857998

Es gibt viele Studien und Statistiken über Fahrradunfälle. Darin ist zu lesen, ob Autos in die Unfälle involviert waren oder ein „Geisterradler“ auf dem Radweg einen entgegenkommenden Zweiradfahrer gerammt hat. Ob Personen verletzt wurden oder nur Blech verbeult wurde. Was in all diesen Statistiken über das Fahrradfahren fehlt: Zahlen darüber, welche Schäden das Radfahren in Liebesbeziehungen hervorruft. Dabei wären diese Zahlen für Beziehungsforscher und Paartherapeuten von großem Interesse. Denn das Fahrrad ist ein Ärger-Katalysator.

Die deutschen Radstreifen scheinen voll von Paaren zu sein, die auf dem Weg ins Freiluftkino mit jeder Pedalumdrehung ein bisschen wütender aufeinander werden. Sie haben dasselbe Ziel und benutzen dasselbe Fortbewegungsmittel – aber leider selten im selben Tempo. Entweder hetzt also der eine dem anderen hinterher und macht ihn am Zielort dafür verantwortlich, jetzt mit verschwitztem T-Shirt unter die Leute gehen zu müssen. Oder er behält sein Schneckentempo bei, was dem anderen den Fahrradspaß verdirbt. Weil er alle 500 Meter anhalten muss, um auf den Partner zu warten. Weil er gerade so schön über die Kreuzung geschossen ist, im letzten Moment bevor die Ampel rot geworden ist, nur um dann mitzuerleben, wie sich dieses triumphale Gefühl dann in Enttäuschung verwandelt, weil der langsame Teil des Paars erst jetzt gemächlich auf die rote Ampel zu rollt. Oder weil er sich vornehm hinter dem Langsamen hält, der trotz gleichmäßigen Tretens kaum voran zu kommen scheint. Es folgen dann meist zaghafte Versuche, dem Geliebten das eigene Tempo aufzudrängen. Der Klassiker: eine Unterhaltung beginnen und während des Nebeneinanderfahrens unauffällig die Umdrehungszahl erhöhen oder drosseln. Weil das nur selten fruchtet, kommt sie früher oder später, die unheilvolle Frage: „Kannst du nicht mal ein biiiischen schneller (oder langsamer) fahren? Den Rest des Wegs stampfen dann beide recht missmutig in die Pedalen. Man tritt und schweigt sich an, denn so richtig streiten kann man sich wegen einer solch nichtigen Kleinigkeit ja auch nicht. Gemeinsam Fahrradfahren ist genauso wie gemeinsam ein Buch zu lesen: Die Vorstellung ist irgendwie romantisch, in der Praxis wird man enttäuscht, weil nun mal jeder Mensch sein eigenes Tempo hat, ein Buch zu lesen oder einen Hügel hinaufzuradeln. Und dass dieses Tempo bei beiden Partnern exakt dasselbe ist, kommt eher selten vor. Leider ist die Geschwindigkeit zwar das größte, aber nicht das einzige Problem. Schon die Frage, was eigentlich eine geeignete Situation für die Benutzung des Fahrrads ist, stellt Paare vor Probleme: Für den einen ist noch nicht mal ein Regenschauer ein Grund, mit der Trambahn zu fahren, der andere hat schon Fahrradpanik, wenn noch kein Wölkchen am Himmel ist, aber die Regenwahrscheinlichkeit in der Wettervorhersage über fünf Prozent liegt. Für den einen kommt das Rad ab einer Wegstrecke von mehr als drei Kilometern nicht mehr in Frage, der andere nimmt gerade bei langen Wegen lieber das Rad, weil man da mit der Bahn so oft umsteigen müsste. Wenn diese Fragen einvernehmlich geklärt sind, radelt man guter Dinge los – und kracht an der ersten Kreuzung fast ineinander, weil der eine abbiegen will und der andere nicht. Das beruht meistens auf einer unterschiedlichen Einschätzung der Gefährdungslage: „Lass uns doch rechts fahren, da kann immer auf Radwegen fahren und muss nicht ständig Angst vor den bösen Autos haben.“ Der richtige Weg ist zwar kein ureigenes Fahrrad-Ärgerthema. Aber im Auto sitzt wenigstens nur eine Person am Steuer. Meistens kann man der die Routenwahl überlassen, oder die Entscheidung gleich auf das Navigationsgerät abwälzen. Das alles ist nervig. Trotzdem will man nicht sagen: „Schatz, fahr du doch mit der U-Bahn, ich nehm das Rad, wir sehen uns dann im Kino.“ Zwar ist der Weg bei einer gemeinsamen Pärchenunternehmung ganz selten das Ziel, und man könnte ihn – nüchtern betrachtet – auch getrennt zurücklegen. Aber irgendwie würde das wie ein Eingeständnis wirken, dass man auf dieser einen Ebene nicht zusammenpasst. Und so fährt man wieder los, und füllt die ungeschriebenen Statistiken der Fahrrad-Beziehungsunfallforscher.