Eintrag aus dem Klassenbuch (II): Filme schau`n im Medienraum

Die einen besuchen sie neun, die anderen zwölf Jahre: Die Schule prägt uns ein Leben lang. Eva Schulz steckt noch mitten drin im Leben zwischen Lehrerzimmer, Spickerschreiben und Banknachbarn. In unserer Kolumne beschreibt sie, was das Schulleben ausmacht. In der zweiten Folge widmet sich Eva dem Filme-Schauen in der Schule
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Illustration: Julia Schubert

Lehrer peppen gern mal den Unterricht auf. Die bei Schülern beliebteste Form ist das Vorführen eines Films - des Films zum aktuellen Stoff, zur Lektüre, zur listening comprehension. Wir lieben das, weil dann der Raum abgedunkelt wird und wir uns entspannt zurücklehnen können. Der Lehrer bleibt sowieso vorn sitzen, um immer mal wieder auf den Knöpfen des DVD-Players herumdrücken zu können. Oh, gepriesen sei diese Erfindung! Seit ihrer Einführung reichen zehn Minuten Betteln á la „die reden doch viel zu schnell“, und wir sehen „Club der toten Dichter“ nicht mehr auf Englisch sondern auf Deutsch. Trotzdem laufen immer noch mehr Lehrfilme als Blockbuster im Schulkino. Je nach Thema und Machart eines solchen Streifens entscheiden wir während der ersten Minuten, ob es sich unterhaltungs- oder bildungstechnisch lohnt, zuzuschauen. Das war zum Beispiel in der achten Klasse der Fall, als wir Bienen durchnahmen und einen wirklich spannenden Film schauten: Ein böses Insektenmonster bedrohte den Stock und all die fleißigen Majas mussten sich schnellstens verbarrikadieren. Das Ganze garniert mit Bienentänzen in Zeitlupe und flott brummender Streichermusik. Sowieso schaffte Herr Palü es mit seinen Filmen oft, uns zu packen – wenn auch nicht immer auf so angenehme Weise. Die Abtreibungsdokumentation kündigte er mit den Worten an: „Wenn jemand das nicht sehen möchte, kann er auch rausgehen.“ Wir beobachteten einen amerikanischen Arzt, der in den achtziger Jahren eine Abtreibung im sechsten Monat der Schwangerschaft durchführte. Mit einer Zange. Und einem Messer. Das sind Filme, bei denen man nichts tun kann, außer fassungslos auf den Bildschirm zu starren. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Das buchstäblich einschläferndste war ein Film in Chemie mit dem nüchternen Titel „Waldsterben“. Ein typischer Kreisbildstellen-Film. Mit immer wieder zufallenden Augen sahen wir eine volle Stunde lang 360-Grad-Schwenks in toten Wäldern. Der Bildschirm war durchgehend grau, da war nichts außer umgeknickten dürren Bäumen ohne Blätter. Eine anklagende Stimme meldete sich alle zehn Minuten aus dem Off und erklärte, warum wir – ja, wir! – schuld an diesem Unglück seien. Viel besser ergeht es uns hingegen kurz vor den Ferien. Sofern er halbwegs zum Thema passt, wird dann nämlich auch mal ein richtiger Kinofilm geschaut. In Erdkunde nahmen wir internationale Weinwirtschaft durch. „Ich habe einen Weinfilm zuhause!“, rief ich. Der Film hieß „Sideways“ und wurde von großen Zeitungen als „Meisterwerk“ und „echter Qualitätsfilm“ gerühmt. Da dachte ich nicht mehr daran, vorher einmal reinzuschauen. Das „Meisterwerk“ enthielt zwar die ein oder andere nützliche Information zum Thema, drehte sich jedoch um zahlreiche Besäufnisse und noch mehr Sexszenen. Es gipfelte in einer Szene, in der ein dicker, splitternackter Mann gegen das Seitenfenster eines Autos lief. Die Kamera, wohl bemerkt, befand sich in dem Auto. Die Nachricht vom „Weinbergporno“ machte schnell die Runde, vor allem die Szene mit dem platt gedrückten Wanst auf dem Bildschirm im Medienraum. Seither bin ich als Porno Queen verschrieen und werde mich hüten, jemals wieder einen Film in die Schule zu bringen. Illustration: Marcus Holzmayr

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