Das, was wir hatten

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Eine Freundin und ich stellten kürzlich fest, dass es in allen uns bekannten Historien verflossener Liebschaften eine Gemeinsamkeit gibt: Mädchen interessieren sich auch nach der Beziehung brennend für das Wohlergehen ihres früheren Freundes. Jungs hingegen ist es ziemlich latte, was das Leben mit ihrer ehemaligen Herzdame macht.

Es ist, als ob ein Mädchen ihre Exfreunde in eine Art ehrwürdiges Verflossenenmuseum ihres Herzens stellt, während ein Junge nach dem Schlussstrich den großen Restmüllbehälter seines Lebens aufklappt und alle Erinnerungen mit einem Schwung hineinkippt. Fragt man ihn nach seiner vergangenen Liebe, fällt die Antwort meistens so aus: „Ach, die Dings, ja ja, aber mal ehrlich, so ganz check ich's halt auch nicht mehr, was ich überhaupt an der fand". Ein Mädchen hingegen wird auf dieselbe Frage ziemlich sicher mit einem Seufzer reagieren, beherzt in ihre Erinnerungsvitrine greifen, sehr viele hachwürdige Momente wiederentdecken und zu dem Schluss kommen, dass man eigentlich mal wieder einen Kaffee trinken gehen sollte. Ganz ohne Sex-mit-dem-Ex Hoffnung und mit einer gesunden Portion ehrlichem Interesse an der Entwicklung des Menschen, mit dem man eine Zeit lang sehr viel geteilt hat.

Mir fallen Dutzende Mädchen ein, die nach ein paar Monaten obligatorischer Trennungsfunkstille wieder Kontakt gesucht haben. Wie es denn ginge, und ob man nicht mal gemeinsam in diese Ausstellung oder zu jenem Konzert gehen wolle. Und fast jedes Mal endeten diese harmlos gemeinten Annäherungsversuche in Unverständnis darüber, dass der ehemalige Herzensjunge nicht an einer solchen Aktion interessiert war. Wenn es überhaupt zu einem Treffen kam, fiel dieses meist kühl aus. Der Junge schien ein völlig neuer Mensch geworden zu sein, so, als habe man sich nie gekannt: Desinteressiert und einsilbig. Was für ein komischer Typ, was für ein ätzendes Verhalten. Was hat er nur mit den gemeinsamen Erinnerungen gemacht? Der ewige Familienstress bei einem daheim, der Tod seiner Oma und kurz darauf seine Sinnkrise und der Studienabbruch – immer war man füreinander da, eingehüllt in die warme Beziehungsdecke, in seiner Zweisamkeit gefeit vor allem Übel. Davon muss doch noch was übrig sein, solche Erfahrungen bleiben doch. Wenn man sich auf so was nicht verlassen kann, worauf denn bitteschön dann? Doch alles, was der Junge für diese Fragen übrig hat, beschränkt sich auf ein Pfff und die übliche Washatdasjetztmitmirzutun – Coolness.

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Illustration: Julia Schubert



Man muss bestimmt nicht nach jeder längeren Beziehung eine tiefe Freundschaft miteinander eingehen, schon allein zuliebe des neuen Partners. Immerhin will man selbst ja auch nicht, dass da ständig irgendein alter Vertrauter des Verknallten ins Haus spaziert - und man sich jedes Mal vorstellen muss, wie die beiden einst ihre Körper aneinander rieben.

Den Kontakt aber überschnell abzusäbeln, das kann auch nicht gesund sein. Vielleicht wäre es ein Schritt in die richtige Richtung, als Junge zumindest mal zu bedenken, dass dieses plötzliche Desinteresse an ihrer Person ein Mädchen sehr bedröppelt zurücklässt. Denn selbst als Beziehungsbeenderin scheint ein Mädchen weniger Schutzfolie zur Verfügung zu haben als ein Junge, wenn es darum geht, ihr Herz hinterher winterfest zu machen.

Vielleicht ist das allein ihr Problem und vielleicht machen es die Jungs auch genau richtig, so wie sie es machen. Doch ihr Verhalten vermittelt den Mädchen eben auch das Gefühl, die gemeinsame Zeit sei es nicht recht wert gewesen, sie im Nachhinein pfleglich zu behandeln.

Natürlich könnte den Mädchen diese Anti-Exfreundin-Haltung eigentlich total egal sein. In ihrer neuen Beziehung sind sie schließlich so verliebt wie noch nie, nie, nie zuvor. Aber das ist irgendwie ja auch das Schlimme an der ganzen Sache: Sie ahnen, dass ihr aktuell Heißgeliebter eines Tages genauso kalt auf das Große herabblicken könnte, was sie gerade haben. Und diese Ahnung, die ist wie Igel essen. 

Text: mercedes-lauenstein - Foto: mathias the dread / photocase.com

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