Eintrag aus dem Klassenbuch. Heute: Besser Spicken

Die einen besuchen sie neun, die anderen zwölf Jahre: Die Schule prägt uns ein Leben lang. Eva Schulz steckt noch mitten drin im Leben zwischen Lehrerzimmer und Spickerschreiben. Und darum geht es heute auch. Im Label Schulkolumne finden sich noch mehr Texte über die Schule.
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Bald fängt meine letzte Klausurphase für dieses Schuljahr an. Ausgerechnet mit einem Fach, das mich gerade am meisten gruselt: Mathe! Schon jetzt habe ich den mathetypischen Druck im Kopf, endlich mal den Stoff aufzuarbeiten, und dann kommt noch der Stress zwei Tage vorher und zuletzt morgens vor dem Gang in die Aula, wenn einem plötzlich durch den Kopf schießt, was man schon wieder vergessen hat: das Tafelwerk, den Taschenrechner oder Zirkel und Geodreieck? Der Klausurphase, die sich immer wie ein fieser dicker Brocken zwischen alle Alltagsroutine schiebt, geht die Lernphase voraus. Die ist – je nach Schüler – unterschiedlich lang und intensiv. Es gibt jene, die schon drei Wochen zuvor stundenlang pauken, bei Wasser und Brot, ohne sich von irgendwem oder irgendetwas ablenken zu lassen. Oder die Karteikartenmädchen, die in den Pausen und auf dem Nachhauseweg ihre Stapel aus Pappkärtchen durchgehen, auf die sie sich in arg komprimierter Form sämtlichen Stoff notiert haben. Im Gegensatz dazu sind da auch noch solche, die die „Faselfächer“-Methode (für Deutsch, Religion, Philosophie...) einfach auf alle Fächer anwenden. Sie „lesen sich das so insgesamt einfach noch mal durch“, am Abend vorher. Und zu guter letzt gibt es auch noch die Leute, die einfach spicken.

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Illustration: Julia Schubert

Die Tradition des Spickers ist lang und von mehreren technischen und kreativen Revolutionen geprägt. Natürlich existiert noch immer der gute alte Spickzettel, der, möglichst klein beschrieben, in Mäppchen oder Hosentasche verstaut wird. Und die unprofessionelle Handmethode, die alle Informationen auf schwitzigen Handinnenflächen verräterisch verwischen lässt. Natürlich gibt es auch das so soziale Verstecken der Zettel und Listen im Toiletten-Spülkasten, wo alle nachschlagen können, nicht erst seit gestern. Aber Tobias’ Eltern hatten sicherlich noch keinen UV-Stift für drei Euro aus dem Kaufhaus, wie ihr Sohn. Der notiert sich seine Wissenslücken einfach aufs Hosenbein und beleuchtet diese dann während der Arbeit heimlich mit der Lampe auf der anderen Seite des Schreibers. Funktioniert sehr gut, sagt er. Und für meine Matheklausur werde ich mir vielleicht die ein oder andere Formel in meinen supermodernen Taschenrechner einprogrammieren. Das hat ja fast schon etwas von legalem Spicken. Wenn die Arbeit dann endlich geschrieben, Wörter gezählt und Hefte eingesammelt sind, heißt es aufatmen und ungefähr gleichzeitig fängt für die Lehrer der Stress erst an: Korrekturphase. In dieser Zeit beschweren wir uns, warum sie denn so lange brauchen, und sie antworten mit Beschwerden über schlechte Schrift und vergessene Ränder und ach, den Lehrerjob überhaupt. Am Ende steht der Tag der Rückgabe. Herr Feuerstein hat es einmal geschafft, an so einem Tag morgens mit dem Motorrad auszurutschen. Die Arbeitshefte, die er auf den Gepäckträger geklemmt hatte, flogen dabei in den Schlamm. Wie groß war die (Schaden-)Freude bei der betroffenen Klasse! Das Gegenteil ist manchmal der Fall, wenn man sich die Rotstift-Kommentare unter den Arbeiten anschaut. „Du bist und bleibst faul!!!“, stand da neulich bei Andreas. „Geht aufs Haus“, sagte der und grinste. (Ich persönlich vermisse ja den Felix-der-Hase-Stempel, den Andi in der Grundschule bekommen hätte.) Ann-Christin freute sich beim letzten Mal über die Anmerkung: „Das Chaos in Ihrem Kopf nimmt ungeahnte Ausmaße an. Leider nur ausreichend.“ Bleibt mir nur zu hoffen, dass so etwas nicht auch unter meiner Matheklausur stehen wird.

Text: eva-schulz - Illustration: Dirk Schmidt

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