Eintrag aus dem Klassenbuch (VI): Die Taschen-Typologie

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Es ist ein Schul-Phänomen, so typisch wie fehlende Kreide oder Stratzen ohne Wirkung: Das verschimmelte Butterbrot. Mindestens einmal im Monat findet es ein Mitschüler während einer Freistunde oder einer kleinen Pause - vor Wochen vergessen in den Untiefen der Schultasche. Überhaupt Schultaschen! Zeit für eine Typologie.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Der Klassiker: Die Ledertasche Die Ledertasche ist der absolute Renner im Lehrerkollegium. Die Pauker schätzen diese robusten, schlichten Modelle, weil sie weit länger halten als gewöhnliche, auf maximal dreizehn Jahre ausgelegte Schülertaschen. Sie lassen sich ohne Probleme zur ach so erwachsenen Hängetasche umfunktionieren (siehe unten). Gerne erweitern Lehrer sie um einen Jutebeutel (mit aufgedrucktem Gemeinde-, Gesangsverein- oder Supermarktlogo) und transportieren darin Klassenarbeiten und Klausuren. Die Ledertasche kommt hin und wieder auch bei besonders strebsamen Schülern zum Einsatz, die sich vielleicht ein Mal zu oft die alte Verfilmung vom "Fliegenden Klassenzimmer" angeschaut haben. Typisches "Butterbrot": Die gesamte Lehrerschaft wird von der Schulkantine versorgt, daher findet sich in der Ledertasche höchstens ein Mini-Milky Way, ausgegeben vom letzten Geburtstagskind in der sechsten Klasse. +++ Groß für klein: Der 4YOU Machen wir uns nichts vor: Der 4YOU ist die Unterstufentasche schlechthin. Dieser so schrecklich eckige Rucksack bietet unzählige Spezialfächer - für DIN-A3-Malblöcke, High-Tech-Trinkflaschen und Yu-Gi-Oh-Karten. Dadurch wird er letztlich so voll und schwer, dass man beim Anblick eines jeden Fünfers, dessen Rücken nur halb so breit ist wie seine Tasche, Angst haben muss, dass er im nächsten Moment hintenüber kippt. Doch diese Gefahr sehen kleine Grundschüler nicht, wenn es kurz vor der Einschulung an die Wahl ihrer Taschen geht. Sie sehen nur die scheinbar grenzenlose Mustervielfalt. 4YOUs gibt es mit Fußballern, Sonnenblumen, Robotern, Pferden … Dabei ist eines sicher: Irgendwann erreicht jeder ehemalige Fünfer den Punkt, an dem er sich für sein Muster (und die plüschigen Schlüsselanhänger an den Reißverschlüssen) schämt. Dann steht meist ein Wechsel an – der Wechsel zum 08/15-Rucksack. Typisches "Butterbrot": Zwei (von Mama) belegte Brote und wahlweise Obst oder ein Müsliriegel. Zusätzlich Geld für eine Tüte Milch – das allerdings eher für Süßigkeiten aus dem Kakaokeller ausgegeben wird. +++ Null, acht, fünfzehn: Der Rucksack Ist der Zenit der Ordentlichkeit überschritten und der Abend längst für andere Sachen gut als das Packen der Schultasche, dann ist die Zeit des Rucksacks gekommen. Jetzt geht es nicht mehr um Marken und Muster, sondern nur noch um reine Funktionalität: Hält der noch ein paar Jahre? Passen DIN-A4-Hefte ungefähr rein? Und zweimal die Woche auch noch die Sportschuhe? Dann ist der Rucksack so gut wie gekauft. Zwei Minuten am Morgen reichen, um alles hineinzuwerfen, was man braucht. Eselsohrige Hefte werden so normal – und egal. Meistens haben Rucksäcke auch noch ein kleines Fach vorne, für Schmink-Utensilien, Hausschlüssel und Zettelchen – aber Vorsicht! Zu gern ziehen gewitzte Mitschüler oder nervige Sechstklässler die Reißverschlüsse dieser Fächer auf, um das oben Genannte zu entwenden. Zuletzt muss noch dazu gesagt werden: Der Rucksack ist die „Mainstream“-Tasche. Er hat nicht wirklich eine Seele. Ganz im Gegensatz zur Folgenden. Typisches "Butterbrot": Kann wirklich alles sein, hier lässt sich der Mainstream nur schwer zusammenfassen. Aufgrund der Zwei-Minuten-am-Morgen-Regel besteht ständig die Gefahr, auslaufender Flaschen ansichtig zu werden. Also immer auch ein paar Taschentücher einpacken. +++ Das ist Rock’n’roll: Der Army-Rucksack Der Army-Rucksack ist groß, grün und eindeutig mehr Sack als Ruck. Ironischerweise wird er ausgerechnet von denen genutzt, denen garantiert nicht in den Sinn käme, zum Bund zu gehen. Punks und Rocker neigen zu diesem seesackartigen Modell - wohl, weil diese Tasche am meisten Platz bietet, um ihr eine Seele zu verleihen. Das geschieht in Form von Schriftzügen, Aufnähern und Buttons, angebracht auf dem schlammfarbenen Stoff. Der Träger steht vielleicht auf "Slut" und trauert um Kurt Cobain, dessen Namen er während des Unterrichts immer wieder mit einem schwarzen Filzer nachzieht. Oder er schickt „Nazis raus!“ und Atomkraftwerke in die Hölle. Nirgendwo sonst ist die politische, musikalische oder sonst wie geartete Gesinnung eines Mitschülers so leicht zu erkennen wie im Falle eines Army-Rucksack-Besitzers. Merkwürdig: Obwohl diese Gruppe eindeutig die größten Taschen besitzt, ist sie auch die, die am liebsten ihre Bücher Zuhause vergisst. Typisches "Butterbrot": Ein paar belegte Brote. Sofern der Träger es noch geschafft hat, sie in den fünf Minuten zwischen Aufstehen und Auf-den-Weg-machen einzupacken. +++ Supersüß und supersexy: Die Hängetasche Diese vergrößerte Handtasche verfügt lediglich über einen Riemen, der über die Schulter gehängt wird, und ist der weiblichen Schülerschaft vorbehalten. Die meist bestöckelschuhte Trägerin zerstört also nicht nur ihre Füße, sondern auch gleich ihren Rücken. Bei keiner Tasche sonst ist allerdings eine solche Fülle an unterschiedlichen Materialien geboten: Die Hängetasche gibt es aus Leder, Stoff, Plastik; bestickt, bedruckt oder mit Strasssteinen besetzt. Jedes Modell hat daher einen ebenso hohen Wiedererkennungswert wie der Army-Rucksack (siehe oben). Ob man hier aber auch von einer Seele sprechen kann, ist fraglich. Ein Phänomen ließ sich außerdem in den letzten Jahren beobachten: Immer mehr Referendare tragen jetzt Hängetaschen. Wird die Hängetasche zur Ledertasche der neuen Lehrergeneration? Wir werden sehen. Typisches "Butterbrot": Ein Apfel sowie ein Salat oder fettarmer Joghurt. Ferner für die Mittagspause eine Tüte Cappuccinopulver zum Aufbrühen. Illustration: dirk-schmidt

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