„Das Thema ist sehr tabuisiert und mit Scham behaftet“

Junge Geflüchtete sind besonders gefährdet, in die Sexarbeit zu geraten. Die Streetworkerin Silvia Rupp kümmert sich um sie.
Interview von Nadja Schlüter

Der Hauptbahnhof in München ist ein beliebter Treffpunkt für junge Geflüchtete – aber auch der Ort inoffizieller Prostitution.

Illustration: Daniela Rudolf

Silvia Rupp, 34, ist Sozialpädagogin und Streetworkerin. Sie macht Präventionsarbeit zur Vermeidung von Prostitution bei geflüchteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in München: Mehrmals in der Woche ist sie rund um den Hauptbahnhof unterwegs und informiert Geflüchtete, die sich dort aufhalten, über Prostitution und sexuell übertragbare Krankheiten, verteilt Kondome und bietet Beratung an, zum Beispiel für die Suche nach einem Praktikum oder einer Ausbildung. Wir haben Silvia im Büro von „Marikas“ und „Mimikry“ des Evangelischen Hilfswerks München, den Münchner Beratungsstellen für anschaffende junge Männer bzw. Frauen, zum Gespräch getroffen. 

jetzt: In deinem Job hast du vor allem mit jungen männliche Geflüchteten zu tun und weniger mit Frauen. Warum ist das so?

Silvia Rupp: Zum einen, weil die meisten Geflüchteten, die vor etwa zwei Jahren in München angekommen sind, männlich waren. Und zum anderen, weil die Männer den öffentlichen Raum sehr viel mehr für sich in Anspruch nehmen als Frauen, die eher im Wohnheim bleiben. Für viele der Jungs sind der Hauptbahnhof und die Umgebung beliebte Treffpunkte. Das ist ja in vielen Städten so – allerdings ist es in München auch der Ort für inoffizielle Prostitution. Geflüchtete Jugendliche können darum dort damit in Kontakt kommen, ohne dass sie es beabsichtigen.

Wie läuft dieser Kontakt ab?

Es kann zum Beispiel sein, dass ein junger Geflüchteter eine Herrentoilette am Hauptbahnhof benutzt. Manche davon sind sogenannte „Klappen“, also inoffiziell Sextreffs, von denen der Geflüchtete nichts weiß. Er bemerkt dann vielleicht, dass ein Mann neben ihm ihn die ganze Zeit anschaut und dabei onaniert – und anschließend bekommt er dafür 20 Euro. Oder er hängt einfach am Bahnhof ab und wird plötzlich von potenziellen Kunden gefragt, ob er sich nicht was dazuverdienen will. Es kann auch sein, dass er mitkriegt, dass manche seiner Bekannten immer Geld haben, und dann möchte er natürlich wissen, wo sie das herhaben. 

Durch den Kontakt mit potenziellen Kunden werden Geflüchtete ja nicht zwingend zu Sexarbeitern. Wieso sind sie trotzdem einem besonders hohen Risiko ausgesetzt, in die Prostitution zu geraten?

Weil viele in dem Dilemma sind, dass es nicht vorwärtsgeht und sie keine Perspektive haben. Manche stecken im teils hoffnungslosen Asylverfahren fest, haben einen ungeklärten Aufenthaltsstatus oder sogar eine Ablehnung bekommen. Und wieder andere haben zwar einen Aufenthaltsstatus, sind aber von ihren Fluchterfahrungen gezeichnet.

Wie wirken diese Erfahrungen sich aus?

Auf der Flucht muss ein Mensch den Überlebensmodus anschalten, Körper und Seele schützen hat da keine Priorität. Er muss sich selbst immer wieder zurückstellen und seine persönlichen Grenzen aufgeben. Dadurch fällt es ihm auch danach schwer, sich abzugrenzen, und er gerät leichter in eine Abhängigkeit. Außerdem sind ihm die Konsequenzen bestimmter Handlungen vielleicht nicht so bewusst – denn Überlebensmodus bedeutet auch, im Jetzt und Hier zu leben und nicht in die Zukunft denken zu können.

„Jeder der Jungs wird früher oder später damit konfrontiert werden“

Erzähl uns ein bisschen von deiner Arbeit auf der Straße. Was machst du da genau?

Ich bin zwei bis dreimal Mal die Woche für mehrere Stunden unterwegs, gemeinsam mit einem Sprachmittler oder mit einem weiteren Streetworker von der Organisation Conaction Condrobs. Wir gehen das Gebiet rund um den Hauptbahnhof ab, bis hin zum Sendlinger Tor, dem Stachus, dem Alten Botanischen Garten und der Schiller- und Goethestraße. Wir halten Ausschau nach Jugendlichen, die dort abhängen, in unserem Zielgruppenalter zwischen 15 und 25 sind und wahrscheinlich aus einem außereuropäischen Land kommen. Die sprechen wir an, erklären, dass wir nicht die Polizei sind, sondern Sozialarbeiter, und fragen, ob sie schon mal von Männern angesprochen wurden. 

Silvia Rupp ist Sozialarbeiterin und Streetworkerin in München.

Foto: privat

Weil ihr davon ausgehen müsst, dass das schon passiert ist?

Jeder der Jungs, die sich dort aufhalten, wird früher oder später damit konfrontiert werden und unsere Aufgabe ist es, sie dafür zu sensibilisieren, dass diese Ansprachen offene oder versteckte Prostitutionsangebote sein können. Und dafür zu sorgen, dass sie da gar nicht erst reingeraten – und wenn doch, dann zumindest nicht unwissend.

Wie macht ihr das?

Ich kläre sie über sexuelle Gesundheit auf und über die Möglichkeit, sich auf bestimmte Krankheiten testen zu lassen, und jeder bekommt eine kleine Flyer-Tüte mit Informationsmaterial und einem Kondom. Mein Kollege bietet Unterstützung an, wenn jemand Stress mit der Schule oder der Ausbildung hat. Und ich lade die Jungs ein, zu uns zur Beratung zu kommen, wenn sie Fragen oder Probleme haben oder Hilfe brauchen, um eine Bewerbungen zu schreiben oder einen Ausbildungsplatz zu suchen.

Fühlen sich die Jugendlichen manchmal vor den Kopf gestoßen, wenn ihr sie auf dieses heikle Thema ansprecht?

Nein, denn wir gehen dabei sehr vorsichtig vor. Wir wollen niemandem ein Gespräch aufdrängen, der nicht mit uns reden möchte. Auf keinen Fall darf ein Gefühl von Zwang entstehen, sondern der Kontakt soll positiv sein, damit so etwas wie Vertrauen geschaffen wird. Im besten Falle kommen die jungen Menschen irgendwann selbst auf uns zu.

„In letzter Zeit treffe ich vermehrt junge Männer, die massive Selbstverletzungen haben“

Funktioniert das?

Ja, viele sprechen mich mittlerweile direkt an, wenn sie mich am Hauptbahnhof sehen, und fragen zum Beispiel nach Kondomen. 

Mit welchen Fragen und Problemen kommen die jungen Männer in die Beratung?

Sehr unterschiedlich. Da ist alles dabei: von der belastenden Wohnsituation in den Camps, über Schulden und die Suche nach einem Job oder einer Ausbildung, bis hin zu Suchtmittelkonsum. Viele haben auch Fragen zu Verhütung und Sexualität. In letzter Zeit treffe ich vermehrt junge Männer, die massive Selbstverletzungen haben, vernarbte Schnitte an den Armen oder Brandwunden. Das habe ich vor zwei Jahren so noch nicht gesehen.

Woran liegt das?

Das sind oft Jungs, die schon länger hier sind, aber sich immer noch in einer aussichtslosen Lage befinden. Deren Traum, hier Arbeit zu finden und Geld zu verdienen, sich nicht erfüllt hat. Das ist eine extreme Belastung und macht natürlich etwas mit ihrer Psyche.

Sprechen diejenigen Jungs, die schon mal auf Angebote von Freiern eingegangen sind, offen darüber?

Dass einer sagt „Ich habe Sex mit Männern“ ist viel verlangt. Das ganze Thema ist ja sehr tabuisiert und mit Scham behaftet. Aber: Die Sache muss auch gar nicht thematisiert werden. Ich will keine Information aus jemandem rauslocken und niemanden beschämen. Und es würde mich auch wundern, wenn alle sofort total offen sprechen würden – ich bin ja immer noch eine fremde Person.

Du achtest also eher auf das, was zwischen den Zeilen gesagt wird? 

Ich hatte mal einen jungen Mann in der Beratung, dem ich angeboten habe, dass er sich auf Geschlechtskrankheiten testen lassen kann. Er hat dann über einen Freund gesprochen, der das gerne machen würde, Flyer für ihn mitgenommen und gesagt, dass er sich für seinen Freund wieder bei mir melden wird. Ich bin mir sehr sicher, dass wir die ganze Zeit über ihn gesprochen haben – aber wenn das für ihn eine Möglichkeit ist, sich mitzuteilen, ist das völlig in Ordnung. Das Wichtigste ist, dass er die Informationen bekommt, die er braucht. Und dass ich in den Gesprächen die Ohren für bestimmte Hinweise spitze, die darauf hindeuten, dass sich der Jugendliche eventuell in einer kritischen Situation befindet.

„Wenn ein Klient sagt, dass ihm ein Ehrenamtlicher hilft, dann frage ich, ob dafür eine Gegenleistung erwartet wird“

Zum Beispiel? 

Kritisch wird es dann, wenn jemand schon in einer Beziehung oder Abhängigkeit zu einer anderen Person ist, also ihre Hilfe in Anspruch genommen hat, und dann merkt, dass da noch etwas anderes mitschwingt. Wenn also ein Klient sagt, dass ihm ein Ehrenamtlicher hilft, dann frage ich nach, ob dafür eine Gegenleistung erwartet wird. Wenn das der Fall ist, frage ich den Klienten ganz offen, was er selbst möchte. Es gab einen Fall, in dem ein Jugendlicher es geschafft hat, sich gegenüber seinem Helfer sehr klar und sachlich von einem solchen Angebot abgrenzen. Das war ein Erfolgserlebnis. 

Unterstützen sich die Jungs auch gegenseitig?

Sie geben sich zumindest die Kontakte untereinander weiter. Oft kriegen wir Anrufe, weil jemand von einem Bekannten unseren Flyer bekommen hat. Aber letztlich ist jeder von ihnen auf sich selbst gestellt. Ich kenne wenige Klienten, die über einen längeren Zeitraum feste Freundschaften haben. Es gibt eher Bekanntschaften mit einem bestimmten Nutzen. Dass also jemand mal bei einem übernachtet, der schon eine eigene Wohnung hat, oder man sich gegenseitig mit Geld aushilft. 

Wie glaubst du, wird sich die Situation in Zukunft entwickeln?

Wir können beobachten, dass sich die Szenen mittlerweile stärker vermischen. Dass also junge Männer, die ganz klar in der Sexarbeit tätig sind, die Jungs, die gefährdet sind, schon kennen und mit ihnen Kontakt haben. Dadurch geraten die geflüchteten Jugendlichen leichter in diese Tätigkeit hinein. Darum würde ich mir wünschen, dass wir mir in Zukunft noch mehr Kapazitäten haben, auf die Straße zu gehen. Ich glaube, der Bedarf ist noch längst nicht gedeckt. 

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