Hairy Legs oder seidenglatte Haut?

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Schlimm ist die Situation, in der sich jedes Mädchen irgendwann einmal findet. Wenn sich inmitten von unvorbereiteten Küssen und Reißverschlusszerrerei plötzlich ein uneingeladener Gast im Kopf breit macht: Der Gedanke nämlich an das unrasierte Bein, das gleich zum Vorschein kommen soll.

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Illustration: Julia Schubert

Nagende Sorge entwickelt sich dann zu heißluftballongroßer Panik. Sie betrifft in erster Linie das, was in dem Kopf des beteiligten Jungens vorgehen könnte, wenn er entdeckt, dass sich keine seidenglatten Gliedmaßen in der Jeans verstecken. Im Mädchenkopf spielen sich unendliche Reaktionsmöglichkeiten ab. Sie reichen von tiefer Verstörung seinerseits bis zu großzügigem Hinwegsehen. Zwischendurch meldet sich dann auch noch die Ratio zu Wort, die darauf hinweist, dass es doch gerade um etwas ganz anderes als irgendwelche Periphermerkmale geht. Die Not wird immer drängender, und dass unter all den Überlegungen die wohlige Entspannung deutlich nachlässt, versteht sich von selbst. Körperbehaarung ist niemandem egal. In dem Maße, wie wir unsere Körper zeigen, müssen wir sie schön und damit eben unbehaart halten, das gilt für Mädchen und Jungen gleichermaßen. Für jeden Menschen kommt irgendwann Zeitpunkt, an dem er feststellt, dass er betrachtet wird. Mädchen beginnen dann, auf ihre Figur zu achten, Spitzenunterwäsche zu kaufen. Und sich die Beine zu rasieren. Denn schon jetzt stellt sich ein – wenn auch zunächst diffuser – Zusammenhang her zwischen Gucken und Anfassen: Wer attraktiv ist, den will man auch berühren. So entsteht mit dem Alter also der Anspruch an den eigenen Körper, hübsch und gut anlangbar zu sein. Hinzu kommt der Druck gesellschaftlicher Erwartungen. Denn Behaarung an den falschen Körperzonen löst bisweilen geradezu bizarre emotionale Reaktionen aus. Es gibt Leute, die vom Anblick einer haarigen Frauenachsel so schwer traumatisiert werden, dass sie sich noch zehn Jahre später daran erinnern. Es gibt Männer, die erzählen, sie seien liegen gelassen worden, weil ihre Rückenbehaarung als unerträglich empfunden wurde. Andere, die selber aufsprangen, weil die Dame in ihrem Bett nicht intim rasiert war. Vernünftig betrachtet ist diese Hysterie ziemlich albern bis peinlich. Zur Begründung könnte man jetzt einmal wieder auf all die glatt glänzenden Körperlein verweisen, die in Zeitschriften und Fernsehen herum springen. Allerdings gehört der Drang zur Enthaarung wohl genauso zur condition humaine wie das Kinderkriegen oder Kriegführen. Unsere massenmedial verbreiteten Schönheitsideale kommen schließlich nicht aus dem antiken Ägypten. Und schon dort beschmierten sich Männer wie Frauen mit den gruseligsten Substanzen um ihre Haare los zu werden, auch im – ansonsten ja eher unzimperlichen – Mittelalter galt unbehaarte Haut als Zeichen von Nobilität. Wir sind also nicht wirklich weiter gekommen. Das ist auch prinzipiell in Ordnung, denn aus gutem Grund schallt der Ruf nach dem weiblichen Dreitagebein eben nicht durchs Land. Ein bisschen mehr Diskretion ist dagegen ein Gefallen, den wir uns allerdings durchaus tun könnten. Schließlich sind wir ja auf unsere Zivilisationssteigerung der letzten Tausend Jahre auch irgendwie stolz. Die Intensität, mit der – bis zum Intimbereich – irgendwelche Paradigmen der Rasur festgelegt werden, spricht allerdings nicht gerade für ein Mehr an Zivilisiertheit. Der ganze Haar- und Enthaarzirkus ist nämlich in seiner langen Geschichte schon mal wesentlich unauffälliger über die Bühne gegangen. Es ist davon auszugehen, dass jeder Mensch nach Möglichkeit seinen Körper so gestaltet, wie er ihn gut findet. Es ist vielleicht nicht immer besonders ansprechend, wenn es irgendwo wild sprießt – aber das dann gleich lautstark für abstoßend zu erklären, ist auch nicht gerade sympathisch. Das Haarthema darf also hiermit ruhig die Fliege machen. Erstens erledigt es sich von selbst. Und zweitens würde mit ihm dann auch endlich wieder die Panik aus den Betten verschwinden. Denn dort hat sie eh nichts verloren und der Frühling kann sich dann endlich so richtig breit machen. Illu: dirk-schmidt

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