Ab jetzt wird mitgelacht

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Es ist ja so: Man ist gar nicht neun Monate schwanger, sondern 40 Wochen. Gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Periode. Die letzte Periode ist also die erste Woche der Schwangerschaft. Demnach ist die erste Woche dieser Kolumne in der offiziellen sechsten Woche entstanden und jetzt befinden wir uns laut Mutterpass bereits in der neunten Woche. Puh! Woher ich das weiß? Vom meiner Frauenärztin. Da war ich vorgestern. Frau Rummel ist eine kleine, ältere Person mit großer Brille, Putzwolle auf dem Kopf und extrem fröhlichem Gemüt. Sie lacht immer, meistens lacht sie mich vermutlich aus. Als ich vor einem Jahr mit dem stolz gefassten Entschluss, schwanger zu werden, das erste Mal bei Frau Rummel war, sagte sie: „Soll ich Ihnen jetzt erklären, wie das geht?“ Dann lachte sie mich aus.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Drei Monate später war ich wieder bei Frau Rummel. „Was soll ich tun? Ich werde nicht schwanger!“, sagte ich. „Hahaha! Sie haben es aber eilig! Hahaha!“, sagte Frau Rummel und steckte mir einen Bienchenkalender zu, also einen Kalender, in dem man seine Periode ankreuzen und eine Schablone darüber schieben kann. Mit Herzchen zeigt einem der Kalender dann die Tage an, an denen man es wie die Bienchen machen, heißt: ficken, soll. Max und ich spielten an den Herzchentagen also Bienchen, aber nach einem halben Jahr war immer noch nichts passiert. „Frau Rummel!!??“, bettelte ich auf ihrem Korbsessel herum. Frau Rummel lachte mich laut aus und sagte: „Kinder sind kein Wunschkonzert!“ Dann steckte sie mir Mönchspfeffer zu. Nach neun Monaten lachte sie noch lauter und wir schickten Max mit einer Urobox in der Hand zum Spermatest, nur so, zur Sicherheit. Auf das Testergebnis war Max dann so stolz, dass es fast drei Wochen lang an unserer Küchenabzugshaube klebte, bis der Hausmeister zufällig vorbei kam und unbedingt wissen wollte, was „Vitalität: 87 Prozent“ bedeutet. Schwanger war ich allerdings immer noch nicht. Vorgestern hat Frau Rummel nicht gelacht. Ich saß auf ihrem Korbstuhl und sagte: „Wissen Sie was? Ich bin schwanger!“ Und Frau Rummel sagte ernst: „Na dann schau mer mal!“ Ich zog meine Hose aus und kletterte strumpfsockert auf den Beine-breit-Stuhl. Frau Rummel zog sich ihre Plastikhandschuhe an, nahm die Ultraschallkamera, eine Art Vibrator mit Kameraauge an der Spitze, zog ein Kondom über das Ding und drückte durchsichtiges Gel darauf. Dann steckte sie die Kamera in mich rein und konzentrierte sich auf den Monitor. Sie rührte nach rechts und nach links, nach oben und unten. Auf dem Monitor grisselte und blubberte es grau. Dann hielt sie plötzlich still: „Aha, da is es!“ Hä? Was da war, war ein kleiner schwarzer Fleck in all dem Grau, erbsenförmig, nein tränenförmig und winzig. „Oh, und da schlägt es auch schon!“, sagt Frau Rummel aber ich konnte wieder nichts erkennen. „Da, das kleine Zucken, das ist das Herz!“ Frau Rummel zeigte mit einem Kugelschreiber auf den Monitor. Und tatsächlich: Da wackelte in diesem grauen, undefinierbaren Knäuel irgendwo im Unterleib tatsächlich noch etwas anderes, als Frau Rummels etwas zittrige Kameraführung. Da blitzte ein winzig kleiner Fleck ganz schnell hintereinander immer wieder auf und ab. Mehr zippzippzipp, als bummbummbumm. Mehr Elfenflügelflattern als echtes Herzklopfen. Ganz klein noch, ganz zart noch, aber ausdauernd. Das Herz schlägt. Ab jetzt wird mitgelacht. Illu: dirk-schmidt

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