Eintrag aus dem Klassenbuch (V): Gibt es bald für´s Gähnen schlechte Noten?

Die einen besuchen sie neun, die anderen zwölf Jahre: Die Schule prägt uns ein Leben lang. Eva Schulz steckt noch mitten drin im Leben zwischen Lehrerzimmer, Spickerschreiben und Banknachbarn. In unserer Kolumne beschreibt sie, was das Schulleben ausmacht. In der fünften Folge widmet sich Eva den Zeugnissen und fürchtet, dass alsbald auch ihr Gähnen in der achten Stunde bewertet wird.
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Der Senex, so sein Spitzname, war drei Jahre lang unser Klassenlehrer. Weiß bis weise, immer mit einem frechen Spruch auf den Lippen, unterrichtete er uns in Deutsch, Musik und nebenbei noch Allgemeinbildung. Die Zeugnisvergabe gestaltete er stets als besonderes Ritual: Jeden Einzelnen von uns rief er nach vorn, ging alle Noten des jeweiligen Schülers mit ihm gemeinsam durch und vereinbarte dann den Deal. Denn selten war ein Zeugnis den hohen Erwartungen des Senex’ entsprechend. So musste Steffi binnen eines halben Jahres die Anzahl ihrer Zweien auf mindestens acht steigern – andernfalls sollte sie einem Unterstufenschüler umsonst Nachhilfe geben. „Das war eine Wette ohne Gegenleistung!“, beschwert sie sich noch heute. Geschafft hat sie es aber trotzdem.

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Illustration: Julia Schubert

Ich weiß noch, wie sehr es immer genervt hat, wenn ich an die Reihe kam und der Senex mit vorwurfsvollem Blick auf die Vier in Chemie zeigte. „Die muss da aber noch verschwinden, Eva“, hieß es dann. Noch schlimmer war aber das Zurückkehren an meinen Platz, wo alle schon eifrig ihren Notenschnitt ausrechneten. Dieses ewige Vergleichen und Bessersein! Wichtig ist die meist schrecklich schiefe Zahl nachher, wenn es an das Eintreiben der Belohnungen geht, doch sowieso nicht mehr. Denn Omas spenden grundsätzlich und für jedes Zeugnis. Eine Fünf in Kunst – wie auch immer die da hingekommen ist - übersehen sie dabei geflissentlich. Ausnahmsweise gespannt bin ich auf das Zeugnis, das ich nächstes Jahr bekommen werde. Zum ersten Mal will man uns „Kopfnoten“ verpassen. Diese Idee wurde irgendwo in der DDR ausgegraben, wo sie zuletzt in den späten Siebziger Jahren umgesetzt wurde. Neben den Noten für Deutsch und Musik darf mir der Senex dann auch noch eine für mein Arbeits- und Sozialverhalten geben. Ich frage mich, wie er das anstellen will. Nur weil ich so oft gähne, mittwochs in der achten Stunde, bekomme ich dann statt eines „gut“ ein „befriedigend“? Oder bei zusätzlichem Quatschen mit meinem Sitznachbarn gar ein „unbefriedigend“, die schlimmste der vier möglichen Beurteilungen? Dann sammle ich doch lieber weiterhin Striche für jedes Gähnen und backe beim dritten einen Kuchen. Gern auch mit Glasur, und Schokostückchen! Schon jetzt bete ich jedenfalls für die Klasse von Herrn Weichmann. Dieser Religionslehrer ist bekannt dafür, dass er gerne mal Noten an Leute vergibt, die längst nicht mehr in der Klasse sind. Dann kriegt Max eine Drei, obwohl der letztes Jahr sitzen geblieben ist. Nächsten Juni bekommt er bestimmt auch noch ein „unbefriedigend“ für sein Arbeitsverhalten. Er zeigt schließlich nie auf! Die zusätzliche Fünf in Reli könnte er allerdings ganz gut verwerten: Bei der traditionellen Zeugnisparty bekommt man für so eine Leistung freien Eintritt. +++ Mehr Folgen dieser Reihe gibt´s im Label Schulkolumne. Illustration: Dirk Schmidt

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