Ja, ich führe eine offene Beziehung. Nein, ich schlafe nicht mit jedem

Leider denkt das aber ein Großteil der Männer. Das muss aufhören!
Von Katja Lewina
Foto: joto / photocase.de

Ich saß beim Kaffee mit einem alten Freund, nennen wir ihn Sebastian (Sein Name wurde zum Schutz seiner Privatsphäre geändert). Wir hatten uns ewig nicht gesehen und erzählten, was es Neues gab in unseren Leben. Bei mir war es vor allem die Tatsache, dass mein Freund und ich kürzlich beschlossen hatten, die Sache mit der freien Liebe auszuprobieren und eine offene Beziehung zu führen. Ich hatte keine Ahnung, wohin die Reise gehen würde und sprudelte beim Erzählen nur so über vor lauter Aufregung über dieses Experiment. Bis Sebastian seinen Zeigefinger erst auf mich, dann auf sich selbst richtete und lächelnd vorschlug: „Dann können wir beide es ja auch mal machen.“

Wäre ich nicht mit einer brillanten Körperbeherrschung gesegnet, mein 4-Euro-Cookie wäre mir glatt aus dem Mund gefallen. Dass Sebastian vorschlug, wir sollten miteinander schlafen, allein aus dem Grund, dass ich offen für Sex außerhalb meiner Beziehung war, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Die Frage, ob zwischen uns was laufen könnte, hatte sich in all den Jahren nie gestellt. Und ich war auch jetzt nicht dazu bereit, sie zu stellen. Erst recht nicht auf so brachiale Art und Weise. In meiner Überforderung fiel mir nichts Besseres ein, als so schnell es ging das Weite zu suchen. Menschen werden eben manchmal komisch mit der Zeit, dachte ich, und vergaß den Vorfall fürs Erste.

Doch schon bald musste ich feststellen: Es passiert andauernd. Während sich im Laufe der nächsten Monate unser neues Beziehungs-Modell im erweiterten Bekanntenkreis herumsprach, merkte ich, wie sich die Tonalität vieler Männer mir gegenüber veränderte. Anfangs dachte ich noch: Das bilde ich mir ein. Aber irgendwann war klar: Sie flirten!

Nicht mal in der Zeit, als ich Single war (und viel jünger), wurde ich derart umschwärmt

War ich früher „die Freundin von ...“, schien ich jetzt sofort eine potentielle Paarungspartnerin geworden zu sein. Auf Partys fand sich nun plötzlich immer jemand, der ungefragt mein Weinglas auffüllte, mir wie zufällig über den Arm strich oder mich in stundenlange Gespräche verwickelte, an deren Ende er mich fragte, ob er mich nach Hause bringen dürfe. Gefühlt schien fast jeder davon auszugehen, dass er bei mir eine Chance hätte.

Natürlich ist meine offene Beziehung nicht das erste, was ich den Menschen, die ich in meinem Alltag kennenlerne, um die Ohren haue. Trotzdem ist sie oft schneller Thema, als mir lieb ist: Kommt das Gespräch auf meinen Beruf, kann ich sicher sein, dass es gleich um meine Beziehung gehen wird. Kaum einer hört freiwillig mit dem Nachfragen auf, wenn er erfahren hat, dass ich meine Miete mit Texten über Sex und Dating bestreite. Und dann geht das Anmach-Spielchen los. 

Und obwohl mir das nicht immer unangenehm war – immerhin bade ich gern in männlicher Aufmerksamkeit, und hin und wieder springen dabei auch ganz gute Typen für mich heraus –, nahm ich dieses Prinzip mehr und mehr als Problem wahr. Erstens hatte ich keinen Bock darauf, ständig irgendwelche Flirtversuche abzuwehren. Und zweitens fühlte ich mich ungewohnt objektiviert.

 

Nicht mal in der Zeit, als ich noch Single war (und, ganz nebenbei, viel jünger), wurde ich derart umschwärmt. Gilt in den Augen mancher Männer eine Frau, die neben ihrer Beziehung Abenteuern nachgeht, als wahllos? Stufen sie sexuell aktive Frauen als „leicht zu haben“ ein? Oder fallen da einfach zivilisatorische Hemmschwellen?

 

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen, und verabredete mich noch einmal mit Sebastian. Diesmal ohne Kekse, dafür mit Bier. Und stellte ihm die Frage, die ich ihm schon im besagten Augenblick hätte stellen sollen: Wieso, verdammt?

 

Wenn eine Frau keinen Bock auf Monogamie hat, muss sie offensichtlich eine triebgesteuerte Wahnsinnige sein, die alles vögelt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist

 

Es brauchte ein paar Flaschen, bis Sebastian aus Plattitüden wie „Versuchen kann man's ja“ und „Du bist halt eine hotte Frau“ heraus und zum eigentlichen Kern seiner Erwägungen kam: „Wenn du mir erzählst, dass du in einer offenen Beziehung bist, dann ist das für mich erstmal so, als wärst du Single, also eine potentielle Möglichkeit. Und dann bist du auch noch in einer Beziehung, was bedeutet: keinerlei Verpflichtungen, wenn ich mit dir schlafe. Was dich natürlich super attraktiv macht. Wenn du mir erzählst, dass du dich nicht auf einen einzigen Mann beschränken willst, dann heißt das doch, dass du es gern mal krachen lässt. Und außerdem klingt das für mich quasi wie eine Einladung. Denn, warum sonst solltest du mir das erzählen?“

 

Halten wir fest: Als Frau in einer offenen Beziehung bin ich 1) eine bequeme Bank, äh, Matratze, 2) sexuell überaktiv und 3) offensichtlich willig, weil ich drüber spreche.

 

Und das aus dem Mund eines gebildeten, freiheitlich denkenden, linken Mannes. Wenigstens war er nicht stolz drauf. Heulen könnte ich trotzdem. Denn seine Gedanken offenbarten, wie sehr sich viele Männer von unhinterfragten Klischeebildern bestimmen lassen, die sagen: Wenn eine Frau keinen Bock auf Monogamie hat, dann muss sie ja offensichtlich eine triebgesteuerte Wahnsinnige sein, die alles vögelt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Als ob es nichts dazwischen gäbe. An oder Aus.

 

Das gilt erst recht für all die Kerle, die mich nichtmal kennen, dafür aber meine Facebook-Inbox mit den plumpesten Angeboten zuballern, seit ich in einer Fernsehsendung über mein Beziehungskonzept gesprochen habe. „Man sieht sofort, dass man mit dir Spaß haben kann“, ist meine absolute Lieblings-Begründung für Sex-Anfragen aus dem totalen Nichts. Geht's noch? Sieht man mir vielleicht auch an, ob ich es gern von vorn, von hinten oder von der Seite mag?

 

Man könnte sich fragen: Warum erzähle ich überhaupt davon, wenn mich die Reaktionen so nerven? Wenn Freunde mich fragen, was mich gerade bewegt, könnte ich auch von meinem neuen Küchentisch erzählen, über den freue ich mich nämlich sehr. Wenn Leute wissen wollen, worüber ich schreibe, könnte ich genauso gut irgendetwas von „über gesellschaftlich relevante Themen“ murmeln. Wenn mich jemand fürs Fernsehen anfragt, brauche ich nicht hinzugehen. Ich muss niemandem erzählen, was ich schreibe oder wie ich liebe, wenn mich die Reaktionen darauf nerven. 

Und doch ist es ein merkwürdiger Gedanke, nicht ehrlich über mein Leben sprechen zu können, nur, weil ich nicht will, dass man das als Aufforderung zum Beischlaf interpretiert. Es wäre ein ähnlicher Trugschluss wie die Empfehlung an Frauen, knappe Kleidung zu meiden, wenn sie nicht Opfer von sexueller Belästigung werden möchten. Ich will Miniröcke tragen und über Sex sprechen, ohne dass das gleich bedeutet, ich wolle es wahllos und mit jedem tun. Oder überhaupt.

 

Nichts gegen Ficken-Wollen. Nichts gegen Anmachen. Aber können wir uns bitte darauf verständigen, dass das keine Einbahnstraßen sind? Dass es mehr Gegenseitigkeit braucht als die eigene Interpretation des Beziehungsstatus', des Verhaltens oder der Kleidung unseres Gegenübers?

„Vielleicht liegt das Problem auch darin, dass es so wenige Frauen gibt, die offen über ihr Liebesleben sprechen“, sagte letztens mein Freund. „Wenn alle das täten, dann wärst du deinen erotischen Exotenstatus schnell los.“

Er hat Recht: Unsere Gesellschaft ist freizügig wie nie, und doch ist Sex immer noch etwas, das oft nur hinter vorgehaltener Hand Thema werden darf. Nicht, dass man hinterher noch als „Schlampe“ gilt.

 

Es wird noch sehr viele Menschen brauchen, die offen und öffentlich über Sex (und Konsens) reden, bis das endlich überall angekommen ist. Also: Hands on!

 

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