Allerdings.
Das stellt man auch beim „Deschooling“ fest, wenn man die Schule verlässt und beginnt, sich selbst zu unterrichten: Man muss sich erst orientieren und mit der Freiheit umgehen lernen. In den ersten Tagen würde ich tun, was du immer in deiner Freizeit machst. Vielleicht Videospiele spielen, rumhängen. Nach ein paar Tagen fängst du an zu schreiben. Schreib auf, was du erreichen willst, wo du in zehn Jahren sein willst, was dir Spaß macht. In der zweiten Woche kaufst du dir ein One-Way-Flugticket in ein fremdes Land. Steck dir vor dem Flug 100 Euro ein, und schau zu, wie du in den drei letzten Wochen des Monats damit zurechtkommst.

Was lerne ich dabei?
Du musst in diesen drei Wochen rausfinden, wo du arbeiten, schlafen, leben kannst. Du musst lernen, aus deiner Komfortzone rauszukommen, in der alles für dich geregelt wird. So erkennst du vielleicht nach und nach, was dir wichtig ist.

Nehmen wir an, ich entscheide mich gegen Studium und Ausbildung. Wenn ich nicht gerade ein Stipendium habe, muss ich trotzdem erst mal Geld zum Lebensunterhalt verdienen, oder?
Das ist doch gut. So lernst du schneller, was dir liegt. Nehmen wir an, du arbeitest als Eisverkäufer und lernst, dass dir der Job nicht liegt — dann versuchst du eben einen anderen Weg.

Soll ich von einem Aushilfsjob zum anderen marschieren?
Viele Menschen, die heute erfolgreich sind, haben eine Zeit lang sehr unglamouröse Sachen gemacht. Für mein Buch habe ich einen Manager von TomTom getroffen, die Navigationssysteme herstellen. Der Mann ist nach der Highschool Lkw gefahren,
hat Burger gebraten und für seinen Blog geschrieben. Schließlich schrieb er über eine Ladeneröffnung von Apple — und bekam am Ende von Apple eine Filialleitung angeboten.

Du glaubst also, wer seiner inneren Motivation folgt, statt zu studieren, wird sich das aneignen, was er braucht, um durchs Leben zu kommen.
Natürlich.

Und in der Zwischenzeit fahre ich Lkw.
Niemand hat gesagt, dass Selbstfindung leicht ist. Aber glaub mir: Die Suche ist es wert.


* Dale gehört zur ersten Generation der sogenannten Thiel-Fellows: Peter Thiel, einer der Gründer des Internetbezahlsystems Paypal, schrieb vor einem Jahr ein mit je 100 000 Dollar dotiertes Stipendium aus, das sich an 20 Schüler unter 20 Jahren richtete, die ihr Collegestudium hinschmeißen und stattdessen eine Unternehmensidee verwirklichen. Peter Thiel glaubt heute, wie auch Dale Stephens, dass es in Amerika eine College-Bubble gibt: Zu viele Studenten nehmen für ihr Studium einen Kredit auf und haben nachher keine Aussicht auf einen Job.


Text: peter-wagner - Foto: Urban Zintel

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