Ein Kondom gegen Vergewaltigungen

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Illustration: karen-ernst „Ich wünschte, ich hätte Zähne da unten.“ Die Frau, die das zu Sonette Ehlers sagte, war eine von zehntausenden Südafrikanerinnen, die jedes Jahr Opfer von Vergewaltigung werden. Eine von Millionen Frauen auf der ganzen Welt, die jährlich sexuellem Missbrauch wehrlos ausgeliefert sind. Um das zu ändern, hat Sonette Ehlers ein neues Produkt auf den Markt der Selbstverteidigungsprodukte gebracht: Das Anti-Vergewaltigungskondom Rapex. Das ist eine kleine Latexvorrichtung, die wie ein aufgerolltes Kondom aussieht. Mit dem kleinen Unterscheid, dass sie zubeißen kann. Funktionieren soll das folgendermaßen: Frau führt Rapex ein, wenn sie sich in Gefahrenzonen begibt. Die kleinen Widerhaken auf der Innenseite bleiben so fest an jedem unerwünschten Eindringling hängen, dass der vor Schmerz garantiert nicht mehr zum Zug kommt. Das Aggrokondom lässt sich nur operativ wieder entfernen. Um seine Männlichkeit zu retten, muss der Vergewaltiger also ins Krankenhaus gehen und sich dort mit aller Wahrscheinlichkeit unangenehmen Fragen stellen. Südafrika hat nicht nur weltweit die höchste Vergewaltigungsrate sondern gehört zu den am schwersten von HIV / Aids betroffenen Ländern. Man muss kein Einstein sein, um einen Zusammenhang zu erkennen. Das Anti-Vergewaltigungskondom erfüllt also einen doppelten Zweck: Strafe für den Vergewaltiger und Schutz des Opfers vor Krankheit. Privatisierter Schutz vor Vergewaltigungen Richtig in Feierlaune bringt es dann allerdings doch niemanden. Erstens weiß kein potentieller Vergewaltiger, ob eine Frau sich ausgerüstet hat. Vor dem Gewaltakt an sich wird sie also nicht unbedingt geschützt. Zweitens setzt ein Anti-Vergewaltigungs-Kondom ja den Bestand der Vergewaltigung voraus. Effektive Prävention sieht anders aus. Anstatt in einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz Gewalt zu vermindern und Aufklärung zu betreiben, wird der Schutz quasi privatisiert. Frauen sollen ihr Geschlecht bewaffnen, um es zu schützen – und das im 21. Jahrhundert. Jeder, der an die Moderne glaubt, wird jetzt verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. Die Vorstellung von bewaffneten Vaginas hat ja durchaus einen endzeitmäßigen Touch. Sind wir auf dem Weg in einen Krieg der Geschlechter, in dem sich Männer und Frauen so brutal wie möglich gegenseitig ihre Sexualität zerstören? Eigentlich waren wir doch an dem Punkt der Zivilisation angekommen, wo man auch mal miteinander reden kann. Zähne statt einer Friedensutopie Vergewaltigung ist nicht modern. Sondern seit dem es Menschen gibt, ein bewährtes Mittel der Erniedrigung und Unterdrückung. Laut Amnesty International gehört sie zu den meist angewandten Methoden in Diktaturen und Bürgerkriegen, um Widerstand zu brechen. Und da, wo das gesellschaftliche Klima gereizt ist, gehört Gewalt zum männlichen, wenn nicht sogar zum allgemeinen Selbstverständnis. Auch in friedlichen, fortschrittlichen Ländern, wo Frauen prinzipiell Sicherheit genießen finden Vergewaltigungen statt. Solange Menschen in der Lage sind, sich gegenseitig Schmerzen zuzufügen, wird das wohl auch so bleiben. Natürlich wäre es toller, wenn die Frauen statt einem Anti-Vergewaltigungs-Kondom auf einmal den Schlüssel zu einer Friedensutopie in die Hand gedrückt bekämen. Bis dahin kann es allerdings noch eine ganze Weile dauern. Deswegen sollten wir erst einmal froh sein, dass zumindest die Möglichkeit besteht, Zähne da einzusetzen, wo jeder Mensch am schwächsten ist.

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