Schwanger!-Kolumne. Heute: Haareschneiden auf Vorrat

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Gestern war ich beim Friseur. Bei Florian, einem Freund von mir, der daheim in seinem Wohnzimmer privat auf einem Barhocker schneidet, meinen Kopf seit zwei Jahren, alle zweieinhalb Monate ungefähr. Ich gehe sehr gern zu Florian, weil er sehr gut kopfkraulen kann, sehr gute Musik hört und sehr angenehm smalltalken kann, geradezu perfekt, ohne Anstrengung, und ich kann das dann auch, mit ihm. Dazu kann er natürlich noch ausgezeichnet Haare schneiden. Florian und ich reden während so eines gewöhnlichen Haarschnitts erst über Musik, dann über große und kleine Konzerte, Ausflüge und Urlaubsreisen der letzten und nächsten Woche, dann wieder über Musik und am Ende meistens übers Kochen. Bevorzugt Fleischgerichte und Bratgefäße für sehr viele Gäste. Dann zupft Florian noch mal an meinen Nackenhärchen rum, schwingt professionell den Spiegel um meinen Hinterkopf und ich galant meine Hüften vom Barhocker. Bussibussi, superdanke, goodbye.

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Illustration: Julia Schubert

Illu: katharina-bitzl Seit ich schwanger bin, war ich genau drei Mal bei Florian. Das erste Mal war der Wurm noch ein winziger Zellhaufen und fast keiner wusste bescheid. Nur Florian, dem hab ich’s beim Deckhaar vorne rechts erzählt, einfach so, weil ich dachte, es passt. „Echt, ja krass, Du?!“ sagte Florian, der schwule Florian mit den wunderschönen Händen, der besser feiern kann als Deichkind, wie man sagt. Zumindest im Nachhinein bilde ich mir ein, schon damals ein bisschen Mitleid in seinem Blick durch den Spiegel erkannt zu haben. Beim zweiten Mal konnte man den Bauch schon gut erkennen. Florian war ein bisschen angespannt, weil er nicht wusste, ob ich mir noch selbst die Haare in seinem Waschbecken waschen kann. Oder ob ich es noch auf den Barhocker schaffe. War damals alles noch kein Problem. Viel schwieriger war die Sache mit dem Smalltalk. „Gehst Du noch auf Konzerte?“ fragte mich Florian und es klang so wie: „Hörst Du überhaupt noch Musik?“ Dann: „Kannst Du noch vereisen?“, „Darfst Du noch Fleisch essen?“, „Ist die Musik wirklich nicht zu laut?“ Ich wusste auf alle diese Fragen keine richtigen Antworten. Saß auf dem Barhocker und schwieg. Gestern war ich also wieder da. Mit Riesenbauch, der tatsächlich nicht mehr unters Waschbecken passte. Florian musste sehr lachen, aber das schlimme war, dass ihm das unangenehm war, das Lachen. Genauso wie der Barhocker, auf den ich erst nicht rauf und dann nicht mehr runter kam. Und der an sich riesige Umhängekittel, der beinahe nicht mehr um meine Ex-Taille passte. „Woakrass“ nuschelte Florian dazu zwei Mal peinlich berührt und das war dann auch so ziemlich das einzige, was er gestern sagte. Ansonsten: Konzentriertes Schneiden und Schweigen. Vertraute Verbindung: gekappt. Das schlimme ist: Florian ist nicht der einzige Mensch, mit dem ich in den letzten Wochen und Monaten nicht mehr so richtig zusammen finde. Sarah aus der Uni, die immer dasselbe Nachtprogramm hatte wie ich, jetzt ohne Alkohol im Hofpfister: „Ja dann, ich muss mal los, man sieht sich ... ähh vielleicht“ Uli aus dem Plattenladen bei mir am Eck, mit dem ich immer erst Mal vor der Tür eine geraucht habe: „Ach Du, ich versuch auch grad einzuschränken – und ich hab da noch ein Telefonat ...“ Und am traurigsten Katrin, die gute Freundin, mit der ich seit fast 20 Jahren mehr oder weniger nonstopp über Männer und Sex rede: „Ach, so’n Typ. Ist ja auch egal jetzt. Und? Was macht der Bauch?“ So wie’s ausschaut wird’s grad schwierig mit ein paar Beziehungen. Mit Freunden, die Kinder langweilig und uninteressant finden zum Beispiel, und Mütter berechtigterweise noch um vieles mehr. Mit Menschen, die das „Wunder der Natur“ doch noch nur als das sehen, was es eben auch ist: Dickwerden, daheim bleiben, schreiende Aufmerksamkeitsbombe unten rauspressen. Mit Leuten, die Spontanität und Entscheidungsfreiheit lebenswichtig und Abhängigkeiten eher beklemmend finden. Die fest davon überzeugt sind, dass ein Kind erst mal eher uninteressanter, weil vorhersehbarer und weniger flexibel macht. Mit Menschen, die ich sehr gern mag und durchaus verstehen kann! Aber bekomme ich bitte wenigstens eine Chance, es ein kleines bisschen anders zu machen, als das große Klischee in Euren Köpfen? Darf ich es denn wenigstens versuchen? Florian jedenfalls hat die Haare diesmal richtig kurz geschnitten. Denn [beim Abschied, schnippisch]: „Wer weiß, wann Du das nächste Mal Zeit hast, Dich um so was Banales, wie Deine Haare zu kümmern ...“ Lieber Florian, in exakt zweieinhalb Monaten stehe ich so was von auf der Matte bei Dir. Ah, Entschuldigung: Wir.

Text: linda-ende - Illu: Katharina Bitzl

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