Hört auf zu schnüffeln!

Erst mal das Internet sondieren: Die Unsitte, neue Bekanntschaften zu googeln, zerstört das Geheimnis des Kennenlernens. Eine Selbstanklage
xifan-yang

Es gibt viele überlieferte kleine Alltagsbräuche, die es einigermaßen unbeschadet in unser Zeitalter geschafft haben. Zu jenen, die ich besonders putzig finde, gehört das Ritual, Geschenke zu verpacken, was objektiv betrachtet sinnloses Einmummen von Gebrauchsgegenständen in umweltschädliches Einwegpapier ist und damit eigentlich abgeschafft gehört. Dennoch macht es jeder, selbst ansonsten wenig auf Förmlichkeit bedachte Zeitgenossen, die vor dem Geburtstag eines Freundes hastig die lieblos zusammen gestellte Mix-CD in das Feuilleton von gestern knüllen und eine Schleife aus Frischhaltefolie drum herum binden. Es ist eben eine kleine Respektsbekundung, mit der man einem Menschen den sinnlosen, aber schönen Kitzel einer kurzen Entdeckungstour schenken kann.

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Illustration: Julia Schubert

Geht es jedoch um den Kitzel, den man erleben kann, wenn man eine fremde Person kennen und lieben lernt, ist mittlerweile aber auch dem letzten die Lust am Unbekannten abhanden gekommen. Ein Beispiel: Am ersten warmen Wochenende dieses Jahres saß ich mit einer guten Freundin im Park. Irgendwie kam sie mit einem netten Jungen ins Gespräch, der wenige Meter neben uns auf einer Wolldecke logierte. Er hieß David, grinste schelmisch und hatte kein T-Shirt an. In einem früheren Leben hätte man da konkrete Schritte in Angriff nehmen können, sich verabreden zum Beispiel, aber meine Freundin wählte den konkretesten von allen: Sie ging erst mal ins Internet und fand über Google und Facebook alles über ihn heraus, was drin war. Es stellte sich heraus, dass David in seiner Pubertät goldene Ohrringe trug, seltsame Essgewohnheiten hat, sich erst vor zwei Wochen von seiner langjährigen Ex-Freundin getrennt hat, die ihn nun auf Facebook verleumdet. Alles Dinge, die man eigentlich gar nicht wissen will, zumindest nicht sofort. Meine Freundin hatte dann irgendwie doch keine Lust mehr, ihm zu schreiben. Jetzt kann man natürlich herkommen und sagen, ist doch selbst schuld, wer Innenleben und Jugendsünden für jeden einsehbar ins Netz stellt. Nur produziert in dem Fall das Angebot die Nachfrage und nicht umgekehrt. Vorab schon mal die Lage zu sondieren, bevor man weiter miteinander redet, ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Ich weiß inzwischen, dass ich den neuen Freund einer alten Schulfreundin doof finde, ohne ihn je getroffen zu haben, allein aufgrund seiner Google-Ergebnisse. Manchmal erlebe ich in Gesprächen, dass der andere Dinge von mir weiß, die ich ihm nie erzählt habe. Manchmal google ich mich auch selbst und frage mich vorsichtshalber, was jemand von mir denken könnte, der meinen Namen schon mal in die Suchleiste eingegeben hat. Das Hinterherspionieren im Internet dient demselben Ziel, wofür im Militär eine Vorhut in ein Einsatzgebiet geschickt wird: Dem Gewinn von Informations- und Zeitvorteilen gegenüber dem Gegner. Täuschung zwecklos. Schade eigentlich, denn Kennenlernen, gerade im amourösen Kontext, ist auch immer Verstellungskunst, bei dem der Wechsel aus Verbergen und Entblößen gespielt wird. Seine Schokoladenseiten zeigt man stolz her, Macken und peinliche Vorlieben versteckt man besser. Nun ist Versteck-Spielen umsonst wenn man ohnehin splitternackt vor seinem Gegenüber dasteht. Da ist das Internet auch nicht anders als das wahre Leben: Wer zuviel von sich preisgibt, macht sich uninteressant. Und wer zwanghaft auf den Profilen potenzieller Freund- und Liebschaften herumsurft, raubt dem anderen die Möglichkeit, sich interessant zu machen bzw. interessant zu sein. Man selbst bleibt indes mit dem schalen Gefühl zurück, zwei Wochen vor Heiligabend die Geschenke gefunden zu haben. Hinterhältig und indiskret ist es zudem. Genauso wenig wie man zugeben würde, in anderer Leute Schubladen herumzuwühlen, würde man schließlich bei seinem nächsten Rendezvous sagen: „Du, ich glaub das wird doch nichts mit uns. Ich hab dich gestern gegoogelt.“ Natürlich mache ich es trotzdem. Aber nur noch ganz selten, hab ich mir vorgenommen. Was man außerdem in Sachen Netzidentität beachten muss, erfahrt ihr in dieser Anleitung

Text: xifan-yang - Illustration: Katharina Bitzl

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