Get berühmt, not naked

Illustration: karen-ernst Berühmt werden ist an sich ein hartes Geschäft.
meredith-haaf
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Illustration: Julia Schubert

Illustration: karen-ernst Berühmt werden ist an sich ein hartes Geschäft. Wer nicht zufällig ein paar schwerreiche Rockstareltern zur Verfügung stehen hat, muss für gewöhnlich eine ganze Menge Energie und ein paar Jahre seines Lebens investieren, um wahrgenommen zu werden. Politisch ambitionierte Jugendliche verbringen ihre beste Zeit hinter Infoständen in Fußgängerzonen, wo niemand etwas von ihnen wissen will; aufstrebende Jungmusiker fristen ihre Tage in muffigen Proberäumen. Die Erfolgsquote ist eher niedrig und der Frustpegel meist hoch. Geht aber auch alles viel einfacher. Die Variante „Nacktmachen vor einer Kamera“ erfreut sich spätestens seit nackten, protestierenden Studentinnen wieder wachsender Beliebtheit – und das scheint niemanden zu stören. Tätowierte Popos statt Pam-Erotik Die Website suicidegirls.com gilt als Avantgardeforum unter den Erotikseiten. Besucher finden dort ein paar Artikel über Popthemen, jede Menge Merchandisingware und vor allem massenhaft Mädchen. Gepiercte Rockerinnen, tätowierte Punks, blasse Gothicmädchen, dicke und dünne Emogirlies – alles dabei und alles nackt oder zumindest in Strapsen. Jedes Modell hat ihren eigenen User-Namen, führt Buddylisten, schreibt Tagebuch und stellt in regelmäßigen Abständen neue Photosets online. Im Gegensatz zu den entpersonalisierten Bunnies, die man auf der durchschnittlichen Pornoseite findet, dürfen die Suicide Girls also ein bisschen mehr tun, als ihre Brüste zeigen. Dass es in der Hauptsache darum geht, ist aber offensichtlich. Als Nackedei das Hobby promoten Lohnen soll sich das für sie aus zwei Gründen. Einerseits werden die Models bezahlt. Andererseits wirbt suicidegirls.com mit dem Angebot: "Kostenlose Werbung für eure Projekte, Ausstellungen und Bands." Das Konzept heißt: Zieh dich aus, dann hört vielleicht jemand dein Demotape. Diese kreative Pornokolonie ist stolz auf ihre "starken, selbstbewussten Individualistinnen". Attraktive Frauen, die etwas können, sind ja auch etwas Feines. Warum die aber ihre gepiercten Nippel und tätowierten Hinterteile herzeigen sollen, anstatt sich auf ihre Künstlerkarrieren zu konzentrieren, ist trotzdem nicht ganz klar. Ziemlich eindeutig ist nämlich die Tatsache, dass es keine Jungs auf suicidegirls.com gibt. Sie kommen nur zum Gucken. Und machen, wie etwa der bekennende Suicidegirls-Fan Dave Grohl, ansonsten Karriere. Der lobt die Website dafür, dass sie mit dem gängigen Erotikideal à la Pamela Anderson aufräumen würde: Auch blasse Gothicvamps mit Speckröllchen können sexy sein! Bitte angezogen bleiben und trotzdem berühmt werden! Stellt sich nur die Frage: Warum hat Dave Grohl nie nackt für ein Pornoheft posiert, um seine Band, die Foo Fighters, zu promoten? Immerhin hätte er auf diese Weise auch einiges gegen die gängige Idee von Erotik tun können. Doch er hat es nicht nötig und vermutlich hat es noch nie jemand von ihm verlangt. Viel wichtiger ist aber, dass Dave Grohl wahrscheinlich noch nie auf den Gedanken gekommen ist. Der Gedanke, den Körper einzusetzen, um Erfolg zu haben, liegt Mädchen immer noch näher als Jungs. Zurzeit mehr denn je. Es wird als progressiv und emanzipiert gefeiert, wenn Mädchen sich für ihre Interessen ausziehen. Doch niemand wird frei, indem er sich öffentlich auszieht, um auf sich aufmerksam zu machen. Frei ist, wer seine Ideen und Vorstellungen umsetzt, ohne sich dem grundsätzlichsten aller Machtverhältnisse – hübsche Frau, erfolgreicher Mann – unterzuordnen. Deswegen tun all die nackten Fernsehmoderatorinnen im Playboy und ihre Kolleginnen im Internet sich selbst und allen anderen Frauen überhaupt keinen Gefallen. Das wird erst dann der Fall sein, wenn es genauso viele Suicideboys wie -girls gibt.

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