Der ewige Kreislauf des Serienguckens

Noch eine! Über unser Verhältnis zu TV-Serien.
Von Nadja Schlüter

1. Der Erstkontakt

Unfassbar, aber: Du liest abends ein Buch. Oder schaust diese alte Sitcom an, die du eigentlich schon auswendig kannst. Manchmal sitzt du sogar einfach nur da und denkst nach! Eigentlich ganz entspannt. Die letzte Zeit mit „Game of Thrones“ oder „Mad Men“ oder was auch immer war nämlich manchmal auch ein bisschen stressig. Da dranzubleiben und so, nichts zu verpassen, und sich am Ende dran zu gewöhnen, dass es jetzt vorbei ist. Aber dann kommt dein bester Freund zum Biertrinken vorbei und schwärmt von dieser einen Serie, „You’re the Worst“ oder „Orange is the New Black“ oder was auch immer – in jedem Fall ist er extrem begeistert. „Klingt ganz spannend“, denkst du und sagst den Satz, den Seriengucker immer sagen, wenn sie von einer Serie hören, die sie noch nicht kennen: „Muss ich vielleicht mal anschauen!“

2. Die Vorbereitung

Es kommt der Abend, da das Buch ausgelesen ist, die alte Sitcom dich nervt oder das Denken viel zu anstrengend ist. Und dann googelst du halt mal die Serie, von der dein Freund geschwärmt hat. Du liest ein bisschen was drüber, meidest Artikel mit Spoiler-Warnung, schaust einen Trailer und zehn lustige Gifs an. Du streckst deine Fühler aus, tastest dich ran, und fängst langsam an, dich wirklich dafür zu interessieren. Aus dem, was du über die Serie erfahren hast, destillierst du eine bestimmte Vorstellung davon: Welche Gefühle sie bei dir auslösen wird, wie sich das Gespanntsein und Mitleiden mit den Figuren anfühlen wird, wie du dich an sie gewöhnen und sie liebgewinnen wirst. Du kennst das ja schon, von anderen Serien. Kurz gesagt: Du kriegst wieder Lust darauf. Und informierst dich, wie du an diese Serie rankommst. Vielleicht doch mal ein Sky-Abo abschließen? Oder wie hieß noch mal dieses Programm, das man runterladen muss, um amerikanisches Netflix gucken zu können?  

Illustration: Katharina Bitzl

3. Das Fremdeln

 

Los geht’s! Aufs Sofa setzen, „Play“ klicken und zum ersten Mal die Opening Credits anschauen. Der Vorspann kriegt dich sofort, du magst die Musik und die Stimmung und wirst ein bisschen euphorisch, weil das hier der Anfang einer neuen großen Liebe sein könnte. Juhu! Aber dann: tiefer Fall. Noch während der ersten Folge laufen dir mindestens drei Mal deine Gedanken weg und du verpasst irgendeinen Dialog. Den du sowieso nur zu Hälfte verstanden hättest. Der Slang ist so krude. Und auch alles andere verwirrt dich total. So viele Figuren! Wer ist das da eigentlich? Der Typ, der vor zehn Minuten jemanden ganz fies auf der Straße verprügelt hat, und jetzt trägt er einen Anzug und sitzt brav im Büro? Oder ist das jemand anders? Und worum geht’s hier eigentlich? Du hattest doch was von Drogen/Gefängnis/Familiengeschichte/Dating-Problemen gelesen, gerade verstehst du aber nur Bahnhof/Bahnhof/Bahnhof/Bahnhof. Und deswegen stehst du jetzt am Scheideweg. Falls draußen grade Sommer ist und jemand mit dir ein Eis essen gehen will oder du dringend mal deinen Urlaub in Barcelona planen musst, kommt es wahrscheinlich zum frühzeitigen Exit: Du brichst die Serie ab – und musst dich im Gespräch mit deinem besten Freund dafür rechtfertigen. Aber falls draußen Winter ist und alles voller Eis, du Liebeskummer hast oder einfach zu träge bist, vom Sofa aufzustehen, aber noch nicht müde genug fürs Bett, schaust du weiter.

 

 

4. Das Cocooning

 

Anscheinend wollte niemand mit dir Eis essen. Du hast durchgehalten und der Serie eine Chance gegeben. Und siehe da: Nach drei Folgen seid ihr warm miteinander. Du hast verstanden, dass der fiese Schläger- und der brave Bürotyp zwei verschiedene Figuren sind (die sich nicht mal ähnlich sehen und auch sonst gar nix gemeinsam haben – du fragst dich, wie du die jemals verwechseln konntest), worum es eigentlich geht (der Bürotyp ist gar nicht brav und hat Dreck am Stecken, der Schläger ist zwar echt fies, aber wenigstens ehrlich, und beide sind in eine größere Sache verwickelt, die ein Detective aufklären muss) und wovon dein Freund so geschwärmt hat (diese dreckige Großstadtatmosphäre! Der Ghetto-Slang! Diese ewig langen Autofahrten durch die abgerissenen Vororte!). Die Serie wird ein fester Begleiter deiner Abende. Manchmal freust du dich morgens schon drauf, abends weiter zu schauen. Die Geschichte plätschert dahin und du mit ihr und das Beste ist: Es sind immer noch sehr, sehr viele Folgen übrig. Das bedeutet, dass du dich in den nächsten Wochen mit der Serie ganz arg daheim einkuscheln kannst. Und was anderes willst du auch gar nicht, weil sich das nämlich ziemlich gut anfühlt. Gib’s zu: Du bist verknallt!

 

5. Das Finale

 

Gerade war da noch dieser riesige Bottich voller Folgen, aus dem du Abend für Abend geschöpft hast. Und jetzt kannst du auf einmal fast bis auf den Boden schauen. Da sind nämlich nicht mehr viele Episoden übrig. Als dir das bewusst wird, wirst du leicht panisch. Was tun? Einerseits willst du das Ganze jetzt rauszögern wie – Achtung, Sex-Vergleich! – einen Orgasmus. Dir die Folgen einteilen, Möglichst lang genießen. Denn du hast die Figuren liebgewonnen und möchtest am liebsten für immer abends aus deinem eigenen Leben aussteigen und ihnen dabei zuschauen, wie sie ihres meistern, das natürlich viel spannender ist als deins. Andererseits willst du jetzt auch dringend wissen, wie die Geschichte ausgeht. Die letzte Staffel der Serie anschauen ist wie – Achtung, Snack-Vergleich! – Chips essen: Wenn die Tüte ein mal angebrochen ist, musst du sie einfach leer essen, weil jede Handvoll diesen komischen Geschmack im Mund hinterlässt, den du nur mit der nächsten Handvoll wieder loswirst. Am Ende rutschst du völlig ab: Binge-Watching die ganze Nacht, bis irgendwer tot und alles vorbei und draußen vorm Fenster der Morgen ist.  

 

 

6. Das Ausschleichen

 

Entzugserscheinungen! Du bist traurig, dass es die gerade geschaute Serie nicht mehr in deinem Leben gibt. Dass es die Figuren, nein, die Menschen aus dieser Serie nicht mehr in deinem Leben gibt. Du bist verlassen worden und weißt: Du musst dich jetzt entwöhnen. Erster Schritt und eine Art Methadon: Allen deinen Freunden total begeistert von der Serie erzählen. Diese dreckige Großstadtatmosphäre! Der Ghetto-Slang! Diese ewig langen Autofahrten durch die abgerissenen Vororte! Beim einen oder anderen sorgst du so für den Erstkontakt, der ihn oder sie in ein paar Wochen genau dahin führen wird, wo du gerade bist. Davon merkst du aber nichts, du bist schon zu beschäftigt mit dem zweiten Ausschleich-Schritt: Du liest alle Rezensionen, die du finden kannst. Im dritten Schritt – und jetzt wird es langsam würdelos – informierst du dich über den Cast, liest nach, was die Schauspieler heute so machen und folgst ihnen auf Instagram. Das ist zwar ziemlich albern, aber funktioniert gut: Wenn du siehst, dass X im echten Leben eine viel fadere Frisur hat und Y komische Fitnessvideos dreht, führt dich das aus der aufregenden, fiktiven Welt der Serie zurück in die banale Realität. Du und die Serie, ihr hattet eine gute Zeit, aber die ist jetzt eben vorbei. Du nimmst dir ein Buch aus dem Regal. Und verabredest dich für kommende Woche mit deinem besten Freund zum Biertrinken.

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