Schwanger!-Kolumne: Und die Wehe kommt jetzt ...

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Vorstellungsrunden sind ja an sich schon eher peinlich, noch würdeloser werden sie allerdings, wenn die Betroffenen dabei strumpfsockert, mit dicken Kissenwürsten zwischen den Beinen in einem mit orangefarbenen Frotteematratzen ausgelegten Raum lümmeln und, aus dieser liegenden Position heraus, während sie sich genüsslich am dicken Ranzen kratzen, Dinge sagen wie: „Hallo, ich bin die Beate. Ich bin in der 32. Woche und bekomme mein Kind im Harlachinger Krankenhaus. Bisher hatte ich nur leichte Hämorriden an den Schamlippen, ansonsten läuft die Schwangerschaft prima. Ich wünsche mir von diesem Kurs, dass ich richtig Lust auf die Geburt bekomme und ein paar Mami-Bekanntschaften mache.“ Seit vorgestern weiß ich: Schwangeren-Yoga war Straßenfußball gegen das, was jetzt sechs Dienstage und einen Samstag mit Partner lang folgt: Geburtsvorbereitungskurs. Atmen, Pressen, Schieben – trocken, aber im Kollektiv. Die Schwangeren-Champions League. Außer Beate sind noch Steffi (wünscht sich ein lockeres Becken), Hannah (gestern einen Heultag ohne Grund), Brigitte (will lernen, sich zu trauen, laut zu schreien), Caro (Sodbrennen hat ihr Liebesleben zerstört), Sandra (Komplexe wegen sehr kleinem Bauch) und eben ich, Linda (Komplexe wegen sehr großem Bauch), im Kurs. Und Pamela, die Lehrerin, mit einem Arsenal an Beckenbodenmodellen aus Plastik, groß kopierten Vaginabildern, Geburtsillustrationen mit Farbverläufen, einer Harfe und einer Babypuppe mit einem kaputten Blinkerauge, die irgendwie traurig aussieht.

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Illustration: Julia Schubert

Es geht los mit Beckenbodenübungen, im Laufe der zwei Stunden auch „Zwinkern“, „Blümchenpflücken“, „Scheidenstibitzen“, „Vaginazwicken“ und „Upsen unten“ genannt. Kontrolliertes Zusammenziehen der Mumu auf Befehl und dann wieder locker lassen. Sieht lustig aus, so im Sitzkreis geübt. Sieht nämlich gar nicht aus. Sieben Frauen im Schneidersitz die gar nichts machen, nur ab und an „ups“, „schluck“ und „zu“ denken und sich dabei, mit weit aufgerissenen Augen, ein klitzekleines Millimeterchen weiter nach oben recken. Beate „kann da unten nicht differenzieren!“ und nimmt immer den Pomuskel mit dazu. Pamela rät: „Übenübenüben!“ Ansonsten lernen wir in dieser ersten Doppelstunde noch (Auszüge, beliebige Reihenfolge): - dass Frauen viel mehr Probleme mit Inkontinenz im Alter haben als Männer, weil sie wegen der Milch auf dem Herd immer so hektisch pinkeln und keine Zeitung mit aufs Klo nehmen. Pipirauspressen aber ist Gift für den Beckenboden! Männer machen es besser: sie lassen’s tröpfeln. - dass sich Dschungelfrauen mit ihrem wunderbar unverdorbenen Körpergefühl zum Gebären in einen Busch setzen und ihr Baby ganz allein und genüsslich auf ein Blätternest kacken. - dass Heublumendampfbäder in den Wochen vor der Geburt den Damm vordehnen. (Passend großes Gefäß in der Kloschüssel verkeilen, Heublumen rein, heißes Wasser drauf, auf die Brille setzen. Ganz tief mit der Vagina atmen. Vorsicht: „Nur verkeilen, nicht versenken – und auf keinen Fall reinsetzen!“) - Und am Ende der Doppelstunde dann endlich, die erste Wehe im Kollektiv. Pamela nimmt ihre Harfe, zum „Simulieren der Intensität“. Wir liegen auf dem Rücken, hochkonzentriert darauf, nun gleich eine Minute lang „Aaaaaauf“, „Ahhhhh“, „Liiiiiicht“, oder sogar „Allaaaaaaah“ in den Bauch nach unten zu denken beziehungsweise, noch besser, zu stöhnen. Die Harfe beginnt zu perlen, wir atmen ein, Pamela sagt sanft: „Und die Wehe kommt jetzt ...“ Alle atmen, keiner stöhnt. Noch nicht. Daheim, nach dem Kurs, bin ich unendlich weich. Im Beckenboden, im Bauch, im Hirn. Jetzt fängt sie an, die Babydemenz. Ich würde so gerne eine Runde um den Block sprinten. Auf ein Haus klettern, einen Baum ausreißen, ein Dosenbier stechen und einmal ganz laut „Arschfickereischeißegrrr“ grölen. Doch der Bauch zieht mich aufs Sofa. Das Baby streckt sich vergnügt. Okay, is ja gut, ich mach’s ja mit. Aber beim zweiten Kind muss eine Übungs-DVD reichen.

Text: linda-ende - Illu: Katharina Bitzl

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