Streit-Garantie: Die Manöverkritik nach einem Pärchenabend

Eine Sexkritik zum Thema "Manöverkritik nach der Party".
Von Fabian Fuchs
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Illustration: Katharina Bitzl

Wie kein anderer Abend im Jahr, ist der Silvesterabend eine Pärchenschau. Man geht als Duo ins neue Jahr und ist dabei naturgemäß umringt von anderen Paaren, die mit viel Effekt auf ein erfolgreich durchliebtes Jahr anstoßen. Großes Harmonieturnier! Trotzdem ist an Neujahr dann nicht nur ein Kater, sondern gerne auch mal amtliche Verstimmung angesagt, manchmal sogar schon im Taxi nach Hause. Denn auf jede feierliche Pärchenschau folgt oft (und natürlich auch regelmäßig unterm Jahr) etwas, das sich unter dem Überbegriff „Manöverkritik“ zusammenfassen lässt. Grob gesagt geht es dabei darum, wie der Partner ist, wenn andere dabei sind. Tolle Paar-Performance vor Publikum ist eine Disziplin, die eigentlich nur frischverliebte Pärchen gut hinkriegen, weil sie als einzige noch nicht darüber nachdenken, wie der Schwarm denn nun auf andere wirkt.  

Altgediente Liebespaare aber, sturmfeste Beziehungen, die im Alltag nichts mehr wanken lässt, gründen einen Großteil ihrer Streits auf Aftershow-Bemerkungen wie „Warum hast du denn wieder die olle Geschichte aus Amsterdam gebracht, jedes Jahr und keiner lacht.“ Oder „Warum behandelst du mich eigentlich immer wie ein kleines Kind, sobald wir unter Leuten sind?“ Es gibt unzählige Variationen dieser unangenehmen Nachfragen, dazu unterschwellige Vorwürfe und Anklagen, die man am Fondue-Tisch noch hinunter geschluckt hat und erst auspackt, wenn man wieder unter sich ist. Es ist seltsam - guten Freunden würde man vermutlich nie vorwerfen, dass sie immer so laut lachen oder sich mal wieder viel zu oft mit der linken Hand durch die Haare gefahren sind. Dem Partner wirft man solche Dinge von hinten an den Kopf und erntet damit nahezu in Minutenschnelle eine brachial ausgeweitete Kampfzone. Kein Wunder: Was der eine bis dahin als gelungenen Abend interpretierte, scheint für den anderen eine einzige Übung in Fremdschämen gewesen zu sein - ein sehr gemeiner Gedanke. Da hilft nur sofortiges Gegenschießen und Aufzählen, was am Auftreten des anderen auch mal wieder total lächerlich war: Klar, dass du wieder die Flasche umgeworfen hast, dass du den ganzen Abend kein Wort zu mir gesagt hast, mir keinen richtigen Kuss gegeben hast, wieder als Letzter gehen musstest...

Fertig ist ein Streit, der schwer zu kanalisieren ist, denn er kommt in seiner epischen Breite ganz unerwartet. Schließlich: Im Beziehungsalltag, den es ja überwiegend unter sich gestaltet, hat jedes gute Paar doch bald Codes, Filter und Gewohnheiten entwickelt, die ein angenehmes Zusammenleben ermöglichen und den Anderen gewähren lassen, bis hinein in manche Macken, die man mit der Zeit eben ausblendet, akzeptiert, klein redet. Je länger die Zweisamkeit währt, desto fester schleift sich diese Verzahnung aus Liebe, Ertragen und Gewohnheitsrechten ein und das ist ein ganz natürlicher und wichtiger Prozess. Er ermöglicht den Übergang vom puren Verliebtsein hin zu einem starken Vertrauensbündnis, das letztlich auf genau diesem Nichtangriffspakt basiert. Er besagt: Hey, wird kennen unsere Schwächen, wir sind beide nicht perfekt, aber unsere Beziehung kann trotzdem perfekt sein. Nur komisch, dass dieser Nichtangriffspakt immer wieder dann verletzt wird, wenn man als Paar aufgetreten ist und eigentlich nichts anderes zu tun gehabt hätte, als das glückliche Paar zu sein, das man ist. Stattdessen sieht man seinen Partner bei solchen Anlässen auf einmal mit ganz anderen Augen, Augen in denen er plötzlich nur noch schwer bestehen kann, aneckt oder man sich tatsächlich auf einmal mit Grundsatzfragen trägt: Was ist der andere eigentlich für ein fremder Mensch? Würde ich mich auch noch hier und jetzt in ihn verlieben?

Man steigert sich also eine künstliche Distanz, von der man annimmt sie wäre die gleiche Distanz, mit der alle anderen am Tisch sich an seiner lauten Stimme oder schlaffen Witzen stören. Dabei ist man viel kritischer, viel feindlicher als alles anderen! Die nehmen doch meist die bemängelten Details nicht mal wahr, weil sie für diese Dinge natürlich kein so ausgeprägtes Organ haben. Was sie wahrnehmen ist im Gegenteil: Wie der immer genervt geguckt hat, als sie was erzählt hat! Wie die bei ihm jedes Bier gezählt hat! Störend wirkt vermutlich weniger der vermeintliche Tollpatsch, als der sichtbar genervte oder angespannte Partner. Was an ihm in diesen Situationen so nagt, dass er es hinterher aussprechen muss und nicht einfach vergessen kann, ist auf der einen Seite die natürliche Unsicherheit, die uns mal stärker und mal schwächer umfängt  - in allen Bereichen. Haben wir bei der Uni-Wahl alles richtig gemacht, war die Entscheidung für die andere Stadt wirklich die beste, wo es doch hier eigentlich doch schön ist?

Es liegt nahe, dass diese Unsicherheit bei größeren Ansammlungen netter Menschen guten Nährboden findet, aber es ist auch unfair: Da sitzt unser nichtsahnender Partner auf einmal zwischen zehn anderen Vergleichspartnern, die alle aus ihren Beziehungen an diesem Abend angereist sind. Die anderen sind neu und glitzerig, der eine ist alt und etwas abgegriffen. Es ist weniger Lust auf andere, die dabei eine böse Rolle spielt, als die Furcht, die eigene Liebe wäre irgendwie weniger gut gepflegt und vorzeigbar als die anderen. Man hat den lächerlichen Verdacht, gleich würde einer aufstehen und fragen, wie man es nur mit einem Menschen aushalten kann, der die ganze Zeit eine so langweilige Amsterdam-Geschichte erzählt.

Es ist auch ein bisschen, wie bei dem Bauer, der seinen Käse nach einem Almsommer ins Tal rollt, wo die anderen Bauern von den anderen Almen mit ihren Käsen warten. Auf einmal sieht sich der Stolz auf das eigene Produkt von vielen Stolzen und vielen ähnlichen Produkten umringt, die vielleicht größer, gelber oder mehr sind. Genauso reihen sich an einem Pärchenabend die Meisterleistungen und Errungenschaften der eigenen Beziehung und des geliebten Menschen in die Menge der anderen ein. Es ist nicht immer einfach, sich dann gleich zu erinnern, warum man diesen Käse/Partner genau so gemacht/geliebt hat, wie er jetzt da steht. Aber es ist einfach, sich an gestern, vorgestern und das Jahr vor vorgestern zu erinnern, wo man mit dem ganzen Inventar der eigenen Liebe doch noch komplett zufrieden war. Wo man dankbar war, dass man fix und fertig seine Sachen in die Ecke und sich selber in die wartenden Arme werfen konnte, wo nichts erklärt, bewiesen und gewagt werden musste. Da war man zusammen und textsicher und machte den Käse, so gut man eben konnte.

Auf einem Fest voller Paare aber, ist jedes Paar plötzlich auf einer Bühne und die Dialoge, die gesprochenen und ungesprochenen, die gestern noch so richtig klangen, wirken dort bisweilen komisch. Wir sind nervös und zwar nicht nur für uns, sondern - und das ist die andere Seite unserer Unsicherheit - vor allem auch für den anderen. Wir wollen nicht, dass er gleich die Flasche umwirft, weil wir ihn lieben. Dann tut er es doch und wir sind sauer - auf ihn. Das ist komisch, aber es ist eben auch normal und lässt immerhin einen tröstenden Schluss zu: Wenn ein Paar auf dieser schwierigen Bühne wie perfekt und echt wirkt, dann müssen es Schauspieler sein. Oder eben Frischverliebte.

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