Sei mir ein schönes Vorbild!

karen-ernst Neulich sah ich gemeinsam mit einem Herrn meiner Bekanntschaft den Clip zur neuen Single „Hung Up“ von Madonna.
meredith-haaf
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Illustration: Julia Schubert

karen-ernst Neulich sah ich gemeinsam mit einem Herrn meiner Bekanntschaft den Clip zur neuen Single „Hung Up“ von Madonna. Der sieht so aus: In einem pinkfarbenen Trikot räkelt sich Madonna auf dem Boden eines Tanzstudios. Sie spreizt die Beine und reibt ihr Becken an dem Parkett. Man sieht eine Menge durchtrainierter Körperteile, man sieht diesen aber auch ihre 48 Jahre Alter an. Das Ganze ergibt dann ungefähr den Sexappeal einer Steinstatue aus der griechischen Antike - in der Form schön, in der Sache alt. Nach etwa zwei Clipminuten schwingt sich Madonna noch in ein Nachtleben. Inmitten eines Haufens hübscher Tänzer grindet sie sich die Seele aus dem Leib, Becken an Becken mit einem 20-jährigen Latino. Mein Bekannter kommentierte das Spektakel mit: „Schlechtes Lied, geiler Arsch“. Mich aber versetzte das Gesehene in vollen Kriegerinnen-Modus. Die Kombination aus neonfarbener Erotik und Hirnlosigkeit lässt eines vermuten: Für Frauen in der Öffentlichkeit scheint es unmachbar zu sein, Intellekt, Sex und Würde unter einen Hut zu bringen. Erwachsene Frauen in der Öffentlichkeit lassen sich mit ein bisschen Vereinfachung in zwei Hauptkategorien teilen. Die einen heißen Madonna oder auch Uschi Glas. Ihr Körper ist Zentrum ihrer Marketingstrategie und damit ihrer Existenz. Den einsetzenden physischen Alterungsprozess wissen sie nur mit radikaler geistiger Regressivität zu kompensieren. Die anderen schreiben Texte für die großen Zeitungen, heißen Alice Schwarzer oder Angela Merkel. Im Gegensatz zu den Madonnas und Uschis haben sie ihren Erfolg durch geistige Leistung erreicht. Doch anstatt die Schönheit ihrer schlauen Gehirne nach außen zu tragen, haben sie für jede Form von praktischer, weiblicher Attraktivität nur Verachtung übrig. Dorfteenie oder langweiliges Hascherl Folglich haben Mädchen wie ich ein Vorbildproblem. Mit Anfang zwanzig möchte man gerne alles: Schlau sein und Karriere machen und dabei immer noch auch mal als Objekt der Begierde gehandelt werden. Und eigentlich könnte gerade Madonna, die erfolgreiche, attraktive Knallerfrau mit Familie da durchaus Inspiration bieten. Das Problem ist, dass Madonna jetzt alles falsch macht. Anstatt sich halbwegs so zu verhalten, wie man es von einer erwachsenen Frau erwarten kann, führt sich auf wie ein Dorfteenie im Hormonrausch: ein bisschen doof und ausgesprochen peinlich. So will niemand sein, nicht mal der Teenie selbst. Wobei die andere Seite kein Stück besser ist. Permanent schallt es aus den Mündern der 50-jährigen Karrierefrauen: Männer können eine erfolgreiche, intellektuelle Frau nicht begehren. Dafür haben sie zu viel Angst vor ihr. Deswegen hat eine Frau die Wahl: Sie lässt den Mann und seine Begierde links liegen. Oder sie bleibt ein langweiliges, abhängiges Hascherl an seiner Hand. Es ist nicht spießig, den Körper hinter den Geist zu stellen. Es ist aber auch nicht verwerflich, trotzdem schön sein zu wollen, auch mit 50. Das haben all diese schlauen Frauen nicht verstanden. Zwar gab und gibt es Ausnahmen. Ein Interview mit der französischen Chanteuse Juliette Greco macht beim Lesen froh, denn sie strahlt Reflexion und Charme aus. Und wer von den Ikonen der Fünfziger Jahre noch am Leben ist, wie Lauren Bacall, hat sowieso ein für allemal bewiesen, dass Würde, Intelligenz und Attraktivität eben eine ganz besonders gute Kombination sind. Die Madonnas, Angelas und Alices bekommen das aber irgendwie nicht hin. Damit verschenken sie das wichtigste, was sie als erwachsene, erfolgreiche Frauen zu bieten haben: Die Fähigkeit, den Mädchen, die alles wollen, zu zeigen wie das geht.

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