Anklage an die unromantischen Frauen

Illustration: karen-ernst Liebe Swantje, leider hast Du Dich seit gestern vor einem Jahr (19.
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Illustration: Julia Schubert

Illustration: karen-ernst Liebe Swantje, leider hast Du Dich seit gestern vor einem Jahr (19.04.2004, 21:37 Uhr) nicht mehr bei mir gemeldet und ich frage mich jetzt (20.04.2005, 11:55 Uhr), ob ich eventuell etwas Falsches zu Dir gesagt habe. Irgendwie verlief unser Gespräch bezüglich einer Liebesbeziehung nicht ganz nach meinem bzw. wohl auch Deinem Wunsch bzw. unseren gegenseitigen Vorstellungen. Ich wollte nicht Deinen Musikgeschmack beleidigen, und Dich auch zu nichts drängen, als ich sagte: „Keinen Sex zu haben, Swantje, das ist wie Indie-Platten von Kleinstlabels mit obskurer Musik zu besitzen und sich ab und zu anzuhören. Eine Weile vielleicht noch ganz cool, aber auf Dauer irgendwie unbefriedigend.“ Irgendwann wird das Verlangen nach U2-Platten oder sogar Jeanette-Biedermann-Gesang dann doch zu groß und man schleicht in einen Elektronikgroßmarkt. Genauso sehnt man sich einfach ab und zu nach Sex. Sicher, wenn ich ehrlich bin, dann kann ich Deinen Elektroclash-Favoriten „Tiger Zig-Zag“ nicht ausstehen. Wer mit seiner elektrischen Zahnbürste E-Gitarre spielt und Samples von rückwärts gespielten Polkaweisen verwendet – tut mir Leid – den kann ich einfach nicht gut finden, aber das ist nicht der Punkt. Und außerdem: Wie soll ich dazu Walzer tanzen und Dich in meinen starken Armen wiegen? Irgendwie war in der letzten Zeit in unserer Beziehung der Wurm drin. Es fing damit an, als ich Dir meine Liebe gestand und dabei trotz meines Rückenleidens vor Dir niederkniete. Irgendetwas in Deinem Blick verriet mir gleich, dass Du den Ring, den ich Dir geschenkt habe, auch nicht so richtig ausstehen konntest. Meine Erklärungen, wie schwierig es war, ihn diesem alten Mann, der an der Bushaltestelle schlief, vom Finger zu ziehen, nahmst Du seltsam unterkühlt hin. Warum hast Du für meine ritterlichen Bemühungen um Deine Gunst einfach kein Verständnis? Metaphorisch gesehen habe ich mich mit dieser Aktion doch in die Höhle des Lindwurms gewagt, und das alles nur, um dem Burgfräulein eine Freude zu machen! Immerhin quittiertest Du die Idee, ihn innen drin mit einem extra feinen Edding mit „Swantje & Florian“ zu versehen, mit einem angedeuteten Lächeln und ich dachte, es wäre eventuell mehr möglich. Zum Abschied an diesem Abend gabst Du mir die Hand und ich war der glücklichste Mensch dieser Welt und sagte Dir das, was ich bisher noch zu keiner anderen Frau gesagt habe: „Swantje! Ich liebe Dich! Ich liebe Dich so sehr, dass ich Dich am liebsten zweimal in der Woche sehen würde, aber nicht nur zum Reden.“ Und Du kannst mir glauben, dass ich das ernst und aus tiefstem Herzen gemeint habe, Swantje. Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Euch Frauen fehlt es heutzutage eindeutig an einem Sinn für Romantik. Warum hast Du so seltsam reagiert, als ich Dir einen mit Blut geschriebenen Brief übergab? Sicher, es war nicht mein eigenes, sondern das von dem Hund, den ich überfahren hatte, als ich auf dem Heimweg von Dir die „Tiger Zigzag“-CD „Anti-Aging, Alter!“ aus dem CD-Player nehmen und in Stücke beißen wollte, um meinen Ohren Linderung zu verschaffen. Aber Dir fehlte jeder Sinn für die Kraft, die es mich kostete, meinen Gänsekielschreiber immer und immer wieder in eine der offenen Wunden zu tauchen. Nie hast Du für meine Liebesbekundungen Verständnis gehabt. Ihr Frauen seid so kalt. Kaum ist Jude Law im Kino, schwärmt ihr von „diesem toll aussehenden Typen“. Ist Dir denn noch nie aufgefallen, dass der Geheimratsecken in der Größe und Form Neufundlands hat? Und außerdem wird er unerreichbar für Dich bleiben, eine Illusion auf der Leinwand. Mich hingegen, Deinen weißen Ritter, mich hast Du in Wirklichkeit. Hat Dir Jude Law etwa schon einmal Konzertkarten zu Weihnachten geschenkt?! Und wenn er es getan hätte, dann hättest Du ihn bestimmt nicht so vor den Kopf gestoßen wie mich. Deinem Bruder hast Du sie weitergeschenkt! Was bitteschön ist falsch an Pur?! Ich hoffe, jetzt, wo ich mir meinen Frust von der Seele geschrieben habe, verstehst Du mich wieder besser. Lass uns doch wieder mal gemeinsam etwas unternehmen. Etwas, das nichts mit Musik zu tun hat, damit wir uns nicht gleich wieder in die Haare kriegen. Vielleicht ein Abendessen bei Kerzenschein? Oder spazieren gehen? Ich weiß einen kleinen idyllischen Ort, wo wir zusammen im Sonnenuntergang Händchen halten könnten… Bitte melde Dich, Swantje! In Liebe, ich hoffe, Du bist nicht mehr so kühl wie eine Stahlbetonwand im Winter. Dein Florian

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