Das merkwürdige Verhalten geschlechtsloser Amöben zur Paarungszeit

Illustration: karen-ernst "Stell dir die lächerlichste Sache vor, die dir einfällt, und dann stell dir vor, das wäre das einzige, was den Rest der Menschheit interessiert.
katharina-buri

Illustration: karen-ernst "Stell dir die lächerlichste Sache vor, die dir einfällt, und dann stell dir vor, das wäre das einzige, was den Rest der Menschheit interessiert." Wenn wir uns etwas sehr Lächerliches vorstellen, kommen darin zum Beispiel unser Oberstufen-Mathelehrer und ein rosafarbenes Balett-Tutu vor. Das hängt natürlich mit dem verpatzten Mathe-Abi und den seither gehegten Rachegelüsten zusammen. Interessieren würde das aber keinen. Wenn Zitatgeber David Jay an die für ihn lächerlichste Sache der Welt denkt, sieht er schwitzende Körper, die sich in einem immer schneller werdenden Takt aneinander reiben. Er sieht Menschen, die sich ihre Klamotten vom Körper reißen, sich wild küssen und schließlich miteinander verschmelzen. Das Lächerlichste, was er sich vorstellen kann, ist für viele Menschen Tagtraumthema Nummer Eins oder gar Lebensinhalt. Für alle Auf-der-Leitung-Steher: es geht um Sex. David ist Gründer des großen Online-Netzwerkes asexuality.org und selbst asexuell. "Schatz, ich hab Kopfweh" Das klingt nach einer schlimmen Krankheit, bedeutet aber tatsächlich soviel wie: er hat keine Lust auf Sex. Asexualität ist weder Zölibat noch Enthaltsamkeit (denn das sind beides bewusste Entscheidungen, in der Regel gegen den eigenen Sexualtrieb), sondern schlichtweg kein Verlangen nach Fummeln & mehr. Und das nicht nur einmal im Monat oder wenn man mal wieder seine Tage hat, sondern immer und überall. David Jay ist damit nicht allein: laut einer neuen Studie ist einer von 100 Deutschen asexuell. Und die Rede ist hier nicht nur von alten, bierbauchbehangenen Männern nach dreißig mittelmäßigen Ehejahren, sondern auch und gerade von jungen Menschen. Mitzwanziger. Der netten Kommilitone, die hübsche Nachbarin. Neuerklärte Asexuelle outen sich täglich in speziellen Internetforen, treffen sich in Selbsthilfegruppen und tragen dabei Shirts mit dem Aufdruck "Asexualität – nicht mehr nur für Amöben!". Sogar Paraden vergleichbar dem Christopher-Street-Day sind angedacht. Bald werden wohl die ersten Asexuellen-Bars eröffnen, Asexualität könnte zum Wahlkampfthema werden. Oder eines Tages die "Sexuellen" in ein Randgruppendasein drängen, denn schon heute diskutieren Forscher über den Sinn und Zweck von geschlechtlicher Vermehrung. Warum noch vögeln, wenn man Wunsch-Kinder aus der Retorte haben kann? Der Neid der Geilen Und wenn wir mal ganz ehrlich sind: ein bisschen muss man die Asexuellen doch um ihr sexloses Dasein beneiden. Sex macht selten etwas besser, dafür meistens ziemlich viel kaputt. Wer denkt denn vor einer heißen Liebesnacht schon an all die Probleme, die sie mit sich bringen könnte? Schwanger mit Anfang 20? AIDS? Eine granatenmäßige Enttäuschung, wenn der Typ, mit dem wir eben noch den Rest unseres Lebens verbringen wollten, sich als absolute Niete im Bett entpuppt? Aber: das ist vergessen, wenn das nächste Mal wieder ein Für-immer-und-ewig-Kandidat tropfnass und mit einem verknickten Tulpenstrauß (die Rosen waren aus, und er ist vom Fahrrad gefallen) vor der Tür steht und unter Klimperwimpern mit Augen wie norwegische Gebirgsseen um Einlass bittet. Da legt es in unserem Hirn einen Geilheits-Schalter um, und dann wollen wir eigentlich nur noch eins. In dem Moment können wir nur mitleidig-unverständnisvoll den Kopf schütteln über die Menschen, die das nie empfunden haben. Das wäre ja, als schmecke einem keine Schokolade oder man hätte noch nie eine Nacht durchgetanzt.