Lust for Frau

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Illustration: karen-ernst Die Frau, dieses unbekannte und höchst rätselhafte Wesen. Mal so, mal so, aber nie einfach. Nach dem mehr als durchschlagenden Erfolg von Viagra hat sich die Pharma-Industrie nun eben diese Frauen vorgenommen. Ein von Schulmedizin und Industrie bis dato wenig erforschtes Terrain - galten doch die Männer als kaufkräftigeres und lohnenswerteres Beschäftigungsfeld. Aber die Potenzpille hat der Industrie die Augen geöffnet: auf diesem Markt muss noch eines mehr zu holen sein. Der Mann ist nun also versorgt und funktioniert auf Knopfdruck. Was also tun mit der dazugehörigen Frau? Kampf gegen die Nullbock-Laune Schon 1997 haben 19 Ärzte am Rande eines Kongress die weibliche Unlust unter dem Begriff "low sexual desire" zu einer Krankheit erklärt und mit der männlichen Impotenz verglichen. Randnotiz: 18 von ihnen, das konnte Jahre später ein englischer Wissenschaftsjournalist aufdecken, hatten direkte oder indirekte Beziehungen zur Pharmaindustrie. Ist ein Bündel von Symptomen erst einmal zur Krankheit erklärt, dauert es bekanntlich nie lange, bis die entsprechende Medikation auf dem Markt ist und von Ärzten auch verschrieben wird. Was heißt hier gesund? Nun ist es überhaupt nicht verwerflich, die weibliche Sexualität, beziehungsweise deren Nichtfunktionieren zu erforschen und etwas dagegen zu unternehmen. Frauen, die nach traumatisierenden Erlebnissen, wie sexuellem Missbrauch, einer Krankheit oder ähnlichem ihre Libido zeitweise verloren haben, sollten nicht auf den Sankt Nimmerleinstag warten müssen, um ihre Freude am Sex zurückgewinnen zu können. Allerdings sind es nicht diese Frauen, auf die die Pharmaindustrie ihr Auge geworfen hat, sondern gesunde - also nicht therapierbedürftige - Frauen mit einem "ungesund" geringem Interesse an Sex. Selbstverständlich bleibt die Definition dessen, was in diesem Fall als gesund, normal oder ungesund zu gelten hat, nicht den Beteiligten überlassen, sondern wird von ärztlichen Autoritäten festgelegt. Ganz plötzlich ist das, was bis dato als vielleicht nicht ideal aber doch normal galt, per Definition zu einer krankhaften Fehlfunktion geworden, die dringend behandelt werden muss. Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wenn es um die Frequenz Ihres Beischlafverhaltens geht. Dass das mit der Sexualität – der weiblichen ebenso wie der männlichen - nicht immer so tadellos hinhaut, wie wir uns das im Kopf ausmalen, ist zwar manchmal peinlich, störend oder verwirrend, aber noch lange kein Grund, sich das Neuste aus dem Pillenschrank einzuschmeißen. Vielleicht sollte man einfach den, der da seit Wochen vergebens auf einen wartet, durch einen anderen austauschen. Vielleicht sieht dann die Welt auch ohne Pillen wieder rosarot, prickelnd und aufregend aus.

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