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Illustration: karen-ernst In Sachen Sperma gilt es sachlich zu bleiben, gerade jetzt, im Angesicht von SPUR-M. Hinter dieser Abkürzung verbirgt eine „all natural male enhancement formula“, die die Sperma-Menge eines Mannes binnen Tagen um 500 Prozent zu steigern vermag. Jedenfalls versprechen das Viola Gomez, Susanna Core und ein halbes Dutzend anderer Frauen, die sich diesmal nicht per E-Mail als „fuck-friend“ andienen wollen, sondern sich um das weitweite Sperma-Aufkommen sorgen. Sie fragen, ob der eigene Schwanz nur tröpfelt statt in großem Schwall zu spritzen, auch wollen sie wissen, ob man sein Mädchen nicht einmal mit einem richtig gewaltigen Samenerguss beeindrucken möchte. Die grausamen Folgen von SPUR-M Ich nehme es als Anzeichen erfolgreicher Emanzipation, dass diese Fragen von Frauen gestellt werden, doch frage ich mich, ob Viola Gomez und Susanne Core wirklich wissen, was ihre Antwort auf diesen Fragen, SPUR-M, für Folgen nach sich ziehen könnte. Ein Samenerguss, dieser Teelöffel voll Seim, hat fünf Kilokalorien, den pH-Wert eines handelsüblichen Shampoos und besitzt bei Austritt eine Ejakulationsgeschwindigkeit von 17 Stundenkilometern, wobei man sich schon allein das schöne Wort Ejakulationsgeschwindigkeit auf der Zunge zergehen lassen müsste, würde einem das nicht als billige Ironie ausgelegt – der Samenerguss also ist umfassend erforscht. Vom Anfang (ein Spermium braucht 74 Tage, um zu reifen) bis zum Ende (die Reisegeschwindigkeit – nennt man wirklich so! – der Spermien im Körper der Frau beträgt drei bis vier Millimeter pro Minute) und allem zwischendrin (übermäßiger Knoblauchgenuss lässt Sperma muffig schmecken, wogegen der Genuss von Ananas-Saft ein angenehm süßliches Aroma zur Folge hat.) Ganz grundsätzlich bedeutet ein Samenerguss aber: Aus dem Penis treten zwischen zwei und sechs Milliliter Sperma aus, und obwohl nur knapp fünf Prozent dieser Menge tatsächlich Spermien sind, macht das dann zwischen 400 und 600 Millionen Spermien pro Samenerguss. Lieber strukturkonservativ als ein nahendes Armageddon Es gibt Freunde der Statistik, die aus diesen nüchternen Zahlen apokalyptische Szenarien errechnen können: Alle Spermien eines einzigen Samenergusses aneinandergereiht ergeben bei 0,05 Millimeter Spermienlänge eine Schlange, die – nein, nicht einmal um die Erde, aber immerhin 150 Meter weit reicht. Ejakuliert ein Mann, ergießen sich bei 600 Millionen Spermien rund neun Millionen Gigabyte Erbinformation, das ist in etwa so viel, wie auf 1,5 Millionen Billig-Festplatten von Computern passt. An einem gewöhnlichen Sex-Tag schlafen von den sechs Milliarden Menschen der Erde geschätzte 100 Millionen miteinander, was bedeutet, dass sich jeden Tag über 40 Milliarden Spermien auf die Reise in 50 Millionen Frauen machen und 50 Millionen Männer für diesen Zweck 300 000 Liter Sperma verspritzen, was – es lebe die seltsame Statistik! – in etwa die Menge ist, die ein durchschnittlicher Deutscher in sechs Jahren beim Duschen, Waschen und Kochen an Wasser verbraucht oder, besser noch, der Menge Bier entspricht, die 2400 Deutsche in einem Jahr trinken. Man möchte sich gar nicht ausmalen, was passieren könnte, ejakulierten alle Männer der Erde gleichzeitig – kurze Überschlagsrechnung: drei Milliarden Männer, 18 Millionen Liter Sperma, das ist ziemlich genau dreimal so viel Flüssigkeit, wie insgesamt auf dem Oktoberfest Bier getrunken wird, Prost! Die dabei auf einen Schlag frei werdende Erbinformation betrüge 27 Billiarden Gigabyte, die Schlange der Spermien reichte 450 Millionen Kilometer weit und mit den 15 Milliarden Kilokalorien könnte man etwa 4000 Jahre lang alle Ochsen mästen, die in dieser Zeit auf dem Oktoberfest verzehrt werden würden. Schon gar nicht möchte ich mir ausmalen, was geschähe, nähmen die drei Milliarden Männer auch noch SPUR-M („Try SPUR-M now, shoot out burst after burst!“) und wirkte es tatsächlich so, wie Viola Gomez und Susanna Core versprechen – Armageddon wäre nahe. Deswegen: Herzlichen Dank, aber in Sachen Sperma bin ich strukturkonservativ, da hätte ich gerne, dass alles so bleibt, wie es ist.