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Bild: dpa/Monika Skolimowska

Natürlich wurde es sehr schnell laut in den amerikanischen Medien: Das Center for Disease Control (CDC), eine Unterorganisation des amerikanischen Gesundheitsministeriums, hat eine neue Richtlinie zum Alkoholkonsum herausgegeben und empfiehlt darin Frauen im gebärfähigen Alter, ganz auf Alkohol zu verzichten, wenn sie nicht aktiv verhüten. 

Die Reaktionen auf diese Empfehlung waren – vor allem in amerikanischen Medien – eindeutig und heftig: Was erlauben die sich eigentlich? Wie bescheuert ist diese Ansage und was bedeutet das schon wieder für uns Frauen? Werden wir damit nicht wieder nur auf unsere Funktion als Gebärmaschinen reduziert? Und warum muss über den weiblichen Körper anscheinend von so vielen Menschen entschieden werden, die nicht selbst darin stecken? Und überhaupt: Wie unrealistisch, puritanisch und weltfremd ist denn bitte diese Empfehlung, dass alle weiblichen Wesen zwischen ihrem zwölften und 48. Lebensjahr abstinent leben sollen?

Diese Aufregung ist absolut nachvollziehbar. Möglicherweise ist sie sogar wichtig. Schließlich sind Frauen es seit Anbeginn der Zeit gewohnt, dass über ihren Körper gesprochen wird, als seien sie nicht im Stande, selbst für sich zu sorgen. Und ganz besonders gerne mischen sich die Menschen – egal, ob militante Abtreibungsgegner, besorgte Bürger oder die Kirche – dann ein, wenn es um das Thema Gebärfähigkeit geht. Auch das hier sollte deshalb ursprünglich ein Rant auf das CDC und seine entmündigende Empfehlung werden.

Ging aber nicht. Denn die Aufregung ist in diesem Fall nicht angebracht. Die Empfehlung des CDC sind absolut nachvollziehbar:

Alkohol ist ein Zellgift und verantwortlich für eine hohe Zahl an vorgeburtlichen Defekten: Jedes Jahr kommen in Deutschland ungefähr 10.000 Kinder zur Welt, die eine Schädigung im FASD-Spektrum haben. Das entspricht einem Prozent der Neugeborenen – und ist damit die häufigste nicht-genetisch bedingte vorgeburtliche Schädigung bei Säuglingen.

FASD ist keine eigene Krankheit, sondern umfasst Schädigungen von Kindern, die durch Alkoholkonsum in der Schwangerschaft verursacht wurden. Das sind unter anderem: Das Fetale Alkohol-Syndrom (FAS), alkoholbedingte neurologische Entwicklungsstörungen (ARND) und alkoholbedingte Geburtsfehler (ARBD).

FAS-Kinder sind in der Regel körperlich unterentwickelt, haben einen kleinen Kopf, können Hirnanomalien und Organ-Schäden haben. Sie haben eine schlechte Augen-Hand-Koordination und häufig einen auffälligen Gang. Sie sind lernbehindert, können sich schlecht konzentrieren, haben eine geringe Impulskontrolle und können sich schlecht in sozialen Situationen verhalten.  

Die Schäden sind irreversibel – und komplett vermeidbar

Das Problem ist: Es gibt keine medizinisch gesicherte Menge Alkohol, die man ohne Bedenken in einer Schwangerschaft trinken könnte. Genauso wenig gibt es eine Zeit im Laufe einer Schwangerschaft, in der Alkohol weniger schädlich wäre. Der Embryo und vor allem sein Gehirn entwickelt sich über die gesamten 40 Wochen einer Schwangerschaft.

Gleichzeitig gibt es laut Forschung Fälle von Kindern mit einer Schädigung im FASD-Spektrum, deren Mütter glaubhaft versichern konnten, dass sie nur sehr wenig Alkohol im Verlauf ihrer Schwangerschaft getrunken haben. FAS ist demnach also kein Problem, das nur starke Trinkerinnen betrifft. Und all diese Schädigungen sind einerseits irreversibel und andererseits zu hundert Prozent vermeidbar.

Und damit kommen wir zu der Empfehlung des CDC: Natürlich ist es relativ unrealistisch, von allen Frauen im gebärfähigen Alter zu verlangen, ganz auf Alkohol zu verzichten, solange sie nicht verhüten. Aber wenn, wie das CDC in seinem Leitfaden sagt, die Hälfte aller Schwangerschaften in den USA ungeplant sind, dann ist es durchaus sinnvoll, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, welche gravierenden Schäden Alkoholkonsum für ein ungeborenes Kind haben können.

Ob sich daran alle Frauen halten werden? Unwahrscheinlich.

Die Empfehlungen ist damit kein Affront gegen Frauen an sich. Auch, wenn es sich auf den ersten Blick vielleicht so anfühlen mag. Sie ist eine einleuchtende Maßnahme, komplett vermeidbare Schädigungen zu verhindern und das Wissen über FASD-Krankheiten und ihre Ursache in der Gesellschaft zu verbreiten. Wie und ob man sich an diese Empfehlung hält, bleibt jeder Frau selbst überlassen – und  ist schlicht eine Frage der Risiko-Abwägung.

Übrigens: so amerikanisch-puritanisch ist die Empfehlung gar nicht, denn auch in Deutschland empfehlen Fachleute, auf Alkohol ganz zu verzichten, wenn man schwanger werden möchte, aber auch wenn man schwanger werden könnte – wenn man also in gebärfähigem Alter ist und nicht verhütet.