Vater und Sohn in der freien Natur

Foto: Kinowelt Der Film: „L’enfant“ Das lernen wir: Ein Kind verändert dein Leben.
lisa-goldmann
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Illustration: Julia Schubert

Foto: Kinowelt Der Film: „L’enfant“ Das lernen wir: Ein Kind verändert dein Leben. „L’enfant“ ist einer der Filme, von denen man sich im Vorfeld viel verspricht: hochgelobt, die Goldene Palme in Cannes für die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die das Drehbuch schrieben und Regie führten. Man weiß also vorher schon, das hier ist ein guter Film, und wenn man ihn selbst nicht gut findet, versteht man wohl einfach nicht genug davon. „L’enfant“ lässt einen dann aber doch erst einmal relativ ratlos zurück. Es gibt keine Erklärungen, keine klassische Handlungsentwicklung. Ein naturalistischer Film: Die Kamera begleitet einfach die Figuren – oft in quälend langen Einstellungen – wie sie durch die trostlose Stadt laufen. Wie sie sich streiten, prügeln und mit Gaunereien und Diebstählen über Wasser halten. Im Mittelpunkt stehen die junge Sonia (Déborah François), der Gauner Bruno (Jérémie Rénier), der Anführer einer Kinderbande ist, und ihr gemeinsamer Sohn Jimmy. Sonia hat gerade entbunden, Bruno, das erwachsene Kind, das keine Verantwortung übernehmen kann und von Tag zu Tag lebt, holt sie nicht vom Krankenhaus ab. Sonias Sozialwohnung hat er einfach zwischenvermietet, während sie im Krankenhaus lag. Sonia ist sauer, lässt sich aber schnell wieder einwickeln von dem Kindskopf Bruno, schließlich hat sie sein Kind zur Welt gebracht und träumt von einer kleinen Familie. In ihrer unschuldigen Naivität und Unbeholfenheit entwickelt Sonia eine Sicherheit und Stärke in ihrer Mutterrolle, die zur treibenden Kraft ihrer Figur wird und sich am Ende auch gegen Bruno richtet. Der bekommt noch an dem Tag, an dem er seinen Sohn das erste Mal sieht, von einer Hehlerin den Hinweis, dass es auch für Babys lukrative Angebote gäbe von Menschen, die sich ein Kind wüschten, aber selbst keines bekommen könnten. Je länger der Film läuft, desto mehr erkennt man, dass der Naturalismus nur Kulisse ist. Die Brüder Dardenne liefern ein gut durchkomponiertes Werk ab und auf wirkliche Realitätsnähe, auf dokumentarischen Charakter, scheinen sie dann doch keinen Wert zu legen: Zu oft hat man das Gefühl, in dem Kinderkopf einen Puppenkopf zu erkennen (auch wenn die Regisseure sagen, sie hätten fast alle Szenen mit echten Baby gedreht). Den neuen Kinderwagen, den Bruno kauft, kann er sich von seinem bei Diebstählen erbeuteten Geld (der Zuschauer kann das genau nachrechnen) eigentlich nicht leisten. Und der Plastikbecher, der eben erst aus dem Kaffeeautomaten gekommen ist, ist in der nächsten Einstellung leer, der Schauspieler führt ihn zum Mund, ohne zu trinken. Außerdem mogelt sich die klassische Erzählstruktur doch noch ein und man kann eine Entwicklung des Helden erkennen. „L’enfant“ ist somit auch die Geschichte eines Menschen, der am Scheideweg steht. Der Mensch in diesem Film schlägt – zumindest vorerst – den richtigen Weg ein und ändert sich. Immerhin ist er ja jetzt Vater. Der Film „L’enfant“ (95 Minuten) läuft seit Donnerstag im Kino.

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