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Schwanger!-Kolumne: Bauch raus, Nase hoch!

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Wenn sich Porschefahrer an einer Ampel gegenüber stehen, kurbeln sie ihr Fenster runter, halten lässig den Arm raus und heben die Hand zum Porschefahrergruß. Ähnlich machen es Defenderfahrer, Vespafahrer und Tandemfahrer. Nur Schwangere, die machen das Gegenteil. Schon mal aufgefallen? Wenn zwei Schwangere auf der Straße aufeinander zulaufen, scheint die eine am Himmel nach ausgefallenen Vogelflugformationen zu suchen, während die andere prüft, ob sich durch die Pflastersteine gerade mal wieder ein Regenwurm stibizt. Fremde Schwangere schauen sich nicht an, sie grüßen sich nicht, sie reden nicht miteinander – ja sie meiden ganz bewusst jeglichen Blickkontakt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Das ist besonders deshalb erstaunlich, weil die Welt da draußen zu uns Schwangeren an sich wirklich sehr nett und aufmerksam ist. Opas, Kleinkinder, Straßenpolizisten, Spargelverkäuferinnen, Hundebesitzer, ja sogar Busfahrer: sie alle lächeln einem zu. „Ja wie lang dauert’s denn noch?“, „Ja was wird es denn?“, „Ja wie heißt es denn?“ – das Standardfragenrepertoire an Frauen mit Bauch lässt selbst den grummeligsten Viktualienmarktgrantler zum Smalltalkexperten aufblühen. Und: ich genieße das! Ja wirklich, ich mag das gern, dass die Welt endlich mal richtig nett zu mir ist! Ich bin stolz darauf, meinen Bauch in die U-Bahn zu strecken und endlich diese sieben-Uhr-morgens-alle-Mundwinkel-hängen-tief-Stimmung zu durchbrechen! Ja, ich nehme diese Liebe an, auch wenn ich sie mir weder durch Leistung noch Fleiß erarbeitet habe, sondern sie mir einfach so zu fliegt! Ich vermute allerdings, dass ebendieser protestantische Belohnungsgedanke und die unverdiente Überaufmerksamkeit, die einem jeden Tag mit Bauch von der Welt entgegen gestreckt wird, dazu führen, dass die Schwangeren selbst nicht miteinander sprechen. Dass sie im Schwangerschaftsyoga wortlos und ohne Blickkontakt ihre Matten holen, ein, zwei Shanti singen und sich dann in möglicht entfernten Ecken der Umkleidekabine verstecken. Dass sie sich im Wartezimmer bei der Frauenärztin hinter der Gala wegducken und beim Klinikgucken hinter ihren Männern. Mein vermuteter Subtext zu diesen Situationen: „Ha! Ich lass mich von Deinem Bauch nicht blenden! Ich hab ja selbst einen vorne dran! Ich werde Dir auch nicht die ganze Aufmerksamkeit schenken, mit der Dich gerade alle anderen zuschütten. Du und ich, wir wissen: Schwangere sind auch nur normale Menschen. Und nur bedingt das Gute und Liebe per se. Denn sonst, liebe unbekannte Bauchschwester, könntest Du jetzt ja auch mal eben rüberlächeln. Pfff. Dann eben nicht. Ich guck auch nicht hin.“ Und so ziehen einander unbekannte Schwangere tagein tagaus mit erhobenen Nasen aneinander vorbei. Ich bin auch dabei. Illustration: katharina-bitzl

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