Sauna ist spannend

Illustration: dirk-schmidt Ich sitze, ein Handtuch verschüchtert auf die Scham drapiert, neben der Tür (dazu treibt mich die alte Angst, meine Nasenhaare könnten versengen).
sophie-ruedinger

Illustration: dirk-schmidt Ich sitze, ein Handtuch verschüchtert auf die Scham drapiert, neben der Tür (dazu treibt mich die alte Angst, meine Nasenhaare könnten versengen). Mir gegenüber lümmelt ein entspannter, junger Mann, der sich breitbeinig am Gemächt krault. Schräg drüben lehnt ein gebräunter Senior, an dem es nicht viel zu sehen gibt – Brusthaare, Rückenhaare, Schamhaare. Und irgendwo im Eck liegt einer mit angewinkelten gespreizten Beinen, dessen zahlreiche Körperöffnungen (oder war es doch nur eine…) mir nur so entgegen springen. Da sitze ich also in der Sauna und suche nach einer Antwort auf die Frage, die mir mein guter Freund Rocco in einer Email stellte: „Liebe Sophie, wie verhält man sich in der Sauna? Schaut man den Menschen ins Gesicht? Oder auf die Füße? Oder sieht man sich in offener Neugier die Geschlechtsteile der anderen an? Morgen wird es für mich das erste Mal sein, und ich habe Angst. Antworte schnell!“ Ich konnte ihm die Frage nicht beantworten, ohne es ausprobiert zu haben. Und in einem kleinen, sehr heißen Raum suche ich schwitzend nach Antworten, indem ich überlege, was sich hier in den nächsten Minuten abspielen könnte: Möglichkeit 1 Ich bleibe einfach weiter sitzen, was sonst. Es passiert schließlich nichts, was mich dazu treiben könnte, fluchtartig den Raum zu verlassen. Ich wische mir weiter lässig den Schweiß von der Stirn, strecke ab und zu meine Beine aus und mache Zehengymnastik. Das Gemächt von gegenüber interessiert mich reichlich wenig, Körperöffnungen sind sterbenslangweilig und hier sind wir sowieso alle gleich. Die Sauna: das Paradies, bevor Eva in den Apfel biss. Möglichkeit 2 Mir wird heiß, unerträglich heiß. Die Blicke meines Gegenübers treiben mich in große Peinlichkeitsgefühle - der soll weggucken. Er setzt sich gleich noch neben mich, um mich besser dreist von der Seite anglotzen zu können und all die andern werden auf meine Hilfeschreie mit „Hey, hab dich mal nicht so, das ist ne Sauna, hier darf geglotzt werden, nein, hier SOLL geglotzt werden!“ reagieren. Sie werden mich schließlich mit ihren Handtüchern bewerfen und ich ein Schild um den Hals gehängt bekommen, mit der Aufschrift “VOLL VERKLEMMT“. Dann renne ich weg. Möglichkeit 3 Ich betrachte meine Saunakollegen. Alt und faltig, jung und knackig, etwas alt und uninteressant. Ich vergleiche ihre Geschlechtsteile. Mini, äh, Maxi, nicht zu sehen. Die träge Stimmung heizt mich schließlich so an, dass ich mein Handtuch an die Wand schleudere; dabei springe ich auf und rufe „Leute, ich bin nackt, ihr seid nackt, die Nacht ist noch jung, ich habe meinen Eisprung, na wie wär’s!?“ Fluchtartig verlassen die drei Männer den Raum, kurz darauf werde ich von einem Mann in Bademeisterkluft an die Hand genommen und nach draußen geführt. Möglichkeit 4 Mein Gegenüber glotzt mich an, ich glotze zurück. Es entwickelt sich eine elektrisierend-knisternde Spannung zwischen uns, die sich kurz darauf in der Umkleide entlädt. Möglichkeit 5 Ich werde ignoriert. Auch auf meine eindringlichen Blicke hin erfahre ich keinerlei weitere Beachtung, was mir großes Kopfzerbrechen bereitet. Ich sehe an mir herunter und stelle fest, dass diese eine Bauchfalte wohl auch meinen beginnenden Verfall bedeutet, und, hängt da nicht die linke Brust? Ich ziehe mein Handtuch in Richtung Hals, lege mich mit einigen eher ungeschickten als unauffälligen Bewegungen auf den Rücken und decke mich mit dem Handtuch zu. So bleibe ich liegen, bis alle Herren den Raum verlassen haben. Unter großem Unwohlsein verlasse ich wenig später das Gelände der Sauna. Ziel: das nächste Laufband. Was wirklich passiert: Ich sitze da, wische mir den Schweiß von der Stirn und spüre die Blicke meines Gegenübers. Fummelt der sich dabei wirklich an…? Bah, widerlich. Ich sehe nach links. Der ältere Herr hat sichtliche Probleme mit der Hitze. Sein Kopf glüht und seine Umgebung interessiert ihn herzlich wenig. Ich möchte ihn an die Hand nehmen und mit ihm nach draußen gehen. Der liegende Mann liegt, kratzt sich ab und zu untenrum und stört nicht weiter. Dafür stören mich die Blicke des Gemächtfummlers zunehmend, ich sammle alle bösen Gedanken und schmeiße sie in den nächsten Blick, den ich ihm zuwerfe. Schließlich verlasse ich schnaubend die Sauna, nicht ohne ihn mit einem abfälligen Kopfschütteln zu verabschieden. Insgeheim fühle ich mich aber auch ein wenig geschmeichelt, dass er sich an meiner Bauchfalte nicht gestört hat. Am Abend schreibe ich Rocco zurück. „Lieber Rocco, eine Sauna ist ein merkwürdiger Ort. Die offensichtliche Nacktheit wird hier so dermaßen totgeschwiegen, dass alles, was du tust, irgendwie falsch und richtig zugleich sein wird. Wenn du glotzt, wirst du verurteilt werden, wenn du es nicht tust, obwohl du allen Grund dazu hättest, auch. Viel Spaß! Deine Sophie. P.S.: Obwohl, eigentlich: ein bisschen glotzen dürfte nicht verkehrt sein!“

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