Liebe und Sex sind zwei Paar Stiefel

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Illustration: karen-ernst Plötzlich ist da dieser Mann aus dem Nachbarhaus. Steht in der Küche, Zentimeter hinter dem Mädchen, das gerade am Zwiebelschneiden war und presst sich an sie. Er reibt sich an ihr – und sie erwidert das. Ganz offensichtlich: Es geht um Sex. Spontan und anonym. Und sichtbarer Weise geht es hier gerade nicht um die große Liebe. Szenenwechsel: Wenige Minuten später sind die Mädchenkörper andere, aber die Bewegungen aus der Hüfte heraus deuten nicht einfach nur an, was hier als Trockenübung vorgeführt wird – den Rest besorgt der Text: Würdest du dir nicht wünschen deine Freundin wäre so heiß wie ich? Wiederum wenige Minuten später sind alle Sexregler auf Null runtergezogen, ein junger Mann jammert sich hochnotromantisch durch alle nur erdenklichen Klischees von reiner Liebe und engelsgleichen Frauen. Entweder schamlos oder stubenrein Schizophren? Ja sicher. Und doch nur ein kurzer Abriss dessen, was im Musikfernsehen zu sehen ist, wenn gerade Videos von Shakira, Pussycat Dolls und James Blunt gezeigt werden. Wer einen Eindruck davon bekommen will, was der aktuelle Zeitgeist zum Verhältnis von Liebe und Sex zu sagen hat, bekommt in den Hitparaden eine überraschend eindeutige Ansage: Entweder gibt es Sex, schmutzig, schamlos und wild. Oder Liebe in allen Schattierungen. Wahlweise gerne romantisch oder tragisch, aber stets jugendfrei und stubenrein. Ein anderes, der in den Charts gerne platzierten Sexismen völlig unverdächtiges Beispiel: Selbst in dem ebenso sympathischen wie harmlosen Film „Garden State“ wird dieses Entweder-oder zwischen Sex und Liebe zelebriert. Sex findet in diesem Film ein einzige Mal statt: Während einer Party in Kombination mit Drogen und Wildfremden. Die in „Garden State“ skizzierte Liebe dagegen ist in geradezu himmelschreiender Weise naiv, rosa – und asexuell. Über einen romantischen Kuss im Regen geht das keinen Schritt hinaus. Das mediale Bild und die wenig aufregende Wirklichkeit Nun gut, könnte man einwerfen, das sind ja auch zwei Paar Schuhe. Liebe ist wesentlich mehr als Sex und Sex ist, zumindest rein technisch, auch ohne Liebe gut machbar. Wohl wahr. Aber: Im Alltag der Meisten ist diese Trennung so nicht gegeben – und auch gar nicht erwünscht. In den letzten großen Studien über die moralischen und folglich auch sexuellen Vorstellungen der Jugend des Landes stellte sich durchgehend heraus, dass neben der medial propagierten Promiskuität und der Abschaffung aller moralischen Vorstellungen, auch wert- bis stockkonservative Gesellschaftsvorstellungen auf dem Vormarsch sind: Teenies verloben sich, Familie, Treue und die große Liebe werden gegen alle gesellschaftlichen Realitäten als ideale Lebensformen gepriesen. Wenn man sich nun die Auswirkung dieser Trennung von Sex und Liebe ansieht, dann ist der Einfluss dieser Lebensentwürfe allerdings durchaus festzustellen: Sex ist, wenn man so will, outgesourct und an eine gefühllose Pornologik verscherbelt worden. Übrig bleibt eine Vorstellung von Liebe, wogegen selbst Julia-Roberts-Filme bittere, unterkühlte Beziehungen schildern. Weiter gedacht läuft dies letztlich auf ein Modell von Partnerschaft hinaus, in dem der Mann nach Feierabend Überstunden mit der Sekretärin macht, während die Ehefrau über den Postboten herfällt – was der freundschaftlich-liebevollen Ehe jedoch keinen Abbruch täte. Vom Idealbild der neukonservativen Jugend unterscheidet sich das auf fast schon bizarre Weise. Insofern wartet hier die vielleicht größte Marktlücke der Welt auf die Film- und Musikbranche überhaupt. Es fehlt an Filmen und Lieder, die auf einer selten umgesetzten und eigentlich wahnsinnig banalen Formel basieren: Ich liebe dich – und gerade deshalb will ich Sex mit dir.

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