Terry Richardson – „Terryworld“

Illustration: karen-ernst Hohes Gericht, verehrte Geschworene! Ich stehe hier vor Ihnen, nicht nur um Sie von der Unschuld meines Mandanten zu überzeugen.
art-bechstein

Illustration: karen-ernst Hohes Gericht, verehrte Geschworene! Ich stehe hier vor Ihnen, nicht nur um Sie von der Unschuld meines Mandanten zu überzeugen. Sondern auch, um Ihnen zu beweisen, dass die Menschen, die ihn schmähen und ihn einsperren wollen, böse Menschen sind. Der gängigste Vorwurf lautet, dass Mr. Richardson nicht Kunst, sondern Pornographie produziere. Dies ist sogar oft von seinen Fans zu hören, die von „Porn Chic“ und „Porno-Glamour“ sprechen. Nicht, dass mein Mandant besonders großen Wert auf das Etikett „Kunst“ legen würde, aber ihn als Pornographen zu bezeichnen ist schlicht falsch. Denn Pornographie arbeitet mit Klischees und wendet große Mühen (von Anbläserinnen bis zu falschem Sperma) auf und will den gezeigten Sex dennoch ganz normal wirken lassen. Sie inszeniert – versucht eine Illusion zu erzeugen. Mr Richardsons Fotos sind hingegen häufig unvollkommen, sie sind die Dokumentation von realen Menschen oder von realen Beziehung. Niemand tut in ihnen so, als würde er eigentlich nur eine Pizza ausliefern wollen, um dann die Hausfrau mit grellem Lippenstift und aufdringlich falschem Stöhnen in der immergleichen Reihenfolge von Stellungen zu vögeln. Mr Richardsons Bilder sind ehrlich und aufrichtig – und das ist oft mehr als seine Kritiker von sich behaupten können. Wenn man die Fotos meines Mandanten angreifen möchte, kann man ihnen allenfalls vorwerfen, sie seien obszön. Dies wiederum ist ein Begriff, bei dem jeder Mensch seine eigene, individuelle Grenze finden möge. Niemand muss sich ein Richardson-Foto über den Kamin hängen oder seinen Kindern vor dem Einschlafen zeigen. Man muss sie nicht mögen. Ich persönlich – verzeihen Sie diese private Abschweifung, aber sie dient der Sache – finde es extrem lustig, wenn jemand seinen schlaffen Penis um sein Handgelenk wickelt, das Zifferblatt einer Uhr drauf malt und dieses dann fotografiert. Es macht mir sagenhaft gute Laune, wenn sich ein Mann mit nacktem Hintern und Katzenmaske über ein Katzenklo kauert. Wenn Mr Richardson den Faden eines Tampons als Zahnseide benutzt – oder ein offensichtlich betrunkenes Batman-und-Robin-Pärchen die Strumpfhosen runterlässt und sich küsst. Ein letzter Vorwurf, zu dem ich in diesem Plädoyer Stellung nehmen muss: „Solche schrecklichen Bilder will ich mir nicht ansehen“ hört man immer wieder, wenn man die Menschen mit der Person Terry Richardson konfrontiert. Entschuldigung meine Damen und Herren, wir sprechen von ein paar nackten Menschen, die Spaß an dem haben, was sie tun. Das finde ich weit weniger schrecklich als verbrannte Leiber aus dem Irak in den Fernsehnachrichten. Harmlos, im Vergleich zu Bildern von jungen Menschen, die sich von einer debilen Jury aus abgehalfterten Kokainabhängigen sagen lassen müssen, ob sie singen und tanzen können. Geradezu lachhaft im Vergleich zu Illustrierten, die ohne zu Zögern die Hinterbliebenen von Flutopfern in ihrer Trauer zeigen. Ja, meine Damen und Herren, Sie haben Recht: Die Bilder meines Mandanten sind nichts als Sex. Seine Kameraobjektiv ist ein zweiter Phallus. Ich frage Sie: Na und? Sex (unter Erwachsenen und in gegenseitigem Einverständnis) ist nichts Verwerfliches und zum Glück noch nicht strafbar. Oder um es mit den Worten meines Mandanten zu sagen: „Natürlich geht es mir um Sex – warum sonst haben Hosen vorne ein Loch?” Hohes Gericht, verehrte Geschworene – ich danke Ihnen. Ich vertraue darauf, dass Sie zu der richtigen Entscheidung gelangen werden. Terry Richardsons Bildband „Terryworld“ ist vor kurzem bei TASCHEN erscheinen. Weitere Texte aus der Rubrik Sexkritik gibt es auch hier