Es lebe der Sextalk!

Kaum überwindet man ein gewisses Alter und steckt in einer längeren Beziehung, hört man auf mit seinen Freunden über Sex zu reden. Warum eigentlich?
Von Martina Holzapfl
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Illustration: Julia Schubert

Lene und ich kennen uns, seit wir zwölf Jahre alt sind, und noch heute gehen wir alle paar Wochen in eine Bar um dort zusammen Drinks zu trinken und zu reden. Lene wird aller Voraussicht nach Gynäkologin. Letztens sprachen wir über Regelschmerzen, da sagte sie sehr fachmännisch: „Ich vermute ja, dass du eine nach hinten gebogene Gebärmutter hast. Das würde auch deine Sexvorlieben erklären." – "Waaaas?" Ich riss die Augen auf. Stille. Lene wieder: „Wir reden heute irgendwie überhaupt nicht mehr über Sex, oder?"

Was Lene über meine Sexvorlieben weiß, das weiß sie aus der Zeit, in der das mit dem Sex anfing bei uns. Zwischen 15 und 18 empfanden wir eine unendliche, diebische Freude an exzessiven Sexgesprächen. In den hintersten Ecken unserer Schränke lagen noch Unterhosen in Kindergröße und wir diskutierten schon über den unserer Meinung nach überschätzten Effekt des Gelecktwerdens, variierenden Spermageschmack und Sex während der Periode. Wir verfielen in höchstes Staunen über die verschiedenen Grade unserer Feuchtigkeit, deklinierten mögliche Stellungen und welche wir am intensivsten und damit am besten fanden, durch, lästerten über die Ungemütlichkeit von Sex in der Badewanne, erzählten uns von entdeckten Fetischen und fanden es sehr wichtig auszuprobieren, wie oft wir maximal an einem Tag mit unserem Freund Sex haben konnten.

Jetzt sind wir Mitte 20 und ja, auch das stimmt, wir reden nicht mehr viel darüber, was sexmäßig passiert. Natürlich: Wenn man schon mit 18 alle erdenklichen Positionen, Ausscheidungen und Peinlichkeiten des intimen Miteinanders durchdiskutiert hat, ist man mit 25 auch ein bisschen durch damit. Erst recht, wenn man nicht mehr als Single durch die Clubs irrt, sondern in einer ernsthaften Beziehung steckt. Wie Lene und ich. Bei ihr sind es bald sieben Jahre, bei mir dreieinhalb. Wir sind unseren heutigen Partnern viel näher als den früheren, näher noch als unseren Freundinnen. Das Verhältnis hat sich umgekehrt. Deshalb wollen wir auch einfach nicht mehr so gern, dass unsere Freundinnen bis ins letzte Detail wissen, wie unser Freund untenrum beschaffen ist, worauf er steht, was er alles mit uns macht, was er gut, was nicht so gut kann und wie er klingt, wenn er kommt. Schützen wir ihn, schützen wir uns. Früher waren wir da gedankenloser. Weil wir wussten: Der Typ wird irgendwann vergessen sein. Der jetzige vermutlich nicht. Fast unmerklich ist Sex zu einem isolierten Beziehungsding geworden, zur Privatsache, die zwischen uns und unserem Partner auszuhandeln ist.

Wenn wir jetzt mit unseren Mädels über Sex reden, reden wir über so nüchterne Dinge wie Verhütung, darüber, was eine Alternative zur Pille sein könnte, wenn wir kein Bock auf Hormone haben. Aber jedes weitere explizitere Nachfragen zu aktuellen Sexpraktiken streift Schamgrenzen, die wir früher nicht hatten. Weil wir es nicht mehr gewohnt sind, so hemmungslos über Sex zu reden, können wir es auch nicht mehr so gut wie früher. Und eigentlich ist das total okay so. Fanden wir, Lene und ich, die ersten Schlucke unseres Gin Tonics nehmend.

Doch dann kam der nächste Drink und noch mal einer und mit ihnen kam dann allmählich auch das ultimative Sexgespräch revisited, bei dem, ha, ungefähr Folgendes herauskam: In Wahrheit plagen uns ziemlich viele Zweifel darüber, ob unser Sexleben so passt, wie es ist, ob da jetzt das Verhältnis zwischen Routine und Überraschungs-Geilitäten stimmt, wie das eigentlich bei den Anderen so läuft und wohin man eigentlich mit so zeitweiligen Fremdschlaf-Fantasien und Fantasieverknalltheiten soll. Als wir rauswankten, hatten wir ungefähr folgende Sachen ziemlich haargenau abgeglichen: Wir lassen sehr oft einfach die Hälfte unserer Klamotten beim Sex an. Wir haben defintiv weniger Sex, als wir vor anderen zugeben würden. Wir schlucken seit Jahren schon kein Sperma mehr, weil wir irgendwann eingesehen haben, dass es nicht cool, sondern eklig ist. Wir machen es uns manchmal lieber gegenseitig mit den Händen, als sexmäßig rumzuturnen. Und es gibt nicht selten Zeiten, da ist der Sex so durschnittlich, dass wir am Konzept der Monogamie zweifeln, so lange, bis uns dann glücklicherweise doch wieder eine fucking-heiße-Pornosexphase in Trance hüllt und alle Zweifel vergessen lässt.

Dass unsere beziehungsinterne Sexinsel wirklich so gut isoliert funktioniert, war also eine Lüge. Sexkonvents unter Freunden sind irre wichtig. Auch wenn sie nicht mehr so oft stattfinden müssen, weil alle ersten Male geschafft sind und die gängigsten Fetische durchgesprochen: Die Agenda unserer potentiellen sexuellen Gesprächsthemen ist längst nicht abgehakt. Und es gibt ja nichts Entspannenderes, als sich miteinander einzugestehen, dass man irgendwie auch ganz froh ist, dass diese Zeiten vorbei sind, in denen diejenige die Coolste ist, die den meisten Sex an einem Tag hat. Denn eigentlich war das auch ganz schön anstrengend.

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