Wir müssen reden, reden, reden

Foto: Joachim Gern / Film 1 Der Film: „Keine Lieder über Liebe“ Was wir lernen: Es gibt immer was zu reden Als die Produktionsfirma des Films „Keine Lieder über Liebe“ zum ersten Mal bei der Hamburger Plattenfirma Grand Hotel Van Cleef anrief, waren die Angerufenen so sicher, es handele sich um einen Scherz („Wir brauchen eine Band für einen Film mit Jürgen Vogel, Heike Makatsch und Florian Lukas“), dass sie sofort wieder auflegten.
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Illustration: Julia Schubert

Foto: Joachim Gern / Film 1 Der Film: „Keine Lieder über Liebe“ Was wir lernen: Es gibt immer was zu reden Als die Produktionsfirma des Films „Keine Lieder über Liebe“ zum ersten Mal bei der Hamburger Plattenfirma Grand Hotel Van Cleef anrief, waren die Angerufenen so sicher, es handele sich um einen Scherz („Wir brauchen eine Band für einen Film mit Jürgen Vogel, Heike Makatsch und Florian Lukas“), dass sie sofort wieder auflegten. So geht zumindest die Legende. Nach einigen weiteren Anrufen war dann jedoch alles geglaubt und klar – und es ging los mit diesem Film, der sich auf mehrere Arten von fast allem unterscheidet, was man heutzutage so im Lichtspielhause schauen darf. Der Film arbeitet mit einem Fake-Doku-Film-im-Film-Effekt, so eine Art „Blairwitch Project“ in Indiehausen, und weil das vielleicht nicht sofort zu verstehen ist, kurz die Geschichte: Jürgen Vogel spielt in dem Film nicht den Sänger einer mittelerfolgreichen Gitarrenband – er wird es. Zusammen mit Musikern von Kettcar, Tomte und Der Hund Marie ging er in den Proberaum, lernte Lieder und tingelte durch kleine Clubs im Norden Deutschlands. Angemaule bei der Probe und Durchfall vor dem ersten Auftritt inklusive. Dazu: Eine verkorkste Liebesgeschichte ohne Drehbuch. Denn Markus Hansen (Jürgen Vogel) hat einen Bruder namens Tobias (gespielt von Florian Lukas). Dieser will einen Film über die Band seines Bruders drehen – aber es geht ihm nicht nur um die Musik: Er fürchtet auch, dass seine Freundin Ellen (Heike Makatsch) ein Jahr zuvor einen One-Night-Stand mit Markus gehabt haben könnte. Denn irgendwie ist seit einem gemeinsamen Besuch bei Markus ist in der Liebesbeziehung von Ellen und Tobias nichts mehr wie früher. Regisseur Lars Kraume hat das Trio Picante mit dieser Grundgeschichte und bekannten Voraussetzungen – aber ohne Drehbuch – auf eine vierwöchige Tour geschickt. Gucken, was passiert und die Digital-Kamera draufhalten. Zwischen speckigem Bandbus, verqualmtem Backstageraum und tristen Hotelzimmern schaukelt sich die Dreiecksgeschichte immer weiter hoch, während parallel dazu die Hamburger Backingband gelassen maulfaul ihre Verstärker schleppt. Die vielleicht beste, in jedem Fall sehr bezeichnende, Szene: Als Jürgen Vogel nach einem dramatischen Streit mit Heike Makatsch auf der verschneiten Straße in den geparkten Tourbus zurückkehrt, herrscht betretenes Schweigen, nur Wiebusch überwindet sich und nuschelt so etwas wie : „Jo … War wegen Eurer Affäre, oder was?“ Man merkt „Keine Lieder über Liebe“ an, dass die Dreharbeiten keine einzige große Party waren, sondern extrem kräftezehrend für alle Beteiligten. Die sich nicht mit einem herkömmlichen Roadmovie nach Fahrplan oder einer deutschen Komödie „mitten aus dem Leben“ zufrieden gaben, sondern eine andere, freiere Art des Filmemachens wagen wollten. Herausgekommen ist ein angenehm unperfekter Film, der oft eben genauso ist wie ein Krisengespräch in einer Beziehung: Quälend, manchmal auf der Stelle tretend und enervierend – aber wichtig. Der Film „Keine Lieder über Liebe“ (98 Minuten) läuft seit Donnerstag im Kino. Die CD der Hansen Band ist ebenfalls diese Woche erschienen. Ein Interview mit Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch über die Dreharbeiten zum Film, ist auf der jetzt.de Zeitungsseite zu lesen.

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