Eintrag aus dem Klassenbuch. Heute: Der Elternsprechtag

Die einen besuchen sie neun, die anderen zwölf Jahre: Die Schule prägt uns ein Leben lang. Eva Schulz steckt noch mitten drin im Leben zwischen Lehrerzimmer und Spickerschreiben. Heute widmet sie sich dem Elternsprechtag. Übrigens: Im Label Schulkolumne finden sich noch mehr Texte über die Schule.
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Illustration: Julia Schubert

Das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule und Weiterbildung hat vor kurzem eine Hotline eingerichtet, die Schüler anrufen können, wenn sie Fragen oder Probleme haben. Dabei geht es allerdings mehr um das Bildungssystem an sich, über das man sich hier informieren kann. Wenn akute Probleme an der eigenen Schule auftauchen, soll man auch anrufen. Um persönliche Wehwehchen wird sich dort jedoch nicht gekümmert. Warum auch? Dafür gibt es schließlich den Elternsprechtag! Zwei Mal im Jahr putzen sich die Lehrer fein raus, um sich dann stundenlang in den Klassen zu verschanzen und ein Elternteil nach dem anderen dort hinein- und wieder rauszuschleusen. Sie bringen sich Tee in Thermosflaschen und Espresso in Tüten mit, den sie in einer freien Minute im Lehrerzimmer kochen. Sofern sich denn eine freie Minute ergibt. Jedes Mal beschwert meine Mutter sich aufs Neue darüber, dass an meiner Schule nicht mehr, wie noch zu Grundschulzeiten, Termine mit den Lehrern vereinbart werden. Unser System sieht so aus: Vor jeder Tür lange Stuhlreihen. Dort sitzen genervte Wartende, die wiederum den Lehrer mit ihren gelangweilt-wütenden Blicken verunsichert und hektisch machen. Der größte Haken: Wir Schüler müssen mit! Denn wenn man bei jedem Lehrer stundenlang warten muss - dann sitzt man ja den ganzen Tag da fest! Die schlaue Mutter packt deswegen ein bis drei Kinder ein und platziert sie auf den Wartestühlen. So raubt sie uns einen freien Tag und setzt uns noch dazu diesem bunten Zoo von Eltern aus, die dort aufkreuzen und sich ihre Zeit nicht wie wir mit einem MP3-Player vertreiben wollen. Irgendwie passiert es mir jedes Jahr, dass ich neben diesem einen Typ Mutter lande: Sie hat scheinbar nichts anderes zu tun, als selbst bei ihrem Zehntklässlersohn noch jede Hausaufgabe zu kontrollieren. Sie weiß, wann der Julian die nächste Arbeit schreibt, in welcher Pause er seine Milch kauft und wann er zuletzt seine Buntstifte angespitzt hat. Aus Höflichkeit schalte ich dann meist den MP3-Player ab und lausche ihren Tiraden. Und jedes Jahr aufs Neue tut mir Julian sehr, sehr leid. Neben Julians Mutter, die aber auch wirklich von nichts anderem redet, sitzt meistens der Ökovater in seinem etwas zu großen Strickpullover und füllt einen Sudokublock aus. Er nickt, wenn Julians Mutter ein zustimmendes „ja“ von ihm haben möchte, und rückt ansonsten höchstens mal seine Brille zurecht. Daneben wiederum sitzt eine Tochter, siebte oder achte Klasse vielleicht. Die muss noch nicht höflich sein und ist sowieso weit genug entfernt von Julians Mutter. Die darf Gameboy spielen. Und ist gleich schon dran! Gemein. Da biegt auch schon ihr Vater um die Ecke, und er verkörpert den dritten Extremtyp, auf den man am Elternsprechtag bisweilen trifft: den Anzugträger, der nur eben zwischen zwei Terminen hier ist und auch schnell noch telefonieren muss, ob der Mathelehrer nicht kurz warten könnte? „Hey!“, beschwert sich da schon Julians Mutti, das würde den ganzen Betrieb ja nur noch mehr aufhalten! Sie wird abgelenkt von der Ökomutter, die kurz vorbeikommt um die Stricknadeln bei ihrem Mann abzuholen. Bei Jan-Olafs Englischlehrer dauere das noch länger. Da stecke ich mir dann doch wieder die Stöpsel in die Ohren. Ungerechterweise scheint es meine Mutter am Elternsprechtag immer um Längen besser zu treffen. Sie landet zwischen den netten, normalen Eltern, die sie irgendwie kennt (Sprechtagconnections!) und mit denen sie sich wunderbar austauschen kann. Im Klartext heißt das: Jetzt kann endlich mal wieder richtig abgelästert werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass zu keinem Zeitpunkt so viel in der Schule getratscht wird wie am Elternsprechtag. Schuld daran ist zum Einen die hohe Frauenquote, zum Anderen der so günstig verteilte Kaffee und Kuchen, der die Kränzchenstimmung nur noch anheizt. Kein Wunder, dass mancher Lehrer da panisch wird! Und dass ihm dann nichts anderes mehr über die Lippen kommt als ein paar höfliche Floskeln. Wenn wir Stunden später im Auto sitzen, auf dem Weg nach Hause, erzählt Mama mir daher Dinge, die sie und ich schon vorher wussten (bis auf die Tatsache natürlich, dass Julian seine Milch immer in der zweiten kleinen Pause kauft (außer mittwochs)). Und ich frage mich, was Elternsprechtag eigentlich soll.

Text: eva-schulz - Illustration: Dirk Schmidt

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