Die Unerträglichkeit des Glücks

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Tom Stall (Viggo Mortensen) verteidigt Heim und Familie. Bild: Warner Der Film: „A History of Violence“ Das lernen wir: Je perfekter die Welt, desto tiefer der Abgrund Diese Geschichte zu erzählen wäre ganz leicht. Doch Regisseur David Cronenberg macht es sich absichtlich schwer. In „A History of Violence“ bedient er sich nie der vorgefertigten Spannungselemente, die wir alle aus unzähligen amerikanischen Thrillern kennen. Genau diese Unberechenbarkeit macht den Film so spannend. Schon in der ersten Szene spannt sich der Bogen bis fast zum Zerreißen: Zwei Männer checken aus einem Hotel aus, sie lassen sich unerträglich viel Zeit, in träger Müdigkeit bewegen sie sich unter der heißen Morgensonne, raffen sich nur mühsam auf zu dem kleinen Blutbad, das sie im Vorbeigehen anrichten, bevor sie weiterziehen. Szenenwechsel. Ein kleines Mädchen schreckt nachts weinend aus dem Schlaf auf, sofort versammeln sich Papa, Mama und der große Bruder sorgend um sein Bett und trösten es. Das Familienfrühstück am nächsten Morgen wirkt wie eine Werbesendung für die glückliche amerikanische Familie. Die kleine Blase, in der die Familie lebt, ist so mit Harmonie und Freundlichkeit gefüllt, dass sie jede Sekunde zu platzen droht. Vater Tom Stall (Viggo Mortensen) ist ein glücklicher Mann: tolle Kinder, schönes Haus, eine Frau, die ihn liebt und begehrt, ein eigenes Café. Solch ein Segen kann nicht lange halten, schon gar nicht im Kino. Die zwei Männer vom Beginn des Films tauchen wieder auf, dringen ein in die Kleinstadtidylle und bedrohen Tom und seine Mitarbeiter in seinem Café. Der groben und erbarmungslosen Gewalt kann die Harmonie nicht standhalten, sie hat ihr nichts engegenzusetzen. Dieser Art der Gewalt kann man nur mit Gewalt begegnen – und genau das macht Tom. Reflexartig setzt er sich zur Wehr, überwältigt und tötet die beiden Gangster in Sekundenschnelle mit ihren eigenen Waffen. Diese kurze Orgie der Gewalt wirkt wie ein Befreiungsschlag, ein kurzer Ausbruch aus der heilen Kleinstadtwelt voller Freundlichkeiten, die Tom mit seinem Gewaltakt retten will. Der Vorfall macht Tom zum Helden, von den Medien gefeiert. Er selbst will alles so schnell wie möglich vergessen und zur Normalität zurückkehren. Doch die Gewalt, einmal eingedrungen in die friedliche Kleinstadt, lässt sich nicht so schnell vertreiben. Einige Zeit später tauchen erneut zwielichtige Gestalten in Toms Diner auf und behaupten, Tom von früher zu kennen. Je länger diese Männer in der kleinen Stadt bleiben, desto mehr bricht die heile Welt der Stalls auf und heraus quellen Gefühle und Regungen, die die Familie bisher nicht kannte oder zumindest sehr tief verborgen gehalten hat. Das ist das Großartigste an David Cronenbergs Film: die kurzen Momente, in denen die Stimmung kippt. Wenn aus dem Familienvater für wenige Sekunden ein Killer, aus dem Sohn ein Schläger und aus der liebenden Frau eine Furie mit Gewehr werden. Das Idyll der Anfangsszenen ist auf immer zerstört, doch man kann ihm fast nicht nachtrauern, so unerträglich perfekt war es. Der Film „A History of Violence“ läuft seit Donnerstag im Kino.

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