"Das wird toll! Dein Supersperminator"

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„Du bist schwanger!“ brüllt meine Schwester aus dem Hotelbadezimmer. Hat es also doch endlich geklappt. Meine Schwester schreit und springt und rennt zu mir ans Bett, sie wirbelt den Schwangerschaftstest durch die Luft und quietscht: „Positiv! Positiv! Du bist eindeutig schwanger! Das wird ein ... rechnen wir mal ... ein Oktoberkind oder so was! Du bist schwanger! Guck der Test! Du bist schwanger! – Jetzt freu Dich halt mal!“ Mach ich ja. Ein bisschen. Mein Herz schlägt laut. Mein Atem verlangsamt sich. Meine Hand greift nach dem Schwangerschaftstest und meine Augen fixieren das zweite Kreuzchen. Aha. So sieht das also aus, wenn dieser doofe Test endlich mal positiv ist. Und so fühlt sich das an, wenn man plötzlich schwanger ist. Genauso, wie vor einer Stunde?

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Illustration: Julia Schubert

Ich will Kinder seit ich vier Jahre alt bin. Eigentlich wollte ich mein erstes immer mit 26, aber als ich dann tatsächlich 26 war, erklärte mir gerade ein pubertierender 30-Jähriger, weshalb drei Mal in der Woche Treffen für ihn zuviel sei. Außerdem war ich selbst gerade sehr damit beschäftigt, würdevoll die Uni hinter mich zu bringen und mich gleichzeitig würdevoll durch die Nächte und die Partys meines Lebens zu trinken. An meinem 27. Geburtstag, etwa mittags, fiel mir plötzlich die Sache mit dem Kind wieder ein. Aber da war es dann auch schon zu spät. „Jetzt ruf mal den Max an!“ drängelt meine aufgeregte Schwester, während sie sich grinsend zu mir ins Hotelbett kuschelt. „Darf ich den Tom auch gleich anrufen??!“ Sie wählt schneller. „Herzlichen Glückwunsch!“ schreit der Freund meiner Schwester durch den Hörer. Dann rufe ich meinen eigenen an. Max sagt: „Echt? Mann. Toll.“ Dann fragt er mich noch, wie die Familienfeier war und wir reden ein bisschen über die Baustelle vor unserer Wohnung. „Ja, Du, bis morgen dann!“, sage ich. „Ja, Du“, sagt er. Wir legen auf. Irgendwann in der Nacht piepst mein Handy. „Oh, das wird toll! Dein Supersperminator“, steht da. Dann kann ich so etwas ähnliches wie einschlafen. Den Supersperminator habe ich vor drei Jahren kennen gelernt. Nach drei Wochen vergnügter Affäre erklärte ich ihm, dass ich bald ein Baby will. Er ist trotzdem bei mir geblieben. Aber ich glaube, er nahm die Sache nicht so ernst. Ich dagegen nahm die Sache umso ernster. Die mit uns und die mit dem Baby sowieso. Ich hab’s einfach immer mal wieder erwähnt. Immer mal wieder einen Zeitplan vorgerechnet. Versucht, nicht zuviel Druck zu machen. Aber dann doch immer mal wieder angeschmust und nachgehakt. Vor etwa zehn Monaten sagte Max dann „Ja, ok.“ und ich setzte die blöde Pille ab. Es stimmt, ich habe Max zu der Sache überredet. Aber ich glaube, er hat sich auch selbst dafür entschieden. Und manchmal muss man zu gewissen Entscheidungen eben auch ein bisschen überredet werden. So sehe ich das. Und hoffe, dass es stimmt. Max holt mich von Bahnhof ab und wir geben uns einen schüchternen Kuss. Zuhause streiten wir wegen verschimmelten Tomaten im Kühlschrank. Wir beschließen, jeder in seinem eigenen Bett zu schlafen. Irgendwie sind wir gerade beide gern allein. Am Frühstückstisch will ich, dass Max sagt, wie er sich fühlt. Er sagt: „Gut. Toll. Wir müssen nachher noch die Pfandflaschen wegbringen.“ Ich rufe meine liebste Freundin Laura an und sie will, dass ich den Hörer an meinen Bauch halte. Sie spricht mit dem Zellhaufen. Langsam wird mir die Sache unheimlich. Seit ich vier bin habe ich auf diese Schwangerschaft gewartet und jetzt, wo sie da ist, fühlt sie sich seltsam, fremd und unreal an. Wo ist denn jetzt das riesengroße Glücksgefühl? Laura verspricht mir, dass es bald kommt. Illu: dirk-schmidt

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