Sex auf kleinem Schirm

Illustration: karen-ernst Letztens nach der Arbeit, mit der S-Bahn auf dem Weg nach Hause, saßen zwischen all den anderen erschöpften Gestalten drei Jungs mit Baseballkappen, kichernd gebeugt um einen Handheld-Videoplayer.
michael-moorstedt
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Illustration: karen-ernst Letztens nach der Arbeit, mit der S-Bahn auf dem Weg nach Hause, saßen zwischen all den anderen erschöpften Gestalten drei Jungs mit Baseballkappen, kichernd gebeugt um einen Handheld-Videoplayer. Im Vorbeigehen und bei genauerer Betrachtung, erkannte ich den Grund für die pubertäre Heiterkeit. Das bunte Treiben auf dem Display waren bewegte Beischlafbildchen. Nach einmal Googeln weiß ich, ein neues Medienphänomen geht um: Mobile Porn, möglich gemacht durch High-End-Mobiltelefone, Video-iPod und Sonys’ Playstation Portable. Mit Podnographie habe ich es zu tun. Der Trend wirft allerdings eine fundamentale Frage auf: Was kann dazu bewegen, Sexfilme auf einem 2,5 Zoll Bildschirm zu betrachten? Noch dazu, wenn die natürliche Reaktion auf Pornographie, nämlich Selbstbefriedigung, verwehrt bleibt. So freizügig ist die sexualisierte Gesellschaft dann doch noch nicht. Plumpe Erotik hat nach all den Victorias Secret Plakatwänden und Spätnachts-Stripshows nur ein weiteres Mal ihre Alltagstauglichkeit bewiesen. Podnographie ist aber kein Ansatz für den Sex mit sich selbst mehr, sondern bloß noch ein Spezialeffekt für den Alltag. Durch seine Minimobilität hat sich der Porno endgültig entmystifziert. Neben dem Jamba-Monatspaket und der MP3-Playlist ist er nur ein weiteres Gadget fürs Ego-Tuning. Ein Statussymbol der Mediengesellschaft, nicht geeignet für die Onanie im öffentlichen Nahverkehr aber eben prima zur Selbststilisierung. Die Multifunktionsgeräte shuffeln munter zwischen Bild, Ton und Film umher und es ist so ziemlich egal, ob man jetzt gleich Robbie Williams, den Crazy Frog oder Dolly Buster aufs Ohr oder vor die Augen bekommt. Filmchen-Fieber Auf Seiten der Anbieter ist man jedenfalls nicht untätig. Im Zentrum der globalen Pornographen, in den Hügeln rund um Los Angeles ist man, wie in jeder anderen Industrie auch, beständig darauf bedacht, neue Geschäftsfelder und Absatzmärkte zu erschließen. Während ein Sony-Sprecher noch seine Missgunst über Schmuddel-PSP-Titel wie „First Class Soap Lady“ äußert, sind es vielleicht bald Playboy oder Penthouse, welche die Killer-Applikation für die Kleinstbildschirme liefern. Ob gewollt oder nicht - die Suchmaschine ‚Guba’ liefert jedenfalls bei Anfrage bereits 184 Filme mit eindeutigen Inhalten im Format für den Video-iPod. Und das Bostoner Marktforschungsunternehmen Yankee Group schätzt das Absatzvolumen der mobilen Sex-Filmchen auf 200 Millionen Dollar bis zum Jahr 2009. Es scheint doch etwas dran zu sein, an der Podnographie. Die Website ‚Suicidegirls’, sozusagen die Indie-Bastion der Online Sex-Szene ist, feierte mit ihrem Angebot unbekleideter Amateur-Darstellerinnen einen grandiosen Erfolg. Innerhalb einer Woche luden eine Million User die kostenlosen Drei-Minuten-Spots auf ihre Geräte. Und die Betreiber der Seite geben freundlicherweise auch eine kleine Gebrauchsanweisung: „Zeig es deinen Freunden, deiner Mom oder dem Mädchen neben dir im Bus,“ liest man dort. Man kehrt also sein Innerstes nach Aussen, zeigt was man hat und auf was man abfährt, egal wo und vor wem. Schamgefühl war gestern. „Der Mensch ist ein Geständnistier. Es gibt ein Gebot, sagen zu müssen, was man ist, was man getan hat, wessen man sich erinnert,“ meinte der Philosoph Michel Foucault. Die Beichte wird nur schon lange nicht mehr vor dem Popen abgegeben. Erst traten an seine Stelle die Moderatoren der Nachmittags-Trashtalkshows - bald werden es eben die Sitznachbarn im Feierabendverkehr sein.

  • teilen
  • schließen