"Wann ziehst du endlich her?"

Je länger eine Fernbeziehung dauert, desto öfter stellen einem Freunde und Familie die Frage, wann man denn endlich zusammenzieht. Unsere Autorin fordert: Lasst das bitte sein!
Von Valerie Dewitt
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Foto: UlrikeA / photocase.de

Wenn ich schlechte Laune habe, dann fluche ich auf die Situation. Dann will ich so schnell wie möglich die ständigen Zugreisen und allabendlichen Telefongespräche durch Montagabend nach Hause kommen und sich in der gemeinsamen Küche zwei Bier aufmachen ersetzen. Aber meistens funktioniert sie gut, meine Fernbeziehung, und das schon seit über fünf Jahren. Die Worte „Fernbeziehung“ und „glücklich“ sind nämlich nicht zwingend ein Widerspruch. Doch je länger diese Beziehung andauert, desto häufiger scheinen die Menschen um einen der Meinung zu sein, dass sie langsam aber sicher ihre Legitimation verliert. Dass es bald aber wirklich mal an der Zeit sei, den Bahn-Card-comfort-Status aufzugeben, das Handy wegzulegen und zusammen zu ziehen. 

Meine zehn Finger reichen nicht aus, um zu zählen, wie oft ich im Verlauf des letzten Jahres gefragt wurde, wann mein Freund denn endlich zu mir oder ich zu ihm ziehen würde. In meiner Stadt fragen sie mich, wann er herkommt, in seiner , wann ich herkomme, und ihm geht es andersherum genauso. Sie fragen „wann“ und nicht “ob“. Die Freunde fragen und die Familie fragt dann rudert man einen Moment und sagt so etwas wie: „Mal gucken...“, „Weiß nicht...“, „Also langfristig ist das schon geplant, aber...“ und wechselt möglichst schnell das Thema. Ja, manchmal fordere ich die Frage heraus, wenn ich einen schlechten Tag habe und darüber klage, wie sehr es mich nervt, morgen schon wieder in den Zug und so weiter. Aber meistens passiert es tatsächlich einfach so, aus heiterem Himmel, als beginne man gerade den nettesten Smalltalk. Und das fühlt sich an, als habe das Gegenüber gerade so nebenbei „Wann hörst du endlich auf, so beschissen auszusehen?“ gefragt. Als sei da etwas total falsch im eigenen Leben, obwohl es sich bisher die meiste Zeit richtig angefühlt hat. Die Frage setzt einen unter Druck. Und unter Druck stehen und Liebe geht nicht gut zusammen.

Es ist ja nicht so, dass wir darüber nicht längst nachgedacht hätten. Dass wir nicht schon mal alle Optionen abgewogen, Pläne geschmiedet und Zeiträume austariert hätten, um aus der Ferne eine Nähe zu machen. Aber das ist nicht so einfach wie es von Außen manchmal aussieht. Zumindest nicht, wenn man gewisse Ansprüche hat. Zum Beispiel, dass man etwas anderes, das man liebt, nicht einfach so aufgibt. Dass man nicht den Job kündigt und in eine andere Stadt zieht, ohne dort eine Aufgabe zu haben. Oder dass man nicht finanziell völlig abhängig vom anderen sein will. Keiner von uns möchte das. Und vor allem: Keiner von uns verlangt das vom anderen. Nie haben wir uns diese Frage mit dem fordernden "endlich" darin gegenseitig gestellt. Wenn sie dann wiedermal von Außen kommt, möchte man als erstes laut „Danke, diese Frage habe ich mir auch schon mal gestellt!“ rufen und bekommt als nächstes das Gefühl, dass man die falsche Einstellung hat. Dass man gefälligst Zugeständnisse zu machen hat und dass mit der Liebe was nicht stimmen kann, wenn man diesen Schritt in den vergangenen fünf Jahren nie getan hat und jetzt nicht sofort dazu bereit ist. 

Die Frage klingt immer ganz sachlich und salopp, aber eigentlich steckt darin eine riesige Portion Romantik. Sie könnte auch lauten: „Wann brichst du endlich alle deine Zelte ab und kommst hierher, wo du tief in deinem Herzen längst hingehörst?“ (Dass es auch Vertreter der ebenso radikale Gegenseite gibt, die einem am liebsten eine Ohrfeige geben würden, wenn man auch nur entfernt nach Optionen sucht, für die Liebe die Stadt zu wechseln, ist eine andere Geschichte.) Ich fürchte, wir sind dafür nicht romantisch genug. Oder aber wir sind glücklich genug, die Anstrengung und die Schwierigkeiten meistens einfach zu umschiffen und uns nur an besonders schweren Tagen an den Probleme-Tisch zu setzen und nach einer Lösung zu suchen. So kommen wir ihr Stück für Stück näher. Es ist ein langsames „zwei Leben aneinander heranführen und irgendwann einrasten-Lassen“. In diesen Prozess sollte man nicht mit forschen Nachfragen hineingrätschen.

Vor allem aber sollten Beobachter einer Fernbeziehung nicht davon ausgehen, dass sie auf Dauer nicht funktionieren kann.  Und diese eine alte Devise beachten: Man mischt sich nicht in andere Beziehungen ein, außer man wird um Rat gefragt oder von einem der Betroffenen in ein Gespräch darüber verwickelt. Die Frage „Wann ziehst du endlich her?“ möchte ich jedenfalls nicht mehr hören. Irgendwann tue ich es vielleicht. Ich sag dann auch bescheid, versprochen.

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