Warum küsst ihr euch eigentlich die ganze Zeit?

Paare, die ständig und überall knutschen, nerven. Doch woher kommt der Drang zur öffentlichen Schau-Knutscherei?
Von Sascha Chaimowicz
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Illustration: Katharina Bitzl

In meinem Freundeskreis sind momentan alle genervt von Mandy. Mandy ist das, was nach fünfmonatiger Intensivpartnerschaft zwischen Mara und Andy herausgekommen ist. Andy hätte keiner zugetraut, dass er ein Beziehungstyp ist, und Mara war eher von der Sorte „unbekümmerter Single“. Egal, jetzt sind sie unzertrennlich und knutschen die ganze Zeit, immer noch, nach fünf Monaten.

Dabei ist es Mandy egal, ob sie gerade mit Maras Freundinnen am Sonntagnachmittag im Cafe sitzt oder bei Andy auf dem Dachboden beim wöchentlichen DVD-Abend mit Freunden. Und das, obwohl die Zeit, in der Jungs und Mädchen mangels räumlichen Alternativen den Schulflur zum Petting nutzten, eigentlich vorbei ist.

Als Andy seine Freundin das erste Mal küsste, war Oktoberfest und der Kuss bedeutete für den Freundeskreis ein Happy End einer sich schon seit Wochen ankündigenden Romanze – also kein Problem, dachten wir, das ist doch schön. Sehr wohl ein Problem ist die Situation, in der sich das Paar mit einem Freund trifft und eine Atempause in einer Erzählung nutzt, um zu züngeln. Für den Freund bleibt die Möglichkeit, verschämt wegzugucken und einen Schluck Cola zu nehmen. Während dem Kuss herrscht bedrückende Ruhe am Tisch. Merkt das Paar denn nicht, wie peinlich die Situation ist?

Womöglich nicht. „Junge Leute sind unbekümmerter als Ältere, was ihre Wirkung auf die Umgebung betrifft“, sagt Psychologin Dr. Eva Wlodarek. Der Kuss also als bloße Unachtsamkeit? Tatsächlich erscheinen die Küssenden oft als dermaßen geistesabwesend, dass diese Theorie nicht abwegig ist. Viel überflüssiger kann man sich als Freund eines solchen Paares kaum fühlen. Da unterhält man sich gerade über die großen, vielleicht gemeinsamen Reiseziele für den Sommer und zwei Sekunden später hat dieses Paar vergessen, dass man da ist?

Vielleicht ist es dem Paar auch einfach egal, was die anderen gerade denken, ob sie sich durch ständiges Schau-Knutschen genervt fühlen. Auf gefühlt jedem Konzert steht ein Paar in der Nähe, das engumschlungen-sabbernd Küsse austauscht. Psychologin Wlodarek spricht von „jugendlichem Egoismus“ und dem Wunsch junger Menschen nach Rebellion. Folgt man dieser Argumentation, wäre es für den betroffenen Freundeskreis ratsam, die Vielknutscher zu ignorieren. Diese könnten das Naserümpfen ihrer Umgebung als Aufforderung empfinden, ihre Kuss-Zahl zu erhöhen und durch ihre „freie Liebe“ gesellschaftliche Stricke zu durchtrennen. Derart politisiertem Knutschen ist eben nur noch geballte Gleichgültigkeit entgegenzusetzen.

Eine naheliegende Begründung wäre das demonstrative Element, das den öffentlichen Küssen innewohnt. In unserer hitzigen, aufgesexten Jugendwelt giert jeder nach jedem, könnte man meinen, läse man nur oft genug Teeniemagazine. Paare sind daher darauf angewiesen, ihrer immergeilen Umgebung klarzumachen, wer zu wem gehört. Die Küsse sind also als Schutzschild gedacht vor Angriffen fremder Verehrer.

Andy und Mara sind nunmehr seit fünf Monaten zusammen. Sie küssen sich so oft wie am ersten Tag, doch ein Blick in die After-Kiss-Gesichter der Züngelnden verrät mehr, als sie preisgeben wollen. Am Anfang der Beziehung sprühte es vor Zufriedenheit und Stolz, vor angestrengten Versuchen, Tom Cruise’sches Verliebtheitslachen zu unterdrücken. „Seht her, ich habe es geschafft“, will es aus dem Verliebten herausbrechen. Heute, nach fünf Monaten, sind die After-Kiss-Gesichter nicht mehr dieselben. Andy und Mara sitzen auf Parties immer noch nebeneinander, streicheln sich gegenseitig über die Handrückenflächen, sprechen jedoch nicht mehr viel miteinander. Ihre Küsse wirken wie eine Bestätigung ihres Status quo – ja, wir sind zusammen, mag sein, dass ich dich nicht mehr so beachte wie früher auf Parties, doch hier, als Siegel dafür, dass ich alle vier Minuten an dich denke, drehe ich mich zu dir hin und es gibt einen Kuss.

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