Checkt man den Hype um Twin Peaks, wenn man das Original nicht kennt?

Ein Selbstversuch.
Von Victor Redman
twin peaks mit priska 1

Priska, Jahrgang 1993, hat mit unserem Autor, bekennedem Twin-Peaks-Fan, die Serie angeschaut.

Foto: Victor Redman

„I'll see you again in 25 years“, prophezeite die gequälte Schönheit Laura Palmer (Sheryl Lee) 1991 im Finale der zweiten Staffel von „Twin Peaks“. Es war das vorläufige Ende der Kultserie von David Lynch und Mark Frost. Doch am Ende sollte Laura Recht behalten: Seit dem 21. Mai 2017 wird „Twin Peaks“ in den USA tatsächlich fortgesetzt, seit Donnerstag ist die Serie auf Sky auch in Deutschland zu sehen. Die neuen Folgen spielen zeitlich 25 Jahre später, knüpfen aber inhaltlich genau da an, wo die zweite Staffel endete. Auch Jahre nach dem erschütternden Mord an Stadtschönheit Laura hält die fiktive Kleinstadt immer noch zahllose Skurrilitäten und Schrecken für FBI-Ermittler Dale Cooper (Kyle McLachlan) bereit. 

Eine komplexe, oft auch verwirrende Geschichte wie die von „Twin Peaks“ nach über zwei Jahrzehnten weiter zu erzählen, als wäre nichts gewesen, ist mutig. Doch das Vertrauen in die Fan-Gemeinde scheint sich bezahlt zu machen: Der amerikanische „Twin Peaks“-Sender Showtime verzeichnete am Wochenende der Premiere eine Rekordzahl an neuen Abonnenten.

Aber wie stellt die Kult-Serie sich für jemanden dar, der sie nie gesehen und den Hype nicht miterlebt hat? Kann „Twin Peaks“ auch heute überzeugen? Um das herauszufinden, lade ich Priska ein, mit mir die ersten Folgen der Lynch-Serie anzusehen. Priska, Jahrgang 1993, studiert Sozialpädagogik und liebt Serien. Das düstere „Twin Peaks“ ist bisher an ihr vorbei gegangen.

Zunächst möchte sie natürlich wissen, worum es denn eigentlich geht. Schon diese Frage stellt mich vor unerwartete Probleme. Wie erklärt man eine Serie, die sich Genre-Konventionen bewusst verweigert, die Psycho-Thriller, Seifenoper und Mystery-Serie zugleich ist? „Anfangs geht es um eine junge Frau, die ermordet wurde“, versuche ich es. „Ein FBI-Agent kommt in die Stadt, um in dem Fall zu ermitteln, und... dann wird alles sehr schnell sehr seltsam“. Dass FBI-Ermittler Cooper schon bald von Visionen heimgesucht wird, in denen ein Zwerg und ein Riese auftauchen, und dass alle Bewohner von Twin Peaks völlig irre sind, soll Priska selbst entdecken.

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Priska, Jahrgang 1993, hat mit unserem Autor, bekennedem Twin-Peaks-Fan, die Serie angeschaut.

Foto: Victor Redman

Wir beginnen mit der Pilotfolge, in der Homecoming Queen Laura tot aufgefunden wird – eingewickelt in Plastik und blau angelaufen. Als Hilfssheriff Andy (Harry Goaz) die Leiche zu Gesicht bekommt, beginnt er lautstark zu schluchzen. Die Musik schwillt an. Es ist eine dieser Szenen, die in die Fernsehgeschichte eingegangen sind. Priska ahnt das nicht. Sie ist neben mir am grinsen.

„Das ist schon ziemlich over the top“, meint sie. „Ich glaube, das würde heute so nicht mehr funktionieren.“ Es gibt noch einige dieser Momente, die sie kurz aus der Handlung reißen. Als Lauras Vater Leland (Ray Wise) sich bei der Beerdigung seiner Tochter weinend auf den Sarg wirft, der daraufhin unkontrolliert auf- und abfährt, schaut Priska irritiert zu mir herüber: „Was soll das denn?“ Ich kann zur Antwort nur mit den Schultern zucken. Bei David Lynch ist oft nicht ganz klar, was er eigentlich bezweckt.

„Das ist alles sehr speziell, aber wer der Mörder ist, will ich jetzt schon wissen“

Wenigstens FBI-Agent Cooper kann Priska auf ganzer Linie überzeugen. Als der ernste, stoische Ermittler plötzlich innehält, um zu erfragen, wie denn die Bäume in der Umgebung heißen, lacht sie laut auf. An dieser Stelle dürfte das von Lynch auch wohl so gedacht gewesen sein. Trotz einiger Irritationen fällt Priskas Urteil nach der ersten Folge sehr positiv aus: „Wenn ich das jetzt zufällig eingeschaltet hätte, würde ich auf jeden Fall auch weiter gucken wollen“, sagt sie. „Das ist alles sehr speziell, aber wer der Mörder ist, will ich jetzt schon wissen.“

Wer die Stadtschönheit getötet hat, verraten die folgenden Episoden natürlich noch nicht. Dafür bringt Cooper in Erfahrung, dass Laura ihren zwielichtigen Freund Bobby (Dana Ashbrook) mit Biker James (James Marshall) betrogen hat und einen Hang zum Kokain hatte. „So happy war sie anscheinend doch nicht“, stellt Priska fest. Sie ist jetzt wie gebannt. Ich kann förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitet – aber noch haben wir zu wenige Puzzleteile, um das Gesamtbild erkennen zu können. Was wir haben, macht aber Lust auf mehr. „Das ist schon echt gut gemacht“, meint Priska, während die nächste Folge über den Bildschirm flimmert. „Am Anfang war Laura halt nur 'ne tote Frau für mich, wie ein Opfer wie aus einer Folge 'CSI: Miami' oder so. Jetzt will ich langsam wirklich wissen, was da passiert ist; was diese Frau erlebt hat.“

Die Log-Lady (Catherine E. Coulson), die glaubt, dass der Holzscheit, den sie stets spazieren trägt, etwas über Lauras Tod weiß, kann Priska nicht mehr überraschen. Sie ist drin in der Welt von „Twin Peaks“, in der das Skurrile von allen als normal hingenommen wird. An die „speziellen Charaktere“, wie sie sie liebevoll nennt, hat Priska sich schnell gewöhnt. Der linkische Polizist Andy, den sie noch in der ersten Folge deplatziert fand, ist ihr inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Wann immer er auftaucht, hat sie was zu lachen. Mittlerweile fragt sie sich gar nicht mehr, ob das so gedacht ist oder nicht.

Wir erreichen eine weitere berühmte Szene: Lauras trauernde Mutter (Grace Zabrieski) glaubt, einen langhaarigen Mann hinterm Bett ihrer Tochter knien zu sehen und beginnt daraufhin, das Haus zusammenzuschreien. Ein weiteres Mal schwillt die Musik dröhnend an. Priska weiß es nicht, aber sie hat gerade Bob (Frank Silva) kennen gelernt, der noch eine wesentliche Rolle in der Geschichte spielen wird. In den Neunzigern sorgte diese kurze Sequenz bei Zuschauern für schlaflose Nächte. Das kann Priska heute nicht mehr ganz nachvollziehen. Klar, Bob sieht irgendwie gruselig aus, aber in ihren aktuellen Lieblingsserien würde eine solche Szene länger laufen und durch passende Effekte ergänzt, meint Priska. Hier zeigt die Kult-Serie ihr Alter. „Eigentlich fand ich das jetzt überhaupt nicht so weird“, lautet Priskas Fazit. „Ich glaube, Lauras Mutter ist einfach 'n bisschen verrückt, oder?“

 

Etwas baff bin ich schon, dass die Schlüssel-szene bei Priska gar nicht gezündet hat

 

Ich lasse sie in dem Glauben; schließlich will ich nichts spoilern. Etwas baff bin ich aber schon, dass diese Schlüsselszene bei Priska so gar nicht gezündet hat. Gut unterhalten fühlt sie sich aber trotzdem.

 

Kann sie den Hype um die Rückkehr von „Twin Peaks“ nachvollziehen? „Mit dem Hintergrundwissen, dass das Anfang der Neunziger kam, kann ich schon verstehen, dass es damals 'nen Hype hatte“, meint sie. „Das war da wahrscheinlich 'ne ganze neue Art Serie. Du siehst die Leiche; du siehst wie sie in die Gerichtsmedizin kommt; du erlebst lange die Reaktionen auf den Mord – du bist da ganz nah dran. Das wirkt dann schon authentisch, auch wenn die Charaktere so überzogen sind.“

 

Heute, meint Priska, würde „Twin Peaks“ diesen Erfolg wohl nicht mehr haben. Damit liegt sich vermutlich auch richtig. Das Fernsehen hat sich – auch dank „Twin Peaks“ –  in den letzten zwei Jahrzehnten einfach zu stark weiterentwickelt. Vieles, was Zuschauer in den frühen Neunzigern überraschte, schockierte oder gar verstörte, wird in anderen Serien inzwischen schon viel drastischer dargestellt. Dennoch hat es Priska jetzt gepackt: Während ich mich den ersten Folgen der brandneuen dritten Staffel  zuwende und auf eine gelungene Fortsetzung hoffe, schaut Priska die ersten beiden Staffeln weiter. Wer der Mörder von Laura Palmer ist, will sie nämlich nach wie vor wissen. „Twin Peaks“ funktioniert also immer noch, auch ganz abseits des Hypes. It is happening again.

 

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