Beziehungsfrei an Karneval

Steffi steht vorm Spiegel und wischt sich die rosa Glitzerpaste von den Augenlidern.
sophie-ruedinger
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Illustration: Julia Schubert

Steffi steht vorm Spiegel und wischt sich die rosa Glitzerpaste von den Augenlidern. Sie wischt und wischt, sehen kann sie schon längst nichts mehr. Die Tränen laufen jetzt, vermischen sich mit rosa Glitzer und alles beginnt zu brennen, die Augen, das Gesicht, der Kopf, der Bauch. Sie setzt sich auf den Rand der Badewanne. Der Klumpen, den sie seit Stunden versucht, runterzuschlucken, ist zu einem riesigen Ballon angeschwollen und geplatzt. Jan steht am Fenster, er sieht auf die Pfützen am Gehsteig, in denen Luftschlangen schwimmen, so fühlt er sich auch: Wie eine Luftschlange, eine zermatschte, aufgeweicht, nicht mehr zu gebrauchen, lächerlich. Er muss pinkeln, aber Steffi hat das Badezimmer besetzt, und er kann da jetzt nicht klopfen, er möchte nur raus, sie nicht sehen, niemanden sehen. Er nimmt die Jacke, die er vorhin in die Ecke geworfen hat, und geht. Dass es so weit kommen könnte, dass Steffi sich weinend im Bad einschließt und Jan nur noch den Ausweg weiß, einfach zu gehen, hätte keiner von beiden gedacht. Gedacht war es so: ein paar Tage, in denen die Liebe nicht an erster Stelle kommt, sondern die Lust. Und die man in diesen Tagen gefälligst auch mal so ausleben könnte, wie es einem gerade passt. Keiner von beiden hatte sich aber Gedanken gemacht über das Gefühl, das sich einstellt, wenn alles vorbei ist. Wenn die Luftschlangen nicht mehr lustig sind, sondern lachhaft, und wenn die Verkleidung nur noch doof aussieht und die Schminke verwischt. An diesem einen Abend, als Freunde zu Besuch waren, malten sich alle aus, wie cool und total einfach das sein würde, das Gefühl füreinander kurz wegzusperren in die große Kiste namens Liebe und sich einzulassen auf dieses Ding, das manche „Tolle Tage“ nennen oder eben Karneval. „Hey, und wir wissen doch, dass wir zueinander gehören, lass uns das doch ausprobieren. Da geht’s doch dann einfach nur ums Ficken, oder?“ „Klar“, hatte Steffi geantwortet. Die roten Wangen schob sie auf den Wein. Und irgendwie klang es ja wirklich so: Ja, wir gehören zusammen, und auch diese Sache hat doch nur mit Vertrauen zu tun, mit viel Vertrauen, und Vertrauen ist doch Liebe? Cowboy, Elfe und hinterher Kater Als Steffi dann diesen Typen sah, während sie Rosenmontag mit Freundinnen an der Bar stand, hatte sie nur das im Kopf: Vertrauen. Vertrauen gleich Liebe. Das Ausblenden war nach ein paar Bier auch kein Problem mehr, und Jan hatte ja bestimmt gerade auch seinen Spaß – ohne sie. Natürlich kamen sie irgendwann ins Gespräch, er Cowboy, sie Elfe. Sie küssten sich zu „In unserm Veedel“ und landeten schließlich bei ihm. So einfach konnte das sein, Ricarda hatte ihr noch Mut gemacht vorher: „Meine Oma war über Karneval einfach immer weg, verheiratet und drei Kinder, und am Aschermittwoch war wieder alles cool. Hey, da musst du dir doch mal gar keine Gedanken machen, Steffi!“ Jan verbrachte den Abend als Superman, mit Jörg zusammen, seinem besten Freund. Sie tranken und tranken und da waren auch Mädchen: Katzen, Bienen, Prinzessinnen. Dass Jan in dieser Nacht bei keiner landen würde, lag nicht am Können: Er wollte nicht. So auf Kommando eine rumkriegen, mit Freifahrtsschein, irgendwie war das hier doch nicht sein Ding, und wenn er ganz ehrlich war, konnte er sich nicht vorstellen, dass Steffi anders dachte. Morgens vor der Haustür trafen sie sich. Steffi umarmte Jan zaghaft, er roch nach Bier und Rauch, sie nach Bett und schlechtem Gewissen. „Und? Hatteste Spaß?“ Steffi sah an ihm vorbei, bloß nicht in seine Augen gucken, er würde alles sehen. Sie zuckte mit den Schultern. Nacheinander gingen sie den endlos langen Weg die Stufen nach oben. „Hast du?“ Jans Stimme klang nicht so wie sonst, ängstlich, zittrig. „Ja“, hörte er, und ihre Antwort klang wie von weit weg. Steffi sitzt noch immer auf dem Badewannenrand, sie hört seit Minuten das Geräusch, wie die Tür ins Schloss fällt. Morgen ist alles vorbei, Aschermittwoch, und Jan wird zurückkommen. Sie lässt kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen und wischt sich den Rest Schminke vom Gesicht. Wie einfach alles geht, und wie schwer es sich danach anfühlt, denkt sie. Illustration: daniela-pass

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