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Illustration: karen-ernst Der bei Gärtnern als violette Wurzelfäule verhasste Pilz Tuberculina ist unter anderem wegen seiner raffinierten Betrügereien beim Sex so erfolgreich. Er gaukle einem anderen Pilz vor, ein Sexualpartner zu sein und befalle ihn dann, vermuten Tübinger Biologen. (…) In der Phase, wenn ein anderer Pilz auf Fortpflanzung eingestellt ist, macht sich der Tuberculina genannte Schmarotzer an ihn ran. „Der Sexualvorgang scheint eingeleitet zu werden, wird aber dann abgewandelt: statt Sex parasitiert Tuberculina auf dem Pilz“, erklärte der Biologe Mathias Lutz. „Was für ein gemeiner Pilz!“, rief ich entsetzt, als ich neulich diese Meldung las. Meine beste Freundin stimmte mir zu: „Ziemlich hinterhältig. Fast wie bei den Menschen.“ Eben. Tuberculina mag zwar ein besonders hartherziger Pilz sein. Doch wenn man sich ansieht, wie manche Leute mit Sex taktieren, wirkt die violette Wurzelfäule wie ein romantischer Traumprinz. Grundsätzlich gibt es unter den Menschen zwei Arten von sexuellen Schmarotzern. Sex-Parasiten spielen Liebe, meinen aber Sex. Sexopportunisten gaukeln Sex vor, wollen aber etwas, das mit Liebe wenig zu tun hat. Zur Sache, Pilzchen! Der Sexparasit ist weit verbreitet und im Gegensatz zu Tuberculina will er vor allem eins: zur Sache kommen. Wochenlang belagert er sein Opfer. Die bedeutungsschwangere SMS ist seine Waffe, das aufmerksame Kompliment seine Munition. Es interessiert ihn nicht, ob das Objekt seiner Begierde in einer Beziehung steckt oder vielleicht einfach ein zu sensibles Gemüt für gefühlsfreien Geschlechtsverkehr besitzt. Hat er erst sein Herz erobert, führt der Weg direkt in die Kiste. Dort nutznießt der Sexparasit den Körper seines Wirts solange, bis ihm jemand Neues auffällt. Seinen Opfern ist nicht zu helfen. Sie fühlen sich missbraucht und benutzt, hätten es aber eigentlich besser wissen müssen. Pilzförmige Opportunisten Komplizierter verhält es sich dagegen mit Parasitensorte zwei. Der Sexopportunist ist Meister darin, körperliches Interesse vor zu täuschen. Er taucht immer dort auf, wo es etwas zu holen gibt. An der Uni, im Büro oder an der Bar findet man immer diesen Typ Mensch, der alles umsonst bekommt und dafür nur so tun muss, als wollte er mit einer verantwortlichen Person ins Bett. Sehr hübsche Studenten zum Beispiel – männlich, wie weiblich - sind oft sehr faul. Die Zeit, die sie zur Körperpflege benötigen, geht den Vorlesungen verloren. Wenn sie trotzdem sehr gute Noten haben, liegt es oft nicht daran, dass sie doch noch der Lernkoller gepackt hat. Sondern, dass sie genau wissen, wann die Sprechstunde des Dozenten ist. Nicht, dass deswegen etwas läuft. Es reicht schon, so zu tun, als hätte man nichts dagegen, würde nur der Professor seine Berufsethik in den Wind schießen. Der freut sich darüber so sehr, dass es ihm egal ist, wenn seine Schüler die Klausur in den Sand setzen. Wer so nett ist, bekommt seinen Einser. Mit Sex kann man auf dieser Welt ziemlich viel erreichen. Dazu muss man ihn gar nicht haben. Viel effektiver als das berühmte „Sich-Hochschlafen“ ist es, so zu tun, als ob – es spart Zeit, Energie und Würdeverlust. Tuberculina hat das begriffen. Jeder Pilz, der sich auf das Spielchen einlässt, hat es nicht besser verdient.