"Making a Murderer": Brendan Dassey soll freigelassen werden

Das wirft die Frage auf: Wie viel Macht haben Serien?
Von Christian Helten

Spoiler-Alert: Wenn du die Serie noch nicht gesehen hast und dir die Spannung erhalten willst, solltest du dir überlegen, ob du weiterliest. Denn dieser Text geht auf die Handlung der Serie „Making a Murderer“ ein.

Update (18.11.2016): Die Freilassung Brendan Dasseys ist wieder gestoppt. Nachdem am Montag ein Richter angeordnet hatte, ihn freizulassen (siehe unten), teilte am Donnerstag der Generalstaatsanwalt von Wisconsin mit, dass diese Anordnung wieder ausgesetzt sei.

Foto: AP / Morry Gash

Wer Making a Murderer gesehen hat, wird aufatmen ob dieser Meldung: Brendan Dassey soll freigelassen werden. So hat es ein Richter in Wisconsin in den USA entschieden. 

Aufatmen muss man, weil man wohl selten ein so bemitleidenswertes Menschlein in einer Serie gesehen hat – noch dazu in einer Doku-Serie, die nicht fiktiv ist, sondern real. Brendan taucht in der Netflix-Serie „Making A Murderer“, die weltweit Aufsehen erregt hat, als Co-Angeklagter seines Onkels Steven Avery auf. Er soll ihm, so die Anklage und das spätere Urteil, bei dem Mord an der Fotografin Teresa Halbach geholfen haben.

Zu der Zeit des Prozesses, der in der Serie nacherzählt wird, ist Brendan ein 16-jähriger Außenseiter-Junge, der einen sehr niedrigen IQ hat (um die 70, als durchschnittlich gelten Werte zwischen 85 und 115) und ein offensichtlich mindestens ebenso niedriges Selbstbewusstsein. Man sieht ihn hilflos im Gerichtssaal, verfolgt fassungslos das Verhör, in dem er ein Geständnis ablegt. Es bringt einen – wie viele andere Szenen in der Serie – als Zuschauer fast dazu, den Fernseher anzuschreien, weil die Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten so absurd sind:

Die Ermittler ziehen ihm jedes Teilgeständnis aus der Nase, mit falschen Versprechen, ohne Anwesenheit eines Erwachsenen oder gar eines Anwalts. Es ist jederzeit klar, dass dieser Junge gerade alles sagen würde, um dieser unangenehmen Situation zu entfliehen – und dass er keine Ahnung hat, welche Konsequenzen ihm deshalb drohen. Trotzdem wird seine Aussage einer der wichtigsten Beweise in dem Prozess gegen seinen Onkel und ihn. Das Urteil fiel 2007, es lautete, trotz aller Zweifel: lebenslänglich. Brendan Dassey ging als Teenager ins Gefängnis. Heute ist er 27 und darf hoffen, an Thanksgiving, also am 24. November, wieder auf freiem Fuß zu sein.

Denn schon im Sommer hatte das Gericht in Wisconsin heftige Kritik an den damaligen Ermittlungen geübt. Die Befragung sei so nicht rechtens gewesen, dem Jungen seien falsche Versprechen gemacht worden und sein Anwalt habe ihm nicht geholfen, sondern ihn zu diesem unfreiwilligen – und damit unrechtmäßigen – Geständnis bewegt. Deshalb entschied der Richter im Sommer, dass Dassey freigelassen werden müsse, wenn ihn die Staatsanwaltschaft nicht innerhalb von 90 Tagen neu anklagen würde. Das ist nicht geschehen, und die Frist ist jetzt verstrichen.

Jetzt muss Dassey dem Gericht darlegen, wo er nach seiner Entlassung wohnen wird, außerdem muss er dann Auflagen erfüllen – er darf zum Beispiel keinen Kontakt zu seinem Onkel Steven Avery oder einem Mitglied der Familie des Mordopfers aufnehmen. Averys Berufungsverfahren läuft noch, auch er war zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Schon der Podcast „Serial“ hatte bewirkt, dass ein Mordfall neu aufgerollt wurde

Der Fall bleibt also spannend. Erstens, weil Netflix schon eine zweite Staffel von „Making a Murderer“ angekündigt hat. Und zweitens, weil die neuesten Ereignisse die Frage aufwerfen, wie viel Macht Serien eigentlich haben. Ob und in welchem Ausmaß eine Netflix-Produktion wie „Making a Murderer“ dazu beiträgt, wie ein Gerichtsverfahren verläuft und ausgeht. Nach der Ausstrahlung von „Making a Murderer“ gab es Petitionen, mehr als 120.000 Menschen forderten das Weiße Haus auf, Avery und Dassey zu begnadigen. Die Beamten und Ankläger, die in „Making a Murderer“ so schlecht wegkamen, sahen sich massiver Kritik und vielen Anfeindungen ausgesetzt. Sie und andere Kritiker behaupten allerdings, die Serie habe das Geschehen einseitig dargestellt.

Schon der Podcast „Serial“ hatte bewirkt, dass ein Mordfall neu aufgerollt worden war. Nachdem länger als zehn Jahre alle Anträge auf eine Wiederaufnahme des Mordverfahrens gegen den verurteilten Adnan Syed ins Leere gelaufen waren, wurde sein Fall Anfang 2016 wieder vor Gericht verhandelt – nur ein Jahr, nachdem der Podcast mehr als 60 Millionen Mal heruntergeladen worden war.

Im Fall Brendan Dasseys war relativ klar, dass ein Berufungsverfahren folgen würde, mit oder ohne Serie. Aber die große Aufmerksamkeit verhalf Brendan zu einem besseren Anwalt, als er ihn sich als 0815-Verurteilter je hätte leisten können. Sie sorgte dafür, dass jetzt weltweit Medien genau hinsehen und berichten, wie die Fälle Avery und Dassey ausgehen. Sie führte dazu, dass in mehreren US-Bundesstaaten über Gesetze diskutiert wurde und wird, die verhindern sollen, dass Minderjährige verhört werden dürfen, ohne dass ihr Anwalt oder ein Elternteil anwesend ist.

Große mediale Aufmerksamkeit hat also Auswirkungen auf das Geschehen – und Fans der Netflix-Serie atmen nach der Ankündigung von Brendan Dasseys Freilassung auf. Genau deshalb ist es aber wichtig, sich nach dem Aufatmen noch mal vor Augen zu führen, warum man gerade aufgeatmet hat: weil die Serie einen emotional berührt hat. Mit dem, was sie einem gezeigt hat – vielleicht aber auch mit dem, was sie nicht gezeigt hat. Als Zuschauer weiß man das leider nicht. Netflix ist immer noch ein Unternehmen, das möglichst viele Menschen fesseln und zu einem Abo überreden möchte – und nicht in erster Linie für Gerechtigkeit sorgen will. Das sollte man nicht vergessen – auch wenn im Fall Brendan Dassey vieles darauf hindeutet, dass mit „Making a Murderer“ beides gelungen ist.

 

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